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Staaten-Vergleich: Schlechtes Essen, kleine Menschen

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Groß und stark wird, wer gut isst. Wissenschaftler ziehen aus der Binsenweisheit teils überraschende Schlüsse auf die Lebensverhältnisse in Staaten. Nicht nur Nord- und Südkoreaner sind unterschiedlich groß, auch zwischen Ost- und Westdeutschen klafft eine Lücke.

Militärparade in Pjöngjang: Nordkoreaner sind im Durchschnitt kleiner als ihre Altersgenossen im Süden
AP

Militärparade in Pjöngjang: Nordkoreaner sind im Durchschnitt kleiner als ihre Altersgenossen im Süden

Nur wenig ist darüber bekannt, unter welchen Bedingungen die Menschen in der Diktatur Nordkoreas leben. Selten gelangen Bilder oder Berichte aus einem der letzten kommunistischen Staaten der Welt nach draußen. Verlässliche Daten über die Lebensbedingungen in dem international isolierten Land gibt es nur wenige.

Jetzt vermittelt allerdings eine Untersuchung einer südkoreanischen Wissenschaftlerin eine Ahnung davon, welche Spuren die schlechte Versorgung bei den Menschen im kommunistischen Bruderland in den letzten Jahrzehnten hinterlassen hat. Für ihre Schlussfolgerung braucht die Forscherin nur einen Parameter: die Körpergröße.

Anthropometriker wissen seit einigen Jahren, dass die Größe eines Menschen verlässlich die Bedingungen widerspiegelt, unter denen er aufwuchs. Parallel zu steigendem Wohlstand, besserer medizinischer Versorgung und Ernährungslage stieg im 20. Jahrhundert die durchschnittliche Körpergröße in den aufblühenden Nationen um einen Zentimeter pro Dekade. Veränderungen der Lebensbedingungen manifestieren sich innerhalb weniger Jahre in der Durchschnittsgröße.

Japaner schossen in die Höhe

Japaner etwa haben unter den aufstrebenden Staaten nach Ende des Zweiten Weltkrieges den größten Sprung gemacht: In den fünfziger Jahren erreichte der junge Durchschnittsjapaner 1,60 Meter. Heute, nach Jahrzehnten von Demokratie, wirtschaftlichem Aufschwung und guter medizinischer Versorgung, sind es 1,72 Meter.

Waisenkinder in Nordkorea: Schlechte Lebensbedingungen hinterlassen Spuren
AP

Waisenkinder in Nordkorea: Schlechte Lebensbedingungen hinterlassen Spuren

Sunyoung Pak von der Seoul National University sammelte Daten von mehr als 2600 Nordkoreanern vom Kleinkind bis zum Greis. Allerdings gewährte Kim Jong Ils Regime der Forscherin keinen Zugang, um die Bevölkerung zu vermessen. Pak nahm die Körpergröße der Menschen, die aus Nordkorea in den demokratischen Süden geflohen waren und an den Einbürgerungsstellen medizinisch untersucht wurden.

Die Analyse offenbarte einen frappanten Größenunterschied zwischen Nord und Süd. "Anders als in den meisten Regionen der Welt sind die Nordkoreaner nach dem Zweiten Weltkrieg praktisch nicht mehr größer geworden", so Pak. Ein 20-Jähriger ist heute mit knapp 1,59 Meter noch so klein wie vor 60 Jahren, als das Land am 38. Breitengrad in einen kommunistischen und einen demokratischen Staat geteilt wurde. 20-jährige Südkoreaner sind sechs Zentimeter größer als Gleichaltrige aus dem Norden.

"Dieser Unterschied zeigt, dass die Nordkoreaner in den letzten 50 Jahren unter deutlich schlechteren sozioökonomischen Bedingungen lebten als die Südkoreaner", schreibt Pak in der Fachzeitschrift "Economics and Human Biology". Weltweit gebe es nur wenige Länder, die in dieser Periode Vergleichbares erfahren hätten. Nordkoreaner scheinen unter chronischer Nahrungsknappheit zu leiden, vermitteln Paks Daten.

Unterschiede zwischen DDR und BRD

"Erschreckend ist, wie extrem groß der Unterschied zwischen beiden Nationen ist", sagt John Komlos, Anthropometriker an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und Redakteur von "Economics and Human Biology". Wirklich überrascht über einen Unterschied ist er indes nicht. Komlos hatte mit seinem Kollegen Peter Kriwy eine ganz ähnliche Untersuchung mit einer Nation unternommen, die durch eine Teilung unfreiwillig zu einem Versuchslabor des Kalten Krieges geworden war: Deutschland.

Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953: Streiks nach Erhöhung von Preisen und Ausgabe von Lebensmittelkarten
DPA

Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953: Streiks nach Erhöhung von Preisen und Ausgabe von Lebensmittelkarten

"Auch hier fanden wir Unterschiede, wenn auch nicht so deutliche", erklärt Komlos. Ostdeutsche, die nach dem Krieg geboren wurden, fallen im Schnitt etwas kleiner aus als Westdeutsche. DDR-Männer, die etwa in den sechziger Jahren das Licht der Welt nach dem Mauerbau erblickten, sind eineinhalb Zentimeter kleiner als ihre BRD-Altersgenossen.

Die deutsch-deutschen Daten offenbarten aber auch eine überraschende Gemeinsamkeit, welche die Propaganda im Arbeiter-und-Bauern-Staat nur schwer verleugnen könnte: Im real existierenden Sozialismus lebten Menschen genauso in unterschiedlichen sozialen Schichten - mehr oder weniger gut versorgt - wie in der Bonner Republik. Der Größenvergleich ergibt dieselben Klassenunterschiede wie im Westen: Ober-, Mittel, und Unterschicht. Je besser die Menschen lebten, desto größer wurden sie. Komlos und Kriwy: "Westdeutsche Männer der Oberschicht sind 4 Zentimeter und ostdeutsche Frauen der Oberschicht etwa 3,4 Zentimeter größer als Angehörige der jeweiligen Unterschicht."

Inzwischen nähern sich zumindest die Männer wieder an. Der Ost-West-Unterschied ist fast verschwunden. "Bei den ostdeutschen Frauen hat der Mauerfall allerdings keinen Wachstumsschub bewirkt", so die beiden Forscher. Über die Ursache können sie nur spekulieren. Möglicherweise liege es daran, dass Mädchen in Ost und West das gleiche Schönheitsideal anstrebten. "Sie kontrollieren ihre Ernährung stärker als Jungs und neigen eher zu fleischloser Ernährung."

Als Beleg für Ungerechtigkeiten und schlechte Lebensbedingungen in kommunistischen Staaten taugen die Daten über die geteilten Länder allerdings kaum. Denn die Speerspitze des westlichen Kapitalismus kommt unter dem Maßband der Menschenvermesser lange nicht so gut weg, wie alte Kalte Krieger es gerne hätten: Die Menschen in den USA waren vor rund 200 Jahren im Schnitt noch deutlich größer als etwa Niederländer und Briten. Heute sind die Amerikaner die Kleineren.

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