Sprachprobleme Forscher diagnostizieren Autismus per Lautanalyse

Sprachfehler und Autismus kann man viel früher erkennen als bisher angenommen: Anhand der Lautmuster von Kindern kann man die Krankheit schon im Alter von 18 Monaten diagnostizieren. Mit Hilfe der Methode könnte man die Entwicklungsstörungen effektiver therapieren, hoffen Mediziner.

Autismus bei Kindern: Schwierigkeiten bei der sozialen Bindung
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Autismus bei Kindern: Schwierigkeiten bei der sozialen Bindung


Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die sich in unterschiedlichen Ausprägungen zeigt: Die Erkrankung fängt bei leichten Verhaltensproblemen an, kann aber schwerwiegende geistige Beeinträchtigungen zur Folge haben. Dabei haben die Patienten oft nicht nur Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zu sprechen und Gesagtes richtig zu interpretieren. Sie verstehen auch Mimik und Körpersprache nicht und können sie nicht adäquat einsetzen.

Beim frühkindlichen Autismus ist neben den Verhaltensauffälligkeiten besonders die Sprachentwicklung betroffen. Jetzt haben Forscher eine Methode entwickelt, mit der man Autismus und allgemeine Sprachfehler schon im Alter von 18 Monaten feststellen kann: Anhand von Lautmustern lässt sich die Krankheit diagnostizieren, schreiben die Wissenschaftler um Kimbrough Oller von der University of Memphis im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Derzeit werde Autismus im Durchschnitt erst im Alter von fast sechs Jahren diagnostiziert, schreiben die Forscher. Das sei aber zu spät, um den Kindern mit entsprechenden Therapien effektiv helfen zu können. Um die Krankheit frühzeitig über Lautmuster zu diagnostizieren, haben die Wissenschaftler 1486 Aufzeichnungen von 232 Kindern im Alter von zehn Monaten bis vier Jahren analysiert. Die Stimmen wurden dazu mit einem hochempfindlichen Aufnahmesystem mitgeschnitten und auf charakteristische Lautmuster untersucht.

Darunter waren Kinder ohne Sprachstörungen und auch Kinder, bei denen Autismus bereits festgestellt worden war. Die Forscher setzten einen selbstentwickelten digitalen Sprachprozessor mit integrierter Sprachanalysesoftware, die sogenannte Language Environment Analysis (Lena). Das kleine Aufnahmegerät zeichnete die Laute der Kinder ganztägig auf und unterschied diese zuverlässig von Schreien oder Umweltgeräuschen.

Die Forscher betrachteten zwölf akustische Faktoren, die in engem Zusammenhang mit der Sprachentwicklung stehen. Als besonders aussagekräftig erwies sich die Silbentrennung: Sie dokumentiert die Fähigkeit des Kinds, mit schnellen Bewegungen des Kiefers und der Zunge klar getrennte Lautsilben zu erzeugen. Säuglinge, deren Sprache sich normal entwickelt, können dies bereits in den ersten Monaten ihres Lebens - Autistisch veranlagte Kleinkinder hingegen weisen Unregelmäßigkeiten in der Lautbildung auf.

Indem die Wissenschaftler mit Lena das Verhältnis von sprachähnlichen Äußerungen zu weniger eindeutigen Lauten auswerteten, konnten sie auch den typischen Entwicklungsstand der Sprache für ein bestimmtes Alter feststellen. In zehn von zwölf Fällen zeigten Kinder mit Autismus deutlich geringere Übereinstimmungen zwischen den zwölf akustischen Merkmalen und dem entsprechenden Alter, als es bei Kindern ohne oder mit leichten Sprachentwicklungsstörungen der Fall war.

Da die Analyse nicht auf Wörter, sondern auf charakteristische Laute baut, sei eine generelle sprachunabhängige Untersuchung von Kindern möglich. Die Hoffnung der Mediziner: Mit einer weiterentwickelten Analysetechnik könne man einen wichtigen Beitrag zur Früherkennung von Autismus leisten - und letztendlich dadurch früher mit der geeigneten Therapie beginnen.

cib/ddp

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