Spontanheilung Wenn Krebs von selbst verschwindet

Bei Krebspatienten geschieht in sehr seltenen Fällen Rätselhaftes: Die Tumoren verschwinden anscheinend von selbst. Lange Zeit wurden Berichte über sogenannte Spontanremissionen von Medizinern wie Ufo-Meldungen behandelt. Mittlerweile aber regt sich das Forscherinteresse.

Von Jochen Kubitschek


Intensivstation eines Krankenhauses: Spontanbesserungen bei Krebspatienten stürzen Mediziner in Erklärungsnot
DPA

Intensivstation eines Krankenhauses: Spontanbesserungen bei Krebspatienten stürzen Mediziner in Erklärungsnot

Brigitte Winter (Name geändert) war 56 Jahre alt, als Ärzte die niederschmetternde Diagnose stellten: Lungenkrebs mit einem Tumor, der nicht mehr zu operieren war. Als die starke Raucherin während der Chemotherapie unter Nebenwirkungen zu leiden begann, brach sie die Behandlung ab. Sechs Monate später tauchten im Gehirn Metastasen auf. Die konventionelle Therapie verkleinerte die Tumorknoten zwar, konnte sie aber nicht beseitigen.

Normalerweise kommt eine solche Diagnose einem Todesurteil gleich. Die eigensinnige Frau Winter aber lebte weiter.

Obwohl die Kranke weiterhin jede Behandlung verweigerte, wie ein Schlot rauchte und auch einem guten Tropfen nicht abgeneigt war, lebte sie noch 15 Jahre relativ beschwerdefrei - und starb schließlich an einer ganz anderen Krankheit. Bei der Leichenöffnung fanden die Ärzte keine Spur des vorher eindeutig nachgewiesenen Lungenkrebses.

Der Fall, im Jahr 2000 im Fachblatt "Onkologie" dokumentiert, gehört zu den sehr seltenen sogenannten Vollremissionen, die Ärzten bis heute ein Rätsel sind. Nicht nur diese vollständigen, sondern auch die weniger spektakulären, kürzer anhaltenden Spontanbesserungen sind so ungewöhnlich, dass sie Mediziner in Erklärungsnöte stürzen.

Gehirn mit Metastasen (hellblaue Bereiche): In seltenen Fällen verschwinden die Tumoren ohne Therapie
UCSF

Gehirn mit Metastasen (hellblaue Bereiche): In seltenen Fällen verschwinden die Tumoren ohne Therapie

Herbert Kappauf, Onkologe am Klinikum Nürnberg, hat in einem Buch* versucht, einen Überblick über die in der medizinischen Weltliteratur dokumentierten Spontanremissionen zu schaffen. Im Interview mit der "Ärzte Zeitung" sprach der Mediziner kürzlich davon, dass er auf mehr als 1000 "wissenschaftlich einwandfrei" dargestellte Fälle gestoßen sei. Sein Fazit: Spontanbesserungen sind ein seit Jahrhunderten beobachtetes Phänomen, das praktisch unerforscht ist - und dessen Aufklärung äußerst lohnend sein könnte.

Lottogewinne seltener als Spontanbesserungen

Unter den jährlich rund 400.000 neuen Krebsdiagnosen allein in Deutschland dürften Spontanremissionen gar nicht so selten sein wie von vielen Medizinern vermutet, meint Kappauf. Die Chancen seien bei Krebsarten wie dem schwarzen Hautkrebs (Melanom), dem Neuroblastom, dem Nierenzell- oder auch Basalzellkarzinom (Altershautkrebs) allemal größer als sechs Richtige beim Lotto, deren Wahrscheinlichkeit bei etwa 1 zu 14 Millionen liegt.

Michael Wannenmacher, Professor an der Radiologischen Uniklinik Heidelberg, bestätigte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass dieser Vergleich durchaus realistisch ist. Wer mit der Hoffnung auf den Hauptgewinn Lotto spiele, habe eigentlich keinen vernünftigen Grund, bei einer Krebserkrankung nicht an die Möglichkeit einer Spontanremission zu glauben.

