Sprachforschung Fluchen tut gut

Von Sebastian Herrmann

2. Teil: Emotionsstau im Hirn: Warum das Denkorgan die Kraftausdrücke manchmal nicht mehr zurückhalten kann - und warum es gesund ist, verbal Dampf abzulassen


Die amerikanischen Neurologen Adam Anderson und Elizabeth Phelps nehmen an, dass Schimpftiraden dann aus Menschen hervorbrechen, wenn die höheren Regionen des Hirns den Emotionsstau im limbischen System nicht mehr zurückhalten können. Bei Tourette-Patienten, die oft dem Zwang unterworfen sind, gegen ihren Willen schwallweise Beschimpfungen auszustoßen, scheinen genau die neuronalen Regionen geschädigt zu sein, die den Drang im Zaum halten, Kraftausdrücke herauszuschleudern. "Welche Wörter der Betroffene dann herausschreit, ist durch das soziale Umfeld definiert", sagt Timothy Jay. Dabei gilt: Je stärker das jeweilige verbale Tabu ist, desto heftiger scheint der Drang, es zu verletzen.

Unser Bedürfnis zu fluchen ist so tief in der Architektur unseres Hirns verankert, dass dies die sprachliche Fähigkeit ist, die am längsten erhalten bleibt. In Studien mit Alzheimerpatienten und Demenzkranken hat Timothy Jay eine verblüffende Entdeckung gemacht: "Menschen, die an diesen Krankheiten leiden, können auch dann noch mit Schimpfwörtern um sich werfen, wenn sie schon lange die Namen ihrer Verwandten vergessen haben und ihr Vokabular massiv eingeschränkt ist."

Ex-Tennisprofi John McEnroe: Seine Wutausbrüche schrieben Sportgeschichte
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Das ist offenbar Ergebnis eines lebenslangen Lernprozesses. Auch im Erwachsenenalter merken wir uns tabuisiertes Vokabular wesentlich besser als neutrale Alltagsbegriffe. So bekamen die Probanden des Psychologen Donald MacKay von der University of California in Los Angeles tabuisierte und neutrale Wörter vorgesetzt. An ein "Shit" konnten sich Testpersonen durchweg besser erinnern als etwa an "Chair" (Stuhl).

Ein weiteres Ergebnis faszinierte MacKays Team noch mehr: Als die Wörter in verschiedenen Schriftfarben an die Wand projiziert wurden, sollten die Probanden laut und so schnell wie möglich die Farbe benennen. Bei Schimpfwörtern brauchten die Testpersonen erheblich länger, um die Aufgabe zu lösen als bei neutralen Begriffen. Ein weiteres Indiz, dass Schimpfwörter im Hirn spezialisierten Prozessen unterworfen sind.

Bei ähnlichen Versuchen stellten Forscher auch fest, dass sich bei Testpersonen, die sich Schimpfwörter anhören mussten, nicht nur im übertragenen Sinne die Nackenhaare aufstellten. Der Puls der Geschmähten beschleunigte sich, die Atmung wurde flacher, die elektrische Leitfähigkeit der Haut veränderte sich - Anzeichen einer heftigen emotionalen Reaktion. So ist auch die Gegenwehr der Sprachpolizisten und Fluchgegner unter physiologischen Gesichtspunkten nachvollziehbar, sie sind angesichts derben Vokabulars echtem Stress ausgesetzt.

Trotzdem gilt es als sicher, dass selbst puritanische Sittenwächter in Stresssituationen selbst gesetzte Verbaltabus brechen würden. Denn Psychologen, Psycholinguisten und Fluchforscher, die sich auch als Malediktologen bezeichnen, beten mantrahaft eine positive Funktion des Schimpfens im Affekt vor: Fluchen befreit und baut Stress ab. Ein reinigendes Wörterausscheiden, das seine befreiende Wirkung in vielerlei Situationen entfalten kann. Zum Beispiel am Steuer: Bei kaum einer Tätigkeit fluchen wir so viel wie beim Autofahren.

Das Gleiche gilt für Stress am Arbeitsplatz. So haben die Mediziner Fausto Palazzo und Orlando Warner in einer Studie im British Medical Journal einen Beleg für einen alten Ärzte-Mythos vorgelegt. In Operationssälen ist demnach im Durchschnitt alle 51,4 Minuten mit einem Kraftausdruck aus dem Mund des Chirurgen zu rechnen. Und hat ein Orthopäde, der an allerlei Gelenken besonders komplizierte Schnitte setzen muss, das Skalpell in der Hand, steigt die Fluchfrequenz - auf einen Verbalausfall auf alle 29 Minuten. Dabei gilt: Je länger die Operation dauert, je größer der Stress, desto höher die Zahl der Schimpfwörter.

Ähnlich gehen chronische Schmerzpatienten mit ihrer Anspannung um, hat Anita Unruh, Professorin der medizinischen Fakultät an der kanadischen Dalhousie Universität, herausgefunden. Männer wie Frauen gaben immer wieder eines an: Sie schreien ihre Wut, ihren Schmerz heraus. Sie zetern, schimpfen, verwünschen.

Auch Affen können ein Verhalten zeigen, das sich als eine Art zu schimpfen interpretieren lässt. "Wenn Schimpansen frustriert sind oder sich weh getan haben, dann zeigen sie oft aggressive Gesten", sagt der Primatenforscher Frans de Waal von der Emory Universität in Atlanta. Sie grunzen, sie knurren, trommeln auf den Boden oder rütteln an Ästen - zumindest wenn sie, auf sich gestellt, mit Frustration oder mit körperlichem Schmerz zurechtkommen müssen. Bei frustrierten Affen, die sich gerade in einer Gruppe aufhalten, hat Frans de Waal dagegen häufig gefährlicheres Verhalten beobachtet: Die Tiere greifen den nächstbesten rangniederen Artgenossen an und ziehen ihm eins über. Ihnen fehlt einfach die Sprache, die es ihnen ermöglicht, ihr Gegenüber stattdessen mit einer Dusche von Flüchen zu begießen.

Seien wir also froh, dass uns fäkale, sexuelle oder sonst wie derbe Ausdrücke zur Verfügung stehen. Wenn das limbische System im Affekt den Fluch am neuronalen Zensor vorbeischleust, schlagen wir nicht zu. Der Kessel lässt Dampf ab, egal wie stark der Koch den Deckel festhält, und bleibt danach ruhig. Der amerikanische Vizepräsident Dick Cheney hat dafür 2004 im US-Senat ein Beispiel geliefert, für das Timothy Jay sehr dankbar ist. "Mein Lieblingsbeispiel", sagt der Psychologe. Der US-Senat hatte eben den "Defense of Decency Act" verabschiedet. Die Senatoren, Dick Cheney und andere hochrangige Politiker schritten darauf zu einem offiziellen Fototermin.

Auf dem Weg provozierte der demokratische Senator Patrick Leahy den Vizepräsidenten mit einigen Fragen zu dessen Verbindungen zum Konzern Halliburton, den Cheney früher geleitet hatte. Aus dem Gespräch wurde schnell ein Streit und schließlich schnellte ein Satz aus der Tiefe des limbischen Systems des Vizepräsidenten, der so gar nicht zum eben beschlossenen Gesetz passte: "Go fuck yourself." Danach habe er sich besser gefühlt, hieß es.

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