Aus Kopenhagen berichtet Christian Schwägerl
Doch es gibt auch andere, die auf das Redd-Programm große Hoffnungen setzen. Umweltschutzorganisationen warnen bereits vor "Kohlenstoff-Cowboys", die mit der gasförmigen Wertanlage Schindluder betreiben. "Das Geld könnte im schlimmsten Fall auf Schweizer Bankkonten landen", warnt die Umweltorganisation "Global Witness". Der jüngst aufgedeckte Großbetrug im europäischen Emissionshandelssystem unterstreicht diese Sorge. "Ich bin sehr für den Redd-Mechanismus, aber es gibt reale Probleme", sagt der norwegische Waldexperte Arild Angelsen, einer der Hauptredner auf dem "Forest Day" der Weltklimakonferenz. Angelsen warnt, dass Teile der Milliardenbeträge von korrupten Beamten und Zwischenhändlern vereinnahmt werden könnten.
Auch in Indonesien fordern Waldbewohner, direkt an möglichen Redd-Erlösen beteiligt zu werden. "Es darf nicht so weit kommen, dass die Redd-Gelder ausgerechnet bei den Abholzungsfirmen landen, weil sie im Besitz von Waldlizenzen sind", warnte auf dem "Forest Day" ein Vertreter von rund 40 Millionen indigenen Indonesiern, die vom Wald abhängig sind. Derzeit seien fünf Millionen Hektar an Firmen für Rodung und Palmölplantagen übereignet, ohne dass die Bewohner der betroffenen Gebiete gefragt worden wären. Eine Gefahr sei auch, dass Besitzer von Palmölplantagen selbst Redd-Gelder bekommen können. "Das wäre ein perverser Anreiz zur Waldzerstörung", sagt der Redd-Fachmann Angelsen.
Die Industrienationen zögern noch
Redd gehört bei den Beratungen von mehr als 115 Staats- und Regierungschefs, die bis Donnerstag in Kopenhagen eintreffen, zu den strittigsten Themen. Manche Industrieländer zögern noch damit, ausreichend Geld zuzusagen und Redd als feste Komponente der neuen Klimaschutzregeln zu verankern. Viele Entwicklungsländer, darunter Brasilien, Ecuador, Bolivien und Venezuela, sehen Redd als Test an, ob die Industrieländer es mit dem Klimaschutz ernst meinen. Sie setzen große Hoffnungen darauf, mit den Waldmitteln Wohlstand und Umweltschutz versöhnen zu können.
In zahlreichen Ländern laufen bereits freiwillige Pilotprojekte, bei denen erprobt wird, ob Zahlungen wirklich dem Naturschutz dienen können. Mancherorts sind die Erfahrungen eher ernüchternd. Doch aus Brasilien kommt eine positive Bilanz: Die "Amazonas-Nachhaltigkeits-Stiftung" verteilt mit Unterstützung der Marriot-Hotelkette und einer Großbank Gelder an Frauen in Regenwalddörfern - mit Hilfe einer Regenwald-Kreditkarte. "Das Geld kommt direkt Bildung und Gesundheit zugute", sagt Stiftungsdirektor Virgilio Viana. Redd sei "die beste Chance unseres Jahrhunderts, den Regenwald zu erhalten". Allein mit Kunsthandwerk, Fischzucht und anderen typisch alternativen Einkommensquellen seien die Gehälter der Holzfäller nicht zu überbieten. Durch das Projekt sei die Rodungsrate im Bundesstaat Amazonien bereits um 75 Prozent gefallen.
Strikte Kontrollen sind notwendig
Ecuador bietet sogar an, außer Waldflächen auch Erdölvorkommen ungenutzt zu lassen, sofern für die CO2-Speicherung Geld fließt. "Es wäre falsch, dies als Erpressung anzusehen", sagt der Klimaökonom Nicholas Stern, "es handelt sich um einen gerechten Ausgleich von Interessen." Betrug, Korruption und Mittelmissbrauch gebe es auch in der westlichen Finanzwelt. "Wir brauchen eben auch bei Redd die striktesten Kontrollen, die möglich sind."
Der Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) setzt darauf, dass es in Kopenhagen zu einer Einigung über Redd kommt. "Das ist ein wichtiges Instrument zur CO2-Senkung", sagte er am Mittwoch in Kopenhagen. Es dürfe aber kein Ersatz für den Umbau der Energieversorgung in Industrieländern sein. Redd-Zertifikate dürften nicht den Markt für Zertifikate von CO2-Emissionen aus Kraftwerken überschwemmen und so zu einem Preisverfall führen. "Das würde die Entwicklung des Kohlenstoffmarktes schnell beenden", warnte Röttgen.
Derzeit ist noch fraglich, ob es in Kopenhagen überhaupt zu einer Einigung über ein gemeinsames Vorgehen der Staaten gegen einen gefährlichen Klimawandel gibt. Die Verhandlungen standen auch am Mittwoch auf der Kippe.
Der Amazonas-Häuptling Almir Surui will nicht ohne die gute Nachricht nach Hause fahren, dass der Schutz des Regenwalds von der Weltgemeinschaft nicht nur rhetorisch unterstützt wird, sondern auch praktisch und finanziell. "Wenn hier keine Einigung zustande kommt, die uns wirklich hilft, sind wir über kurz oder lang in existentieller Gefahr", warnt er. Eine Ländergruppe, zu der Großbritannien, die USA, Australien und Norwegen zählen, gab am Mittwochabend bekannt, über drei Jahre 3,5 Milliarden Dollar für Redd-Projekte zur Verfügung zu stellen. Doch ob es zu einer umfassenden Einigung aller Staaten kommt, ist noch unklar.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels war von Millionen von Indianern, die in Brasiliens