Onkologe Kappauf: "Sie unterstellten mir, dass ich die Röntgenaufnahmen vertauscht hätte"

Onkologe Kappauf: "Sie unterstellten mir, dass ich die Röntgenaufnahmen vertauscht hätte"

Tatsächlich dürfte die Chance für die Spontanbesserung im individuellen Einzelfall bei weitem größer sein, vermutet Kappauf. "Spontanremissionen sind in absoluten Zahlen betrachtet zwar sehr selten. Dies ändert aber nichts daran, dass sie bei einigen Krebsarten durchaus sogar im Prozentbereich liegen." Bei dem besonders gefürchteten schwarzen Hautkrebs (Melanom) etwa liege die Chance einer Spontanbesserung selbst nach der Bildung von Metastasen bei 1 zu 400. "Das zeigen systematische Erhebungen der vergangenen Jahre", sagt Kappauf gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Als Kappauf vor Jahren anhand des Schicksals eines eigenen Patienten auf das Phänomen der Spontanremissionen aufmerksam wurde, erntete er im Kollegenkreis freundliches Gelächter. "Sie unterstellten mir, dass ich die Röntgenaufnahmen vertauscht hätte." Doch die Lungenmetastasen seines Nierenkrebs-Patienten hatten sich laut Kappauf zurückgebildet, ohne dass eine entsprechende Krebstherapie durchgeführt worden war.

Weit verbreitete Skepsis

Strahlentherapeut Wannenmacher bestätigt, dass insbesondere die Lunge erstaunlich oft Schauplatz unerwarteter Besserungen von Tumorleiden ist. Bei Nierenkrebsfällen würden immer wieder eindeutig nachgewiesene Lungenmetastasen spurlos verschwinden, sobald der sogenannte Primärtumor operativ entfernt wurde. "Diese Spontanremission beruht vermutlich auf einem immunologischen Effekt, den wir bisher noch nicht befriedigend erklären können", erklärt der Mediziner, der 2003 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

Die erfolglose Ursachenforschung hat nicht wenige Ärzte dazu bewegt, Spontanremissionen generell als Märchen zu werten. In manchen Fällen ist die Skepsis durchaus berechtigt. Wannenmacher etwa musste erst kürzlich im Fernsehen mit ansehen, wie die Erholung eines krebskranken Kindes als wundersame Spontanheilung dargestellt wurde, obwohl der kleine Patient eine konventionelle Krebstherapie hinter sich hatte. Die aber hatte die Mutter offenbar schlicht verdrängt.

Melanom: Gefürchtete Form von Hautkrebs
AP

Melanom: Gefürchtete Form von Hautkrebs

Versuche, bei den unterschiedlichen Fällen dokumentierter Spontanbesserungen einen roten Faden und damit neue Therapiemöglichkeiten zu entdecken, liefen bislang ins Leere. Weder die gezielte Beeinflussung des Immunsystems, noch die Modifikation anderer biologischer Abläufe konnten als eindeutige Ursachen dingfest gemacht werden. Und auch die zeitweise sehr beliebten Erklärungsversuche mit psychoneuroimmunologischen Mechanismen erwiesen sich bei kritischer Betrachtung als Irrweg.

Schon vor fast 31 Jahren, im Mai 1974, hatten sich internationale Experten an der renommierten Johns Hopkins University in Baltimore, Maryland zur 1. Weltkonferenz über Spontanremissionen versammelt - und waren anschließend kaum schlauer als vorher. "Niemand hat einen Schimmer einer Idee, wie dieses Phänomen zustande kommt", bilanzierte Lewis Thomas, Direktor des New Yorker Sloan Kettering Cancer Center.

Eine realistische Betrachtung des Problems macht zwar deutlich, dass die wissenschaftlich noch nicht erklärbaren Spontanbesserungen bei bösartigen Tumoren sehr selten zu beobachten sind - wenn sie aber einmal vorkommen, spielt das Krankheitsstadium offenbar keine Rolle.

Dass viele Tumorpatienten die Hoffnung selbst im Endstadium ihrer Krankheit nicht aufgeben und auf eine scheinbar wundersame Heilung hoffen, kommentiert Kappauf mit einem türkischen Sprichwort: "Ein Ertrinkender klammert sich auch an ein Krokodil."




* Herbert Kappauf: "Wunder sind möglich". Herder-Verlag, Freiburg, 192 Seiten, 19,90 Euro.



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