Sponsoring: Industrie-Geld verzerrt Getränkestudien

Hunderte Studien haben den gesundheitlichen Schaden und Nutzen von Milch, Saft und Limonade untersucht. Forscher haben jetzt geprüft, ob Geld von Getränkeherstellern den Ausgang der Untersuchungen beeinflusst hat. Das Ergebnis ist eindeutig.

Milch macht die Knochen stabiler, Saft stärkt das Immunsystem und Cola erhöht das Risiko für Diabetes: Getränke können gesund sein, aber auch krank machen. Welche Effekte diese Nichtalkoholika auf die Gesundheit haben und ob diese gut oder schlecht sind, haben Hunderte Studien untersucht. Allerdings: Das Ergebnis solcher Untersuchungen hängt stark von den Interessen der jeweiligen Geldgeber ab, berichten US-Ernährungswissenschaftler. Wurden die Studien ausschließlich im Auftrag von Saft-, Milch- oder Limonaden-Herstellern durchgeführt, fiel das Resultat vier- bis achtmal so häufig positiv aus wie in anderen, nicht von der Industrie gesponserten Fällen.

Milch: Von der Industrie finanzierte Studien ergeben öfter einen gesunden Effekt von Getränken
DPA

Milch: Von der Industrie finanzierte Studien ergeben öfter einen gesunden Effekt von Getränken

"Die Industriefinanzierung von Wissenschaftsartikeln können deren Schlussfolgerungen zugunsten der Produkte der Sponsoren verzerren", schreibt ein Team um den Ernährungsexperten Lenard Lesser vom Childrens Hospital in Boston im frei zugänglichen Wissenschaftsmagazin "PLoS Medicine".

Mit Unterstützung der US-Verbraucherorganisation Center for Science in the Public Interest haben die Forscher 538 Studien über Limonaden, Milch und Saft ausgewertet, die zwischen Januar 1993 und Dezember 2003 in der Fachpresse publiziert wurden. Ein Kriterium der Untersuchung war die Finanzierung der einzelnen Studien: Wurden sie von der Getränkeindustrie vollständig, zum Teil oder gar nicht gesponsert – oder wurde dazu überhaupt nichts angegeben? Ein weiteres Kriterium war, ob das untersuchte Produkt als "gut", "schlecht" oder "neutral" für die Gesundheit einstuft wurde.

206 der Studien stellten einen direkten Zusammenhang zwischen Nutzen für die Gesundheit und dem untersuchten Getränk dar - etwa Knochenstabilität und Milchkonsum oder ein besseres Immunsystem durch Antioxidantien in Säften.

111 davon enthielten Informationen über die Finanzierung: 24 Studien waren vollständig von Unternehmen bezahlt, 35 waren teilweise gesponsert, die restlichen 52 gaben eine Mischfinanzierung an. Je nach Studientyp machten die gänzlich von der Industrie finanzierten Untersuchungen gar keinen oder nur in sehr wenigen Fällen eine negative Wirkung der untersuchten Getränke aus. Von den Studien, die unabhängig von industriellen Sponsoren durchgeführt wurden, wurden die Getränke öfter als ungesund eingeschätzt.

Ernährungswissenschaftler fordern Gegenmaßnahmen

Insgesamt stellten die Forscher eine Tendenz fest: Komplett von der Industrie gesponserte Untersuchungen brachten vier- bis achtmal häufiger Ergebnisse, die den Auftraggebern genehm sind. Die Geldgeber beeinflussen das Ergebnis von Studien - mit Auswirkungen auf die Volksgesundheit, so das Fazit der Forscher.

Es sei jedoch nicht eindeutig, woher diese Verzerrung komme, schreiben Lesser und seine Kollegen. Der finanzielle Konflikt sei nicht der einzige Grund. "Es gibt verschiedene Mechanismen, die sie verursachen können."

Sollten sich diese Resultate durch weitere Untersuchungen bestätigen, sei ein Nachdenken über Gegenmaßnahmen sinnvoll, heißt es in "PLoS Medicine". Zum Beispiel könnten Forscher freiwillig darauf verzichten, industrielle Unterstützung anzunehmen, schreibt Lessers Team. Zudem könnten auch die Fachzeitschriften strengere Regeln für die Publikation industriefinanzierter Studien einführen. Manche Zeitschriften verlangen bereits, dass die publizierenden Wissenschaftler angeben, ob sie in einem sogenannten Conflict of Interest stecken. Ob und wie gewissenhaft die Forscher dem nachkommen, ist allerdings ungewiss.

Die US-Getränkeindustrie wies die Kritik in dem gerade erst publizierten Artikel von Lessers Team zurück: Die Autoren hätten ihre eigenen Vorurteile unter Beweis gestellt, indem sie sich nur für die Finanzierung der Studien interessierten, nicht aber für deren wissenschaftlichen Wert.

fba/AP/dpa

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