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Sprachenentstehung: Wir sprechen alle ein bisschen Afrika

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Auf der Erde herrscht immer noch babylonische Vielfalt: Forscher gehen von der Existenz von bis zu 7000 Sprachen aus. Ihren Ursprung haben sie in Afrika, von wo aus die Menschen später die Welt eroberten. Dies glaubt ein Wissenschaftler nun mit einer verblüffenden Theorie belegen zu können.

Buschmann in der Kalahariwüste: Stand die Wiege der Sprachen in Afrika? Zur Großansicht
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Buschmann in der Kalahariwüste: Stand die Wiege der Sprachen in Afrika?

Am Anfang war das Wort - und am Ende die Verwirrung. Mehr als 6000 Sprachen gibt es vermutlich weltweit, manche Forscher gehen sogar von fast 7000 aus. Zwar sind die meisten vom Aussterben bedroht, doch ein Ende der babylonischen Vielfalt ist keineswegs abzusehen. Derzeit existieren rund 50 Idiome mit mehr als 20 Millionen Muttersprachlern, insgesamt kommen so rund 80 Prozent der Weltbevölkerung zusammen.

Doch glaubt man einer neuen Studie von Quentin Atkinson von der University of Auckland in Neuseeland, gibt es wenigstens eine gewisse Tendenz zu mehr Übersichtlichkeit. Die Theorie des neuseeländischen Psychologen: Die Sprache ist, ebenso wie Homo sapiens, in Afrika entstanden - und verliert an Phonemen, je weiter sie sich von ihrem Ursprungsort entfernt.

Phoneme sind die kleinsten Einheiten einer Sprache, mit der ihre Sprecher Bedeutungen unterscheiden können - beispielsweise das T in "Tasche". Ersetzt man es durch ein L oder ein M, bekommt das Wort gänzlich andere Bedeutungen. Als die Menschen sich nun auf den Weg machten, um von Afrika aus den Rest der Welt zu besiedeln, nahmen sie ihre Phoneme mit. Oder jedenfalls einen Teil davon - denn bei jeder neuen territorialen Ausdehnung ließen sie anscheinend einige davon zurück.

So beobachtete es Atkinson bei einem Vergleich von 504 Sprachen aus allen Teilen der Welt. Je weiter eine Sprachgemeinschaft von Südwestafrika entfernt ist, mit desto weniger Phonemen kommen ihre Sprecher aus - so lautet grob gesagt die Theorie, die Atkinson jüngst im Fachblatt "Science" veröffentlicht hat.

Gründereffekt wie in der Genforschung

Es ist eine verlockende These. Ähnliches wurde bereits für die Gene der Menschheit nachgewiesen. "Ich bin Evolutionspsychologe und interessiere mich für die Entwicklung der menschlichen Sprache. Und außerdem arbeite ich über die Genetik menschlicher Populationen", erklärt Atkinson im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

So sei eine Erklärung für den Ursprung der Menschheit in Afrika, dass die genetische Vielfalt umso geringer wird, je weiter eine Population von Afrika entfernt lebt. Genforscher erklären das mit dem sogenannten Gründereffekt: Wenn Gruppen in ein neues Gebiet aufbrechen, passieren sie einen Flaschenhals - eine Phase, in der die Population im Verhältnis zur ursprünglichen Gruppe nur sehr klein ist. Durch diesen Flaschenhals gelangt jeweils auch nur ein Teil der gesamten Erbgutinformationen, nämlich jene, welche die neuen Siedler in sich tragen.

Wenn sich von dieser Gruppe nun wieder eine neue Population abspaltet, passiert sie erneut einen Flaschenhals und muss mit noch weniger genetischer Vielfalt auskommen. Am Ende lässt sich anhand der Erbgutvielfalt eine grobe Aussage darüber treffen, wie weit eine Population sich vom Ursprungsort entfernt hat. "Da die Sprachen kleiner Populationen in der Regel auch mit weniger Phonemen auskommen, wollte ich überprüfen, ob es so etwas wie einen linguistischen Gründereffekt gibt", erklärt Atkinson. "Und falls ja, wo wir den Ursprung der Sprache zu suchen hätten."

Manche Sprachen brauchen 11, andere 141 Phoneme

Was genau sind denn nun diese Sprachteilchen, an deren Häufung man die Spur unserer Eroberung des Planeten nachvollziehen kann? Definiert sind Phoneme als kleinste Einheiten der Sprache, die Bedeutungen verändern können. Dazu muss es sich nicht einmal um unterschiedliche Buchstaben handeln wie bei "Tasche", "Lasche" und "Masche". Nehmen wir den Satz: "Gestern rasten sie noch, heute müssen sie rasten." Das lange a gibt dem ersten "rasten" eine andere Bedeutung als das kurze a im zweiten - obwohl die Wörter sonst identisch sind. Ein Buchstabe, aber zwei Phoneme.

