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Spitzenforschung in Bonn: Neues Demenzzentrum nimmt Kampf gegen Alzheimer auf

Von Christian Schwägerl

So eine Chance bekommen nur wenige Wissenschaftler: 500 Stellen darf der Italiener Pierluigi Nicotera an einem nagelneuen Demenzzentrum in Bonn besetzen - mit 66 Millionen Euro jährlich. Er soll die alternde Gesellschaft von der Alzheimer-Plage befreien - und warnt vor zu viel fernsehen.

Berlin - Obwohl er sich mit einem der dunkelsten Seiten des Lebens beschäftigt, dem krankhaften Absterben von Gehirnzellen, hat sich Pierluigi Nicotera seinen Humor bewahrt. Auf die Frage, warum er Gehirnforscher geworden sei, zitiert er Woody Allen: "Es ist mein zweitliebstes Organ."

Demenzforscher Pierluigi Nicotera: Leiter eines "europaweit einmaligen" Zentrums
University of Leicester

Demenzforscher Pierluigi Nicotera: Leiter eines "europaweit einmaligen" Zentrums

Vor dem 53 Jahre alten Mediziner liegt eine gigantische Aufgabe. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) hat ihn am Donnerstag zum Gründungsdirektor des "Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen" (DZNE) berufen. Bisher war der Forscher in Großbritannien tätig, als Direktor der Toxikologie beim Medical Research Council.

Das Kürzel DZNE steht für einen doppelten Aufbruch. Zum einen wird die Forschung an Alzheimer und anderen neurodegenerativen Krankheiten in Deutschland erheblich aufgewertet. Bisher führte sie eher ein Schattendasein, nun werden auf dem Bonner Venusberg und an mehreren "Satellitenstandorten" neue, bestens ausgestattete Labore entstehen, die bis zu 500 Wissenschaftlern Platz bieten. Zum anderen steigt Schavan in eine neue Phase der Forschungsplanung ein: Das Bonner Zentrum, das zur Helmholtz-Gemeinschaft gehört, soll eng mit umliegenden Kliniken, Hochschulen, Max-Planck-Instituten und der Industrie verzahnt arbeiten.

"Wenn wir versagen, dann liegt es nicht an der mangelnden Unterstützung durch Bund und Länder", sagte Nicotera am Donnerstag in Berlin. Das neue Zentrum sei "europaweit einmalig" und seiner Meinung nach ein Vorbild für die ganze Welt. "So planvoll und gezielt wird nirgendwo anders Demenzforschung betrieben", sagte der Wissenschaftler.

Auf der Suche nach molekularen Spuren

Forschungsministerin Schavan malte ein düsteres Bild für den Fall, dass die Mediziner und Biologen es nicht schaffen, die Ursachen des krankhaften Gehirnverfalls zu ergründen und Therapien zu entwickeln. "Die ganze EU ist schon jetzt massiv von Demenzkrankheiten betroffen", sagte sie. Bis zu 4 Millionen Menschen könnten in Deutschland zur Mitte des Jahrhunderts demenzkrank sein. Heute sind es rund 1,2 Millionen Menschen. Der Grund für die wachsenden Zahlen ist, dass die Menschen immer älter werden und immer rüstiger ins hohe Alter eintreten, der Ausbruch von Alzheimer und anderen Krankheiten sich bisher aber kaum nach hinten verschoben hat.

Nicotera hat vor, die Krankheiten von allen Seiten zu attackieren. Es gelte, die Grundmechanismen zu verstehen, nach denen die Schäden im Gehirn entstünden. Besonders wichtig sei es, die Anfänge der Krankheiten zu untersuchen und "frühe Biomarker" zu finden, also molekulare Spuren, die den Beginn einer Demenzerkrankung erkennen lassen.

Dazu will der Forscher auf die geplante "Helmholtz-Kohorte" zurückgreifen, eine Gruppe von mehreren Tausend Deutschen, die im Namen der Wissenschaft künftig regelmäßig auf Herz und Nieren untersucht werden sollen. Die Demenzforscher wollen mit Hilfe von Gehirnbildern, Blutuntersuchungen, Informationen über den Lebensstil und Genanalysen verfolgen, welche Faktoren Demenzen begünstigen oder verhindern.

"Man hat zum Beispiel soeben herausgefunden, dass Menschen, die ständig vor dem Fernseher herumgammeln statt sich körperlich und geistig zu betätigen, ein höheres Risiko haben, an Alzheimer zu erkranken", warnte Nicotera. Das, sagte er, "ist doch eine wertvolle Information."

Spitzenforschung am Rhein

Für mögliche Therapien gebe es viele Ansätze: "Klassische Pharmawirkstoffe, Stammzellen, Gentherapie, Impfung". Man werde sie alle verfolgen, doch Hoffnung auf schnelle Lösungen gebe es nicht. Mindestens zehn Jahre werde es dauern, bis die Grundlagen für ursächliche Therapien gelegt seien.

Ziel der Forschung sei es auch, betroffenen Patienten und ihren Angehörigen zu mehr Lebensqualität zu verhelfen. "Gerade für pflegende Angehörige ist die Krankheit eine ungeheure Belastung", sagte er, "wir versuchen Wege zu finden, ihnen zu helfen."

In den kommenden Monaten werde er versuchen, die weltweit besten Forscher des Feldes zu rekrutieren, kündigte der Gründungsdirektor an. In Bonn bieten sich demnach erhebliche Karrierechancen für junge Biomediziner. Für Spitzenkräfte werde es auch Spitzengehälter geben.

Zusätzlich attraktiv ist das neue Institut, weil im Umkreis zahlreiche weitere exzellente Forschungseinrichtungen arbeiten. Nordrhein-Westfalen entwickelt sich mit dem DZNE zu einem weltweit führenden Zentrum der Alters- und Gehirnforschung. So ist das Forschungszentrum Jülich bereits bekannt für seine Expertise bei der Gehirn-Bildgebung und für Tiefenstimulation bei Parkinson. In Köln gibt es das Max-Planck-Institut für Neurologie und das neue Max-Planck-Institut für die Biologie des Alterns. Und in Bonn selbst ergänzt die Universität mit ihrem Stammzellzentrum sowie das Forschungsinstitut Caesar, das sich neuerdings ebenfalls auf das Gehirn konzentriert, das Spektrum.

Der Italiener Nicotera freut sich schon auf seinen neuen Wirkort: "Ich habe bereits fünf Jahre an der Universität Konstanz gearbeitet und liebe Deutschland", sagte er. Es sei eine "ideale Mischung aus nordischer Effizienz und südlicher Geselligkeit."

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