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Ausgegraben

Archäologie Burg der Zurückgelassenen

Stade: Bauwerk aus den dunklen Jahrhunderten Fotos
Stadtarchäologie Stade

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In den "dunklen Jahrhunderten" des frühen Mittelalters war nicht viel los zwischen Elbe und Weser - glaubte man. Doch neue Funde in Stade zeigen, dass es an der Schwinge in diesen Jahrhunderten keineswegs so dunkel war.

"Was haben die hier bloß gemacht?" fragt Stadtarchäologe Andreas Schäfer und schaut nachdenklich auf das Gras unter seinen Gummistiefeln. "Wozu brauchten die so eine große Burg?" Mit "die" meint er die Sachsen des Frühmittelalters, die zwischen Weser und Elbe lebten. Eigentlich, so waren sich die Forscher bisher einig, war in dem Gebiet nicht mehr viel los, seit die meisten Sachsen sich ab dem 5. Jahrhundert in Richtung England abgesetzt hatten, um gemeinsam mit den Angeln die Insel zu besiedeln. Während die Verwandten in England erste Königreiche gründeten, herrschten über die letzten Daheimgebliebenen lediglich so genannte Satrapen. Ihre Dörfer waren nicht mehr als ein paar zusammengewürfelte Höfe.

Die "Burg" unter Schäfers Gummistiefeln ist jedoch alles andere als ein trauriges Dorf von Zurückgelassenen. Der ovale Burgwall aus Holz und Erde ragte einst etwa sieben bis acht Meter hoch, noch heute sind an die fünf davon erhalten. Er umschließt ein Areal von 4600 Quadratmetern - das entspricht in etwa der Fläche eines kleinen Fußballfelds. Im Inneren fand Schäfer bei Ausgrabungen mit Kollegen und Studenten der Universität Hamburg in den vergangenen Jahren Spuren von Häusern und Werkstätten: Feuerstellen, Öfen, Pfostengruben von Häuserwänden, einen kleinen Schmelztiegel, wie er zur Edelmetallverarbeitung benutzt wurde. "Hier haben dauerhaft Menschen gewohnt", erklärt er die Funde, "das war mehr als einfach nur ein befestigter Siedlungsplatz."

Lange hielten die Einheimischen den Wall am Ufer der Schwinge für eine Verteidigungsanlage aus dem Dreißigjährigen Krieg und nannten ihn "Schwedenschanze". Doch mit den Truppen Gustav Adolfs hatte das Bauwerk gar nichts tun. Der früheste im Wall verbaute Baum wurde im Jahr 673 oder 674 gefällt - fast ein Jahrtausend, bevor die Schweden kamen. Schäfer nickt mit dem Kopf Richtung Burggelände und lächelt: "Wir haben hier die älteste mittelalterliche Burg zwischen Rhein und Elbe."

Zwei Burgen in friedlicher Nachbarschaft

Unten am Fuß des Walls schlängelt sich die Schwinge durch die Wiesen. Einer ihrer Bögen stößt fast direkt an den Wall. Hier fand Schäfer eine Uferrandbefestigung. Zwischen Ufer und Wall lag ein breiter Laufsteg aus Holzbrettern und -bohlen, etliche davon ehemalige Schiffsteile. "Das kennen wir von späteren Zentralplätzen wie Dorestad oder Haithabu", erklärt Schäfer. "Die lagen auch im Hinterland an einem Gewässer mit Zugang zum Meer." Landeten hier die Schiffe aus England, mit Waren und sehnsüchtig erwarteten Nachrichten der Verwandten?

Kaum hatte Schäfer sich an den Gedanken gewöhnt, mit der Schwedenschanze eine archäologische Sensation im Stadtgebiet von Stade zu haben, legten die Kollegen von der Geophysik ihm das nächste Rätsel auf den Tisch. "Da drüben", er zeigt auf einen nur 500 Meter entfernten Geländesporn, der bei den Einheimischen als Ohle Dörp bekannt ist, "haben die bei geophysikalischen Prospektionen und Laserscans vor fünf Jahren noch eine Burg gefunden." Die ist mit rund 70 mal 90 Metern zwar etwas kleiner als die Schwedenschanze - war aber ebenfalls dauerhaft bewohnt und hatte auch einen Schutzwall. Statt zu konkurrieren, pflegten die beiden Burgen wohl mehr oder weniger gute Nachbarschaft. Denn die frühesten Funde aus Ohle Dörp datieren in das achte Jahrhundert - beide Anlagen existierten zumindest eine zeitlang gleichzeitig.

"Was uns noch fehlte, waren die Friedhöfe", erzählt Schäfer. "Wo haben die ihre Toten begraben?" Die Antwort fand der Archäologe, als in Riensförde ein Areal für ein Neubaugebiet freigegeben wurde: Etwa 70 Gräber, in Luftlinie nur 1,5 Kilometer entfernt von der Schwedenschanze. Die älteste Phase des Friedhofs reicht bis in das 6. und 7. Jahrhundert zurück - und damit bis zum Baubeginn der Schwedenschanze oder sogar noch früher. Die Ausgräber fanden silbernen Ohrschmuck, Messer und Perlen. Doch die Chance, noch mehr über die Bewohner der Burg herauszufinden, ist jetzt vorbei. Die Fläche ist inzwischen bebaut.

Vorbei war es in der Burg an der Schwinge um 928 oder 929. In diese Jahre fallen die letzten Daten von Bauhölzern. "929 fiel Lüder V. aus dem Geschlecht der späteren Stader Grafen auf dem Schlachtfeld im brandenburgischen Lenzen", setzt Schäfer die Puzzleteile zusammen. "Und etwa ab 900 hatte man begonnen, den Spiegelberg in der heutigen Stader Altstadt aufzuschütten, auf den die Familie dann bald ihren Herrschersitz verlegte." Die neue Siedlung lag deutlich näher an der Elbe und damit an den Handelswegen. "Vielleicht war die Schwedenschanze tatsächlich der Vorläufer von Stade." Die verwandten Sachsen in England mochten Königreiche wie Essex, Wessex oder Sussex gegründet haben. Doch Schwedenschanze, Ohle Dörp und Riensförde zeigen, dass es in der alten Heimat keinesfalls öd und leer blieb.

4 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Miere 06.05.2014
koernerfrank 06.05.2014
Sepp290 16.06.2014
koernerfrank 16.07.2014

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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