Stahl-Imperium Die Krupp-Saga

Es ist ein Imperium der Neuzeit: Alfred Krupp schmiedet innerhalb von zwei Jahrzehnten das größte Industrieunternehmen Europas. Eisenbahn und Krieg machen ihn reich. Krupp, die Fabrik und seine Arbeiter verschmelzen zu einer Lebens- und Schicksalsgemeinschaft.

Von Ralf Berhorst


Alfred Krupp ist ein Fürst eines neuen Zeitalters: Herr über Stahl und Kohle. General einer Armee aus Tausenden Arbeitern, von denen er bedingungslosen Gehorsam verlangt. Eroberer von Märkten in fernen Ländern. Produzent von Geräten, die ungeheuren Reichtum, von Waffen, die tausendfachen Tod bringen können. Alfred Krupp, 60 Jahre alt, Mythos schon zu Lebzeiten, Freund des Kaisers und anderer Staatsoberhäupter, Feind der Sozialisten und Gewerkschafter, Chef des größten Industrieunternehmens Europas.

Und ein Unternehmer, der kein Risiko scheut. Der zur Not bereit ist, sein Vermögen und die materielle Sicherheit Tausender aufs Spiel zu setzen.

Frühjahr 1873: Alfred Krupp reitet frühmorgens zur Arbeit, wie fast jeden Tag. Hager und hochgewachsen sitzt er im Sattel, die Klappmütze aufgesetzt, in engem Jackett und mit kniehohen Stiefeln. Trabt hinab von seiner Villa Hügel mit ihren 269 Zimmern, hoch über dem Essener Baldeneysee, zu seiner zehn Kilometer entfernten Gussstahlfabrik.

Schon von Weitem kann Krupp sein Reich sehen, eingehüllt in eine Wolke aus Rauch und Dampf. Mehr als 40 Wassertürme und Kamine ragen aus dem Dunst empor, einige von ihnen höher als die Kirchtürme von Essen: jener Stadt, die wie ein Anhängsel der Fabrik wirkt.

Fast 12.000 Arbeiter beschäftigt Alfred Krupp hier. Sein Werk hat eine eigene Gasversorgung und Wasserpumpstation, Feuerwehr und Polizei, ein Hospital, Läden und eine eigene Eisenbahn.

Als der Patriarch in die Chaussee nach Mülheim einbiegt, die mitten durch das Fabrikgelände verläuft, reitet er an rußgeschwärzten Hallen und Werkstätten aus Backstein vorüber, eiserne Dampfrohre überspannen den Weg. Männer in derber Kleidung, die mit Handkarren Werkstücke zum Güterbahnhof ziehen, grüßen ihn ehrfürchtig. Jeden Morgen gegen sechs eilen Tausende Arbeiter zum Werkstor – denn wer mehr als fünf Minuten zu spät kommt, dem lässt Krupp den Lohn für eine Stunde abziehen; das Geld kommt in die Betriebskrankenkasse.

In den Hallen schmelzen die Männer Roheisen, sie schmieden und walzen Räder und Achsen für Eisenbahnen, Schienen, Kurbelwellen und Kanonen aus Gussstahl. In Hitze, Gestank, Lärm und Schmutz.

Vor allem bei den Schmelzöfen ist es unerträglich heiß – andererseits frieren die Arbeiter in den zugigen Fabrikhallen, denn stets sind Dachluken aufgestellt, damit Luft hereinströmt. Immer wieder verbrennen sich die Männer, die mit Zangen die Tiegel ausgießen, am flüssigen Metall. Gibt es sogar Tote.

Züge rumpeln über die Schienen, Signalpfeifen der Lokomotiven gellen. Der Boden der Fabrikstadt vibriert unter den Schlägen Dutzender kleiner und großer Dampfhämmer. Und manchmal zittert die Erde wie bei einem Beben: Dann fährt der größte Dampfhammer der Welt mit 600 Zentner Fallgewicht auf einen glühenden Gussstahlblock nieder, um daraus je nach Auftrag ein Geschützrohr oder eine Antriebswelle zu formen.

Für Alfred Krupp sind Lärm, Gestank und Ruß ein belebendes Elixier. Denn sie künden von Größe und künftiger Expansion. Sein Gewinn hat sich in den vorangegangenen zehn Jahren fast verneunfacht, auf mehr als 10,6 Millionen Mark.

"Solange als ich lebe, werde ich immer treiben"

Doch geht es Krupp überhaupt um Geld und um Gewinn? Fast jede Mark hat er in Eisenerzgruben oder neue Fabrikhallen oder noch mehr Maschinen gesteckt. Hat Millionenkredite aufgenommen, um noch schneller, noch stärker, noch grenzenloser zu wachsen. Bankiers und "Kapitalisten", die nur auf die Dividende sehen, verachtet der Unternehmer. "Solange als ich lebe, werde ich immer treiben", notiert Krupp. Aber wohin wird er treiben? Denn im Frühjahr 1873 geht es für ihn plötzlich nicht mehr um Wachstum, sondern um die Existenz. Die Preise für Stahlerzeugnisse fallen, Krupps Gewinne schrumpfen schlagartig fast auf null. Zugleich muss das Unternehmen die hohen Kredite tilgen.

Krupp führt sein Pferd an diesem Morgen zum Verwaltungsgebäude. Nur wenige leitende Angestellte außer ihm wissen, wie es wirklich um das Unternehmen bestellt ist. Das Heer der Arbeiter in den Werkshallen ahnt nicht, dass Krupps Fabrikstadt kurz vor dem Zusammenbruch steht.

Sechs Jahrzehnte zuvor ist Essen noch von Wiesen und Äckern umgeben. 1811 hat Alfreds Vater Friedrich Krupp dort mit zwei Teilhabern eine Fabrik gegründet. Der Kaufmann will einen widerstandsfähigen Spezialstahl produzieren, wie ihn bis dahin nur Experten im englischen Sheffield herzustellen verstehen.

Die Briten haben bereits 1740 erstmals Roheisen in einem feuerfesten Tontiegel eingeschmolzen – so setzten sich Schlacken, die das Material spröde gemacht hätten, oben ab. Das flüssige Metall ließ sich zu einem Block ausgießen, mit Hammerschlägen härten und in die gewünschte Form schmieden.

Messerklingen aus solchem Gussstahl sind besonders haltbar, aber das Verfahren ist aufwendig, teuer und: geheim. Friedrich Krupp versucht es nachzuahmen. Es kommt beim Schmelzen und Gießen auf viele Details an, etwa die Beschaffenheit des Tiegels oder das verwendete Roheisen – und niemand hat die chemischen Prozesse wirklich erfasst. Vieles beruht auf Erfahrung oder Zufall.

So gelingt es Krupp erst nach fünf Jahren (inzwischen hat er sich von seinen Teilhabern getrennt), brauchbaren Tiegelstahl für Münzstempel, Schuhmacher- und Sattlermesser oder Walzen zu produzieren. Befeuert von diesem Erfolg, erwirbt er Ende 1818 ein Grundstück, eine Viertelstunde westlich von Essen, und errichtet dort einen Schmelzbau mit acht Öfen sowie ein großes Fabrikgebäude – die Keimzelle der späteren Kruppstadt.



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