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15. Februar 2013, 15:06 Uhr

Zweisprachige Erziehung

Schon Säuglinge können Grammatik unterscheiden

Von Thomas Wagner-Nagy

Wie können bilinguale Babys scheinbar mühelos zwei völlig verschiedene Sprachen erlernen? Eine Studie hat ergeben: Sie nehmen Laute anders wahr als einsprachige Kleinkinder. Schon im Alter von sieben Monaten achten sie auf Rhythmus und Melodie des Gesprochenen.

Während sich Erwachsene oft mit wochenlangen Volkshochschulkursen abmühen, lernen Kleinkinder Sprachen häufig, als würden sie diese in sich hineinsaugen. Scheinbar mühelos meistern sie parallel zwei Sprachen mit völlig unterschiedlichem Aufbau. Wie Babys diese faszinierende Leistung vollbringen, beschäftigt Sprachforscher seit langem. Nun rücken sie der Antwort einen Schritt näher.

Im Gegensatz zu einsprachigen Kindern achten mehrsprachige Babys nicht nur auf bestimmte Signalwörter, wenn sie sich eine Sprache erschließen, sondern orientieren sich auch an Sprachtempo und -melodie, sogenannten prosodischen Merkmalen. Das berichten Judit Gervain von der Université Paris Descartes und ihre kanadische Kollegin Janet Werker von der University of British Columbia im Fachjournal "Nature Communications".

Durchblick trotz unterschiedlichen Satzbaus

Ein wichtiges Kennzeichen einer Sprache ist die Abfolge, in der die Satzbausteine angeordnet sind. Die meisten indogermanischen Sprachen, zu denen auch das Deutsche zählt, sind sogenannte SVO-Sprachen. Subjekt, Verb und Objekt reihen sich im Normalfall immer gleich aneinander: Das Kind (Subjekt) hört (Verb) seine Eltern (Objekt). In SOV-Sprachen wie Japanisch oder Baskisch ist die Reihenfolge vertauscht. Derartige Standards gelten auch für andere Satzbausteine wie Präpositionen, Artikel oder Pronomen, die Sprachforscher als Funktoren bezeichnen. Während im Deutschen die Präposition dem Bezugswort vorangestellt ist ("nach Tokio"), sagen die Japaner "Tokyo ni" ("Tokio nach").

Einsprachig aufgewachsene Kinder benutzen solche Funktoren als Ankerpunkte, um Sprache in sinnvolle Abschnitte zu unterteilen, aus denen sie die Grundstellung der Wörter ableiten können, haben frühere Studien ergeben. Funktoren seien demnach ein verlässliches, einfach erkennbares Signal, da sie häufiger als Inhaltswörter wie Substantive, Verben und Adjektive vorkommen. Indem sie auf die Position der häufigsten Wörter achten, können sich schon Kleinkinder die allgemeine Wortstellung im Satz herleiten.

Wie aber soll ein Baby den Durchblick behalten, das mit zwei Sprachen aufwächst, die wie etwa Englisch und Japanisch völlig verschiedene Satzstrukturen haben? Forscher haben jetzt auch darauf eine Antwort gefunden: Die bilingualen Kinder orientieren sich an anderen Hinweisen als die einsprachig erzogen. Statt auf die Funktoren achten sie auf Melodie, Intonation, Rhythmus und Tempo der jeweiligen Sprache, berichten Gervain und Werker. Sie testeten Babys im Alter von sieben Monaten auf deren Fähigkeiten zur Spracherkennung. Die jungen Probanden wuchsen zweisprachig auf - mit Englisch als SVO-Sprache und Japanisch, Koreanisch, Hindi, Farsi oder Türkisch als Beispiel für eine SOV-Sprache.

Bilinguale Kinder achten auf Sprachmelodie und -rhythmus

Die Wissenschaftlerinnen spielten den Kindern vier Minuten lang eine Phantasiesprache aus Lautsprechern vor, in der sich häufige Wörter und seltene Wörter abwechselten. Je die Hälfte der Kleinen bekam ein Muster zu hören, das einen Objekt-Verb-Satzbau beziehungsweise eine Verb-Objekt-Abfolge simulieren sollte. Als zusätzliche Orientierung bauten die Studienleiterinnen prosodische Merkmale, also Änderungen der Wortlängen und Tonhöhen ein, die den unterschiedlichen Sprachmelodien entsprachen. Mit dem akustischen Signal leuchtete auch eine Lampe auf, die die Aufmerksamkeit der Kleinen auf sich ziehen sollte.

Nach der Eingewöhnungsphase spielten die Testerinnen den Babys ein weiteres Mal Phantasiegebrabbel mit Verb-Objekt- oder mit Objekt-Verb-Reihung vor - allerdings in monotonem Rhythmus und ohne Betonungen. Dabei zeigte sich, dass diejenigen Kinder, die zuvor eine OV-Rhythmik und -melodie gehört hatten, dieses Sprachmuster auch ohne die entsprechenden Hinweise erkannten, sie hatten es sich offensichtlich mit Hilfe der Prosodie erschlossen. Bei der anderen Gruppe war es umgekehrt. Die Forscherinnen machten die Vertrautheit der Kinder mit der Phantasiesprache an der Zeit fest, die sie auf das blinkende Licht blickten, aus dessen Richtung die Töne kamen. Dabei handelt es sich um einen Standardtest, mit dem die Aufmerksamkeit der Kleinkinder gemessen werden, da sich Babys anders nur schwer mitteilen können.

"Daraus schließen wir, dass zweisprachige Kleinkinder schon sehr früh auf Signale wie Intonation und Sprachtempo achten, um die Strukturen ihrer gegensätzlichen Sprachen auseinanderhalten zu können", erklärt Werker. Damit seien bilinguale Kinder von Anfang an empfänglicher für sprachliche Feinheiten, die einsprachigen Kindern verborgen bleiben. "Einsprachige Kinder sind nicht auf solche Hinweise angewiesen und verinnerlichen diese daher auch nicht, was sich auch in ihrer späteren Wahrnehmung von Sprache bemerkbar machen kann", sagt Werker. Die Ergebnisse ihrer Studie würden den weitverbreiteten Irrtum ausräumen, dass zweisprachige Kleinkinder gegenüber einsprachigen in ihrer Sprachentwicklung benachteiligt sind, so die Forscherin.

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