Sprachforschung Warum Englisch leichter ist als Isländisch

Die Weltsprache Englisch hat eine überschaubare Grammatik, kleinere Sprachen sind deutlich komplizierter. Sprachforscher haben dafür eine verblüffende Erklärung.

Grundschülerin mit Wörterbuch
DPA

Grundschülerin mit Wörterbuch


Welche Sprache soll man lernen? Diese Frage stellen sich Kinder in der Schule, aber auch Erwachsene. Eine, die von besonders vielen Menschen gesprochen wird? Oder lieber eine eher kleine Sprache, die einen zum gefragten Spezialisten macht?

Die meisten Menschen entscheiden sich für eine der großen Sprachen. Im Zweifel dann eben doch lieber Englisch oder Spanisch als Isländisch.

Ein gewichtiges Argument dafür liefern auch Linguisten, die analysiert haben, wie kompliziert die Grammatiken verschiedener Sprachen sind. Dabei haben sie festgestellt, dass die Struktur einer Sprache umso simpler ist, je mehr Menschen sie nutzen. Beispiele für eher einfach gestrickte Sprachen sind Englisch, Kisuaheli und Hindi.

Wie schnell breiten sich Neuerungen aus?

Die schlichte Grammatik hat jedoch eine Kehrseite: Die betroffenen Sprachen haben meist ein deutlich größeres Vokabular. Was nicht über eine spezielle Endung gesagt werden kann, dafür sind eben dann mehr Worte nötig.

Hat eine Sprache hingegen nur wenige Sprecher, kommt sie mit einem kleineren Vokabular aus, verfügt aber über eine tendenziell komplexere Grammatik. Es gibt dann beispielsweise mehr Zeitformen oder Fälle. Beispiele sind Walisisch, Isländisch und die Indianersprache Irokesisch.

Es gibt verschiedene Erklärungen für dieses erstaunliche Phänomen. Eine wollen drei Linguisten aus Kolumbien, Dänemark und Großbritannien nun mit einer Computersimulation belegt haben.

Florencia Reali und ihre Kollegen konnten dabei zeigen, dass sich neue Begriffe besser in einer Population verbreiten, wenn diese größer ist. Das Vokabular wächst dann. Komplizierte Sprachstrukturen hingegen verschwinden eher in solchen Gruppen - weil die große Zahl von Sprechern verhindert, dass spezielle grammatikalische Konstruktionen von wirklich allen genutzt und damit zum Standard werden.

"Strukturelle Aspekte einer Sprache breiten sich langsam aus, weil sie schwierig zu lernen sind", schreiben die Forscher im Fachblatt "Proceedings B" der Royal Society. Im Unterschied dazu erlerne man neue Wörter oft schon, wenn man sie nur wenige Male gehört habe.

Erwachsene mögen's einfach

Bereits 2010 hatten die amerikanischen Linguisten Gary Lupyan und Rick Dale die These aufgestellt, dass die Struktur einer Sprache von dem sozialen Umfeld geformt wird, in dem sie gesprochen wird. Eine wichtige Rolle spielt demnach auch, ob viele die Sprache als Erwachsene oder als Nichtmuttersprachler erlernt haben. Ist das der Fall, verschwinden kompliziert zu erlernende Formen aus der Grammatik.

BBC-Doku: Warum der Mensch spricht

In kleinen Sprachgemeinschaften hingegen sei das anders, argumentieren Lupyan und Dale. Die dann genutzte komplexere Grammatik sorge für Redundanzen, die es Kindern sogar erleichtern sollen, die tendenziell schwierigere Sprache zu erlernen.

Die Autoren der neuen Studie gehen noch einen Schritt weiter: Sie halten es für denkbar, dass immer größere Gemeinschaften auch dazu führen, dass komplexe Tänze, Musik und Religionen seltener werden. Die Simulationen sprächen dafür, "dass Sprache und Kultur zwangsläufig einfacher werden, je enger menschliche Gemeinschaften miteinander verbunden sind".

hda



insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lachina 31.01.2018
1. Hatte ich schon in den Achzigern
in Linguistik, wir nannten das "Umgekehrte Evolution", Sprachen tendieren, je älter sie werden und je häufiger gesprochen dazu, sich zu vereinfachen. So gesehen, ist auch das Kiezdeutsch ein gutes Zeichen....
temp1 31.01.2018
2. Englisch zum Zeitpunkt der Sprachntwicklung nur von wenigen gesprochen
Zum Zeitpunkt der Entwicklung der englischen Sprache wurde englisch nicht von so vielen Menschen gesprochen. Weit mehr haben z.B. Latein gesprochen. Um die These zu rechtfertigen müßte es zum Zeitpunkt der Entstehung also eine komplizierte Sprache gewesen sein, die dan im Verlauf der letzten wenigen Jahrhunderten grammatikalisch total umgebaut und vereinfacht wurde? Lateinisch im römischen Reich vor 2000Jahren wurde von weit mehr Menschen gesprochen und hat durchaus eine umfangreiche Grammatik, bei der die Endungen der Worte bestimmend für deren Sinn wird. Paßt das zu den Überlegungen? Ist Mandarin in China eine besonders einfache Sprache?
lachina 31.01.2018
3.
Zitat von temp1Zum Zeitpunkt der Entwicklung der englischen Sprache wurde englisch nicht von so vielen Menschen gesprochen. Weit mehr haben z.B. Latein gesprochen. Um die These zu rechtfertigen müßte es zum Zeitpunkt der Entstehung also eine komplizierte Sprache gewesen sein, die dan im Verlauf der letzten wenigen Jahrhunderten grammatikalisch total umgebaut und vereinfacht wurde? Lateinisch im römischen Reich vor 2000Jahren wurde von weit mehr Menschen gesprochen und hat durchaus eine umfangreiche Grammatik, bei der die Endungen der Worte bestimmend für deren Sinn wird. Paßt das zu den Überlegungen? Ist Mandarin in China eine besonders einfache Sprache?
Latein hat sich aber -je länger es gesprochen wurde - über das "Vulgärlatein" zu den romanischen Sprachen entwickelt - und ja, deren Grammatik ist wesentlich einfacher. Dafür aber gibt es eine Tendenz zu längeren Worten, das lateinische "ver" = Frühling , erst zu "vera" und dann im Spanischen "primavera". Kann man alles sehr detailliert im Stohwasser nachlesen.
Zita 31.01.2018
4. @Nr. 2
Zweimal ja, Altenglisch ist grammatikalisch sehr viel komplexer (viel näher am Deutschen mit Fällen etc.) und Mandarin ist grammatikalisch sehr simpel. Ich finde es gut, dass es in dem Artikel nur um die Grammatik und den Wortschatz geht, denn es gibt ja so viele Facetten der Sprache. Orthographie und Aussprache sind im Englischen z.Bsp. überhaupt nicht einfach, sondern im Gegenteil höchst kompliziert (s. hier: http://ogy.de/2vvt). Weswegen ich es auch verkehrt finde, generell von "einfachen" und "schwierigen" Sprachen zu sprechen, man kann das eigentlich immer nur bezogen auf einen Aspekt der Sprache sagen.
Olaf 31.01.2018
5.
Kisuaheli ist übrigens so einfach, weil es eine Kunstsprache ist, die von deutschen Sprachwissenschaftlern zu Kolonialzeit in Ostafrika geschaffen wurde. Basis waren vorhandene Sprachen und Dialekte. Es wurde dann im ehemaligen Deutsch-Ostafrika als einheitliche Sprache in den schulen gelehrt und hat sich bis heute gehalten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.