Spielkamerad und Therapeut: Roboter sollen autistischen Kindern helfen

Vollautomatischer Kumpel als Weg aus der Einsamkeit: Forscher testen den Einsatz humanoider Roboter bei der Therapie von autistischen Kindern - unter anderem, weil die Mimik der Maschinen weniger kompliziert zu entschlüsseln ist als die der meisten Menschen.

Kind und Roboter (Archivbild): "Weniger kompliziert als Menschen" Zur Großansicht
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Kind und Roboter (Archivbild): "Weniger kompliziert als Menschen"

New Haven - Ein kleiner Spielzeugroboter führt einen Karateschlag aus, trommelt auf seiner Minitrommel oder reicht die Hand zum Schütteln - ein Kind imitiert jede seiner Bewegungen und ist entzückt von seinem neuen Spielkameraden. Eltern kennen die Faszination, die Roboter auf ihren Nachwuchs ausüben. Bei autistischen Kindern allerdings scheint noch etwas wesentlich Wichtigeres zu passieren.

Forscher arbeiten seit einiger Zeit daran, die motorischen Fähigkeiten und die soziale Kommunikation von Kindern mit Autismus mit Hilfe von Robotern zu verbessern. Noch gibt es wenige klinische Studien zur Roboter-Kind-Interaktion als Therapie. Vor rund zwei Jahren startete Anjana Bhat von der University of Connecticut in New Haven erste Beobachtungsreihen mit einer Handvoll autistischer Kinder.

Mittlerweile kommen bei dem Forschungsprojekt zwei humanoide Roboter eines französischen Herstellers zum Einsatz. "Nao" ist 60 Zentimeter groß und hat in etwa die Gestalt eines Kleinkinds. Seine Bewegungen sind langsam und simpel, und er spricht einige kurze, englische Sätze. "Autistische Kindern fühlen sich zu humanoiden Robotern hingezogen, denn sie sind weniger kompliziert als Menschen," erklärt Bhat.

Die Wissenschaftlerin entwickelt nun mit einer Forschergruppe und finanzieller Hilfe des National Institute of Mental Health (NIMH) eine Reihe von elektronischen Helfern. Es geht um therapeutische Programme, die Bewegungsfähigkeit und Ausdrucksvermögen von autistischen Kindern auf die Sprünge helfen sollen.

Probanden mögen Roboter zunächst mehr als Menschen - weil sie simpler sind

Grobmotorik und Gleichgewichtssinn bei autistischen Kindern - Fachleute sprechen vom autistischen Spektrum (ASD) - sind häufig eingeschränkt. Außerdem haben die Betroffenen Schwierigkeiten, komplexere Bewegungen nachzuahmen. Mit Hirnscans und Sprachtests arbeiten Wissenschaftler an neuen, noch schnelleren Analyseverfahren. Die Ergebnisse zeigten unter anderem, dass die Störungen mit daran Schuld sind, dass autistischen Kindern soziale Kommunikation so schwer fällt.

Neuere Daten zeigten nun, dass die Interaktion mit den Robotern die Kinder motiviert. Egal, ob sie unter ASD leiden oder nicht: Junge Probanden fühlen sich zunächst wohler mit den Humanoid-Computern als mit Menschen. Das liegt daran, dass die Interaktion einfacher und besser vorhersehbar ist. Die Sympathie weite sich jedoch auch auf die anwesenden menschlichen Helfer aus, erklärt Bhat.

Die "Nao"-Therapie kann mit einer Verbeugung, Händeschütteln oder zur Umarmung ausgestreckten Armen beginnen. Das Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten wird dann schrittweise erweitert. Mit herab sinkenden Schultern und gesenktem Blick kann die Kunstfigur zum Beispiel zeigen, dass sie traurig ist. Der Gesichtsausdruck eines Menschen verwirrt autistische Kinder oft - weil er zu flüchtig und komplex ist. Bei den Maschinen läuft die Mimik dagegen langsamer ab. Je nach Software kann "Nao" auch Freude, Angst oder Ärger ausdrücken und sogar Thai-Chi-Routinen zu Musik ausführen.

Auch an den University of Southern California sowie an den Hochschulen in Yale und im englischen Hertfordshire experimentieren Mediziner mit Robotern und autistischen Kindern. Sowohl Wissenschaftler als auch beteiligte Eltern halten die Studien für vielversprechend. Die Briten konzentrieren ihre Arbeit mit einem Budget von gut drei Millionen Dollar auf die emotionalen Fähigkeiten der Cyber-Helfer. In Bamberg etwa haben Forscher mit Hilfe der Spielzeug-Dinosauriers "Pleo" die Mensch-Roboter-Interaktion untersucht.

In Connecticut studieren Bhat und ihr Team die Verbesserung der motorischen Fähigkeiten. Eines Tages könnten die Roboter als erster Kontakthelfer dienen - und dabei helfen, dass sich Therapeuten und Kindern näher kommen.

Fotostrecke

4  Bilder
Plüsch-Roboter: Große Augen, weiches Fell

In Japan kommen Roboter bereits zu therapeutischen Zwecken zum Einsatz: Die kuschlige Kunstrobbe "Paro" vom japanischen National Institute of Advanced Industrial Science and Technology soll alten Menschen dabei helfen, den Spaß am Leben zu behalten (siehe Fotostrecke).

Erich Bonnert, apn

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