In sogenannten Tonsprachen wie beispielsweise dem Chinesischen werden unterschiedliche Bedeutungen auch mit der Wortmelodie ausgedrückt. Die Lautfolge "ma" kann so unterschiedliche Dinge wie "Pferd", "Mutter", "Hanf" oder "schimpfen" bedeuten - je nachdem, ob man das Wort mit steigender, fallender oder konstanter Betonung ausspricht.

Die Anzahl der Phoneme in einer Sprache kann stark variieren. Die Sprecher des Pirahã im Amazonasgebiet können mit nur elf Phonemen wunderbar kommunizieren, während die Sprecher des Kung-Ekoka in Südwestafrika mit 141 Phonemen jonglieren. Das Deutsche ist übrigens im europäischen Vergleich außergewöhnlich reich an Vokalen: 19 der rund 44 Phoneme sind vokalisch, damit liegt Deutsch unter den europäischen Sprachen weit vorn.

Um die Verteilung über den Erdball nachzuvollziehen, griff Atkinson zum World Atlas of Language Structures (WALS). In dieser Datensammlung sind die Phoneminventare von 504 Sprachen erfasst. Das Ergebnis: Die Anzahl der Phoneme einer Sprache kann zu rund 19 Prozent mit der Entfernung zu Südwestafrika erklärt werden. Dabei hat Atkinson auch noch andere Faktoren berücksichtigt - wie zum Beispiel den, dass eine Sprache über ein umso größeres Phoneminventar verfügt, je mehr Sprecher sie hat.

"Faszinierende Studie"

"Ich war ein wenig überrascht, dass es tatsächlich regionale Unterschiede gibt", sagt Atkinson. "Besonders aber, dass die regionalen Unterschiede tatsächlich eine vorhersehbare Abnahme der Phonemvielfalt zeigen und dass sich daraus eine Herkunft der Sprache aus Afrika herleiten lässt, genau wie bei den Genen." Allerdings ist der phonemische Gründereffekt bei weitem nicht so ausgeprägt wie der genetische - statt 19 Prozent lassen sich satte 80 bis 85 Prozent der genetischen Diversität einer Population mit der Entfernung von Afrika erklären.

Andere Experten reagieren elektrisiert auf die These, mahnen aber auch zu Vorsicht. "Atkinsons Modell weist in seiner derzeitigen Form gravierende Probleme auf", sagt Anatol Stefanowitsch, Linguist an der Universität Hamburg. "Die müssen gelöst werden, bevor seine Ergebnisse als ausreichend gesichert gelten können, um darauf aufzubauen."

Eines dieser Probleme ist die Vermischung der Daten für die unterschiedlichen Arten von Phonemen. Zwar verliert eine Sprache eindeutig an Vokalen, je weiter sie von Afrika entfernt ist, doch die Verteilung bei den Konsonanten ist bei weitem nicht so klar. Auch die Töne liefern keine verlässlichen Daten, da sie gar nicht zum ursprünglichen Phoneminventar gehören, sondern sich nur in einigen Sprachfamilien unabhängig entwickelt haben. "Diese Kombination unterschiedlicher Aspekte sprachlicher Lautsysteme, die im WALS außerdem noch auf unterschiedliche Weise gemessen werden, ist in sich nicht unproblematisch", findet Stefanowitsch.

Die größte Schwierigkeit aber ist, dass Gene und Phoneminventare nicht in derselben Liga spielen. Die Genetik liefert eine plausible Erklärung für den Gründereffekt: Eine kleine Gruppe, die sich von einer größeren abspaltet, trägt zwangsläufig nur einen Teil der Erbinformationen mit sich fort. Doch Phoneme sind keine Gene. Selbst ein einziger abwandernder Sprecher hat, auch wenn er eine noch so große Gruppe verlässt, das gesamte Phoneminventar der Sprache im Gepäck. "Für einen Gründereffekt", so Stefanowitsch, "ist das leider eine schlechte Voraussetzung."

Dennoch lobt er die Theorie. "Atkinsons Studie ist faszinierend, sowohl aus methodischer Sicht, als vor allem auch wegen des großen Erkenntnisgewinns, den sie möglicherweise bringt", sagt Stefanowitsch. Sie würde nicht nur zeigen, dass der Ursprung aller menschlichen Sprachen in Afrika liegt, sondern auch, dass tatsächlich alle Sprachen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgehen. Obendrein würde die Theorie einen Zeitrahmen für diesen Ursprung liefern. "Er müsste vor dem Auszug aus Afrika vor etwa 50.000 bis 80.000 Jahren liegen."

