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Sprachentwicklung: Seltene Wörter verändern sich am schnellsten

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Linguisten beschreiben die Entwicklung von Sprachen gern auch als Evolution. Mit mathematischen Methoden haben Forscher jetzt bewiesen, dass Wörter im Grunde nichts anderes als Gene sind - und sogar den gleichen Gesetzen gehorchen, die in der Biologie gelten.

Sprache ist für viele Menschen etwas Heiliges. Sie erregen sich fürchterlich über Wörter aus fremden Sprachen, die althergebrachte Begriffe verdrängen. Aus dem Englischen stammende Redewendungen wie "Sinn machen" oder "googeln" sind ihnen ein Graus. Vereinfachungen in Satzbau und Grammatik ("Mama, darf ich ein Eis?") bereiten ihnen regelrecht Schmerzen. Der korrekte Gebrauch der Sprache, so wie sie ihn in ihrer Jugend erlernt haben, liegt ihnen am Herzen.

Kinder im Gespräch: Seltene Wörter wandeln sich häufiger
DDP

Kinder im Gespräch: Seltene Wörter wandeln sich häufiger

Mancher Sprachpurist ahnt natürlich längst, dass der Kampf gegen Neologismen und den Gebrauch falscher Formen wohl vergeblich ist, denn die Sprache lebt. Wie sehr sie lebt, das haben jetzt zwei Forschergruppen unabhängig voneinander mit aufwendiger Statistik nachgewiesen. In der Sprachentwicklung gelten demnach gleiche Gesetze wie in der Entwicklung von Organismen - und zwar die Regeln der Evolution.

Erez Lieberman von der Harvard University und seine Kollegen haben untersucht, wie sich die Vergangenheitsformen unregelmäßiger englischer Verben in den vergangenen 1500 Jahren verändert haben. Die zweite Forschergruppe um Mark Pagel von der University of Reading verglichen Wörter, die in unterschiedlichen Sprachen dieselbe Bedeutung haben.

Exoten haben Freiheit zum Wandel

Die Ergebnisse lassen sich auf eine einfache Formel bringen: Je häufiger ein Wort im täglichen Sprachgebrauch verwendet wird, desto seltener verändert es sich im Laufe der Zeit. Mit seinem mathematischen Modell glaubt Liebermans Team sogar vorhersagen zu können, welches englische Verb sich als nächstes ändern wird.

Lieberman, der Evolutionsphänomene mit mathematischen Mitteln untersucht, ging schon seit Längerem der Frage nach, ob ein Prozess wie die natürliche Selektion nicht auch Sprache und Ideen beeinflusst - eine Theorie, die bereits 1976 der Evolutionsbiologe Richard Dawkins in seinem Buch "Das egoistische Gen" beschrieben hat. Als er davon hörte, dass die zehn häufigsten englischen Verben sämtlich unregelmäßig gebeugt werden (Beispiel: to go, went, gone), war er wie elektrisiert. Bei 97 Prozent der Verben aus dem Englischen wird die Vergangenheitsform hingegen durch Anhängen der Endung -ed gebildet.

Halbwertzeit für Verben

Die Analogie zu Genen war für Lieberman frappierend: Besonders wichtige Bereiche in den Erbinformationen tendieren dazu, sich auch über einen längeren Zeitraum der Evolution nicht zu verändern. Weniger wichtige oder sehr spezielle Gene besitzen hingegen größere Freiheiten zum Wandel.

Sein Team untersuchte 177 Verben, deren Vergangenheitsformen in der altenglischen Sprache vor rund 1200 Jahren unregelmäßig gebildet wurden. Im Mittelenglischen, das im 12. bis 15. Jahrhundert gesprochen wurde, wurden noch 145 dieser Verben unregelmäßig gebeugt, heute sind es nur noch 98. Bei allen anderen wird mittlerweile die regelmäßige Endung "ed" angehängt.

Je häufiger ein Verb in der Sprache verwendet wird, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass es noch heute genauso benutzt wird wie vor 1000 Jahren, schreiben die Forscher im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Bd. 449, S. 713). "Die Halbwertzeit eines unregelmäßigen Verbs ist proportional zur Quadratwurzel seiner Verwendungshäufigkeit", sagte Lieberman. Ein um den Faktor 100 selteneres Verb werde zehn Mal schneller "regularisiert".

Spitze eines Eisbergs

Die statistischen Analysen ermöglichen prinzipiell auch Prognosen für die Zukunft. Während bei Wörtern wie "to be" oder "to have" wohl niemals regelmäßige Vergangenheitsformen entstehen dürften, könnten seltene Verben wie "to shrive", eine veraltete Bezeichnung für "beichten", schon in 300 Jahren regelmäßig gebeugt werden. Das Verb "to wed" (heiraten) wird nach Angaben der Forscher das nächste sein, das seinen unregelmäßigen Status verliert. Bislang lautet das Präteritum ebenfalls wed, es könnte aber schon bald wedded heißen.

Lieberman glaubt, dass sich womöglich noch viel mehr Aspekte der Sprachentwicklung mit derartigen mathematischen Modellen beschreiben lassen. "Unser Ergebnis ist vielleicht nur die Spitze eines Eisbergs", erklärte er SPIEGEL ONLINE. Es könne aber auch sein, dass der simple mathematische Zusammenhang "nur ein einsamer Eiswürfel ist".

Sind Aussprache-Fehler an allem Schuld?

Das Wissenschaftlerteam um Pagel untersuchte das Phänomen, dass häufig benutzte Wörter wie Zahlen in unterschiedlichen Sprachen oft sehr ähnlich klingen - siehe das Beispiel Wasser (Deutsch): Water (Englisch), Vatten (Schwedisch). Die Forscher nahmen 200 Wörter in 87 indogermanischen Sprachen unter die Lupe und kamen auf ähnliche Ergebnisse wie Lieberman: Eher seltene Wörter wie "Schwanz" unterscheiden sich deutlich von ihren Entsprechungen im Englischen ("tail") oder Französischen ("queue").

Die indogermanischen Sprachen entstanden aus einer gemeinsamen Muttersprache, dem Urindogermanischen. Dabei setzten sich neue Bezeichnungen für bestimmte Begriffe in einer Sprache wesentlich schneller durch, wenn ein Wort nur selten benutzt wird, berichten die Wissenschaftler in "Nature" (Bd. 449, S. 717).

Wie aber lässt sich das Phänomen erklären, dass häufig verwendete Wörter kaum zu Veränderungen neigen? Pagel schlägt zwei Hypothesen dafür vor. Entweder setzen sich Änderungen bei häufigen Wörtern kaum durch, weil bei ihnen die richtige Bedeutung besonders wichtig für die Kommunikation ist.

Oder aber Aussprachefehler sind der Grund des Phänomens: Bei seltenen Wörtern würden diese häufiger gemacht oder häufiger nicht bemerkt, schreibt Pagel, und diese Fehler könnten sich dann im täglichen Sprachgebrauch durchsetzen. Ganz falsch liegen die Kämpfer für eine korrekte Sprache also offenbar nicht.

Mit Material von ddp

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