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Sport-Psychologie: Rot ist die Farbe der Sieger

Im Fußball entscheiden längst nicht nur Teamgeist, technische Raffinesse und Kampfeswillen über Sieg oder Niederlage. Zwei neue Studien zeigen: Die Form des Heimstadions und selbst die Farbe der Trikots können den Ausgang eines Spiels entscheidend beeinflussen.

Spieler des FC Bayern nach dem Saisonsieg 2005: Rot ist die Farbe der Sieger
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Spieler des FC Bayern nach dem Saisonsieg 2005: Rot ist die Farbe der Sieger

Am Ende war bekanntlich alles wie immer: Die Bayern standen auf dem Rathausbalkon in München und schwenkten die Weizenbiergläser, die Schalker rollten ihren Rasen zum Trocknen in die Sonne und leckten ihre Wunden. Warum die blauen Helden des Potts es wieder nicht geschafft hatten, dem FC Bayern München den Titel wegzuschnappen, darüber gibt es eine Menge Theorien. Jetzt melden sich auch Wissenschaftler zu Wort: Eigentlich hätte Schalke Meister werden müssen - wegen der Arena. Und dann doch wieder nicht - wegen der Trikots.

Forscher vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn und von der University of Durham haben untersucht, was Kicker zu Siegern macht - abgesehen von dem, was den normalen Fußballfan so interessiert. Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Thomas Dohmen überprüfte den Einfluss von Stadionarchitektur auf das Wohl und Wehe der Mannschaften. Nach seinen Resultaten hätte Schalke die Meisterschaft holen müssen - denn die Arena auf Schalke ist Heimspiel-freundlich: weil sie ein Hexenkessel ist, ein reines Fußballstadion ohne Laufbahn ums Spielfeld.

Das Olympiastadion macht Unparteiische unparteiischer

Arena "Auf Schalke": Heimvorteil Hexenkessel
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Arena "Auf Schalke": Heimvorteil Hexenkessel

Wenn das Publikum Spielern und Schiedsrichtern so eng auf der Pelle sitzt, so das Resultat von Dohmens Analyse von mehr als 3500 Spielen, ist die Heimmannschaft im Vorteil. Denn im Hexenkessel entscheiden die Schiedsrichter im Zweifelsfall zugunsten der Heimmannschaft. Die bekam im Schnitt zum Beispiel mehr Nachspielzeit, wenn sie kurz vor Abpfiff zurücklag: War das Heimteam mit einem Tor im Rückstand, verlängerte sich die Nachspielzeit gegenüber der Situation "Heimteam in Führung" um fast eine Minute, wenn das Spiel in einem Stadion ohne Tartanbahn stattfand.

"Wahrscheinlich ist der Schiedsrichter einem höheren sozialen Druck ausgesetzt, wenn sich die Zuschauer direkt am Spielfeld befinden", interpretiert Wirtschaftswissenschaftler Dohmen das Ergebnis. Dafür spricht auch, dass der Heimbonus schwächer ausfällt, wenn der Gegner aus der Nähe kommt: Je mehr Fans die Reise zum Auswärtsspiel auf sich nehmen, desto ausgeglichener ist der Druck des Publikums.

Auch bei umstrittenen Torentscheidungen ist die Heimmannschaft immer dann im Vorteil, wenn ihre Fans nah am Rasen sitzen dürfen. Das gleiche gilt für Strafstöße: 857 Mal entschied ein Schiedsrichter vom Beginn der Saison 1993/94 bis zur Winterpause 2003/04 auf Elfmeter. Unabhängig vom Stadiontyp zählten die Betreiber der offiziellen Bundesliga-Datenbank häufiger falsche oder umstrittene Entscheidungen zugunsten der Hausherren: Nur 65 Prozent aller Heim-Elfmeter wurden demnach zu Recht verhängt. Bei Strafstößen für die Gäste lag die Quote immerhin bei 72 Prozent. In Stadien wie der Schalke-Arena zeigten die Unparteiischen zudem deutlich häufiger auf den Punkt als auf Plätzen mit Laufbahn.

Ballack gegen Kobiashwili (13. März 2005): Testosteron im Trikot
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Ballack gegen Kobiashwili (13. März 2005): Testosteron im Trikot

Einer zweiten Studie zufolge, die in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature" (Bd. 435, S. 293) erschienen ist, könnte den Schalkern etwas ganz anderes die Meisterschaft vermasselt haben - aber das werden sie wohl kaum hergeben wollen. Denn was wären die Königsblauen ohne ihr Königsblau?

Russell Hill und Robert Barton von der University of Durham deckten auf, dass Kleider nicht nur Leute, sondern Sieger machen können. Ihre Ergebnisse "legen nahe, dass das Tragen der Farbe Rot in Mannschaftssportarten einen Vorteil bringen kann", so die Forscher.

Ursprünglich hatten Hill und Barton die Ergebnisse von mehreren Kampfsportveranstaltungen bei der Olympiade im Jahr 2004 untersucht. Dabei zeigte sich: Rot ist die Farbe der Sieger. Die olympischen Regeln im Boxen, Taekwondo und Ringen lieferten den Anthropologen einen perfekten Datensatz, da den Kämpfern bei der Olympiade stets die Farbe Rot oder Blau zugelost wird. "Wenn Farbe keinen Effekt auf das Ergebnis von Wettkämpfen hat, sollte die Anzahl der Gewinner in Rot statistisch nicht von der Anzahl der Gewinner in Blau unterscheidbar sein", schreiben die Forscher.

"Die Farbe Rot kann einen Kampf kippen lassen"

Das war jedoch nicht der Fall: In zwei Drittel aller untersuchten Gewichtsklassen gewannen mehr Träger roter als blauer Trikots. Tatsächlich wirkte sich die Farbe aber offenbar nur bei knappen Entscheidungen aus: "Rot zu tragen kann einen Kampf nur dann zum Kippen bringen, wenn andere Faktoren ziemlich gleichmäßig verteilt sind", schreiben die Forscher.

Allianz-Arena in München (Simulation): Schwierig für die Konkurrenz
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Allianz-Arena in München (Simulation): Schwierig für die Konkurrenz

Angespornt vom überraschenden Resultat warfen Hill und Barton einen scharfen Blick auf die Ergebnisse der Fußball-Europameisterschaft 2004. Auch diese vorläufige Analyse ergab: Wer Rot trägt, gewinnt häufiger. Warum das so ist, können die beiden Anthropologen sich noch nicht erklären. Sie sprechen von Einflüssen der Farbe auf "Stimmungen, Emotionen und zum Ausdruck gebrachte Aggression".

Bei vielen Tierarten sei Rot eine vom Geschlechtshormon Testosteron abhängige Signalfarbe männlicher Qualitäten, die Dominanz signalisiere. All das könne "wichtige Implikationen" für Regelungen zum Tragen von Sportkleidung haben, schreiben die Forscher in "Nature".

Rein farblich waren die Bayern in der vergangenen Saison also klar im Vorteil dank ihrer roten Leibchen. Und wenn es wieder losgeht im kommenden Herbst, wird die Sache für die Konkurrenz noch schwieriger: Dann haben die Münchner nicht nur die roten Trikots, sondern auch die nagelneue Allianz-Arena. Und die ist - wie die nebenstehende Computersimulation zeigt - ein echter Hexenkessel.

Christian Stöcker

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