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insgesamt 67 Beiträge
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1. Doch...
Goldschwund 17.05.2011
Zitat von sysopAuf der Erde herrscht immer noch babylonische Vielfalt: Forscher gehen von der Existenz von bis zu 7000 Sprachen aus. Ihren Ursprung haben sie in Afrika, von wo aus die Menschen später die Welt eroberten. Dies glaubt ein Wissenschaftler nun mit einer*verblüffenden Theorie belegen zu können. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,762134,00.html
21, 22, 23... Was ist denn heute mit der Wutbürger/White Wurscht Power-Fraktion los? Man hätte eigentlich erwarten können, dass es hier binnen weniger Minuten heftige Proteste hagelt!
2. Klick...
Layer_8 17.05.2011
Zitat von sysopAuf der Erde herrscht immer noch babylonische Vielfalt: Forscher gehen von der Existenz von bis zu 7000 Sprachen aus. Ihren Ursprung haben sie in Afrika, von wo aus die Menschen später die Welt eroberten. Dies glaubt ein Wissenschaftler nun mit einer*verblüffenden Theorie belegen zu können. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,762134,00.html
Interessant. Klingt plausibel für mich, dass das Abnehmen der Anzahl der Phoneme tendenziell parallel lief zur Abnahme der genetischen Vielfalt. Hmm, die Khoisan-Sprachen im südlichen Afrika klingen wirklich 'lustig' für mich. So ähnlich haben wir also alle mal gesprochen vor langer Zeit. Klick.
3. ...
myspace 17.05.2011
Zitat von sysopAuf der Erde herrscht immer noch babylonische Vielfalt: Forscher gehen von der Existenz von bis zu 7000 Sprachen aus. Ihren Ursprung haben sie in Afrika, von wo aus die Menschen später die Welt eroberten. Dies glaubt ein Wissenschaftler nun mit einer*verblüffenden Theorie belegen zu können. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,762134,00.html
Ich habe das Gefühl, daß die These, daß alle Sprachen der Welt *einen* Ursprung haben, eher Vorraussetzung für diese Studie ist, anstatt daß die Studie genau dies beweist. Die Genauigkeit mit der die Abhängigkeit von der Entfernung angergeben wird finde ich unseriös. Die 19% kann man sicherlich varieren, je nachdem wie man die anderen Faktoren gewichtet.
4. VoPi
DJ Doena 17.05.2011
Zitat von Goldschwund21, 22, 23... Was ist denn heute mit der Wutbürger/White Wurscht Power-Fraktion los? Man hätte eigentlich erwarten können, dass es hier binnen weniger Minuten heftige Proteste hagelt!
Wenn man ein klares Feindbild hat, hat der Tag Struktur, gelle Meister Goldschwund?
5. ...
KaWiDu 17.05.2011
Diese Studie und ihre Schlussfolgerungen klingen interessant, aber nicht so recht nach einem Durchbruch. Atkinson hat (so verstehe ich den Artikel) einen statistischen Zusammenhang herstellen können, der 19% der sprachlichen Unterschiede in der Welt erklärt. (Von allen 6.000 bis 7.000 Sprachen ?) Das ist nicht wenig, aber doch wenig genug, um Zweifel zu wecken. Wie war das noch mal mit der Statistik, die belegt, dass der Klapperstorch die Kinder bringt ...? Dass eine kleine Population "in der Regel" weniger Phoneme benötigt, ist schon mal eine schwache Basis für stichhaltige Theorien. (Ich hätte eine zwingende Abhängigkeit auch nicht nachvollziehen können.) Weiterhin wird es schon im Artikel angesprochen: Ein einzelner Mensch kann den ganzen Fundus an Sprache "mitnehmen", was beim gentischen Pool schlicht nicht möglich ist. Letzter Punkt: Der Mensch ist (zumindest nach dem derzeitigen Wissensstand) zeitlich in mehreren Wellen und räumlich "mit Schlenkern" aus Afrika ausgewandert. Die Entfernung "nach Luftlinie" dürfte daher nur bedingt aussagekräftig sein. Wenn man aus der Sprache Schlussfolgerungen ziehen könnte, wie genau der Mensch gewandert ist (statt umgekehrt wie hier), dann wäre das für mich eher "elektrisierend". Trotzdem ist es spannend, solchen Gedanken nachzugehen. Ich habe noch nie davon gehört, dass eine derartige Verbindung zwischen evolutionsbiologischen Theorien und der Linguistik vorgenommen wurde. Es gefällt mir, wenn "Denkschablonen" ausgetauscht werden.
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