Sprachentwicklung: Babys erkennen früh ganze Sätze

Wer Säuglinge nur mit "Dutzi-dutzi" und "Eideidei" anspricht, wird ihren Fähigkeiten nicht gerecht. Schon drei Monate alte Babys können einen Satz in ihrer Muttersprache wiedererkennen, wenn sie ihn zweimal hören.

Orsay - Ein französisches Forscherteam hat jetzt neue Erkenntnisse über die frühkindliche Sprachentwicklung veröffentlicht. Offensichtlich ist das Gehirn von Babys bereits in der Lage, Sprache zu erfassen, noch lange bevor sie selbst sprechen oder auch nur brabbeln können.

Vergleich: Wahrnehmung von Sätzen im Baby-Hirn (oben) und bei Erwachsenen (unten)
PNAS

Vergleich: Wahrnehmung von Sätzen im Baby-Hirn (oben) und bei Erwachsenen (unten)

In einem Versuch hat ein Forscherteam um die Kinderärztin Ghislaine Dehaene-Lambertz vom Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale in Orsay drei Monate alten Babys kurze französische Sätze aus einem Kinderbuch vorgelesen. Dabei wurde das Gehirn der Kinder mit Hilfe eines Tomografie-Verfahrens, der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRI) sichtbar gemacht. Das Ergebnis: Eine Veränderung bei der Blutzufuhr in verschiedenen Hirnregionen zeigt, dass die Säuglinge ihre Muttersprache bereits Schritt für Schritt in einem komplexen System verarbeiten. Freilich ohne dass die Babys schon den Sinn verstehen können.

Die gleichen Hirnregionen sind auch bei Erwachsenen aktiv, wenn sie Sprache verarbeiten. So spricht zum Beispiel das sogenannte Broca-Areal, ein Teil der Großhirnrinde, das zum Sprachzentrum gehört, bei den Babys auf die wiederholten Sätze an. Die Ergebnisse der in der Wissenschaftszeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlichten Studie stellen eine Überraschung dar: Denn in diesem Alter sind Kinder sogar noch weit davon entfernt, auch nur vor sich hin zu brabbeln. Das tun sie in der Regel erst, wenn sie sich schon ihrem ersten Geburtstag nähern. Die Erkenntnisse aus Frankreich sind ein weiteres Indiz dafür, wie sehr der Mensch empfänglich für Sprache ist. Und wie früh er bereits in der Lage ist, Sprachimpulse aus seiner Umgebung aufzunehmen.

Wer sich mit seinem Säugling aber weiter auch mit weichen unartikulierten Lauten wie "eideidei" unterhält, ist zumindest in guter Gesellschaft. Anthropologen haben herausgefunden, dass eine solche Ansprache für Kinder in allen Kulturen vorkommt. "Mutterisch" nennen Linguisten den gelegentlich leicht sinnfrei wirkenden Umgangston mit dem Nachwuchs. Offenbar aber beruhigt die Brabbelsprache Babys überall auf der Welt. Und hilft ihnen vielleicht sogar, selbst mit dem Sprechen anzufangen.

akh/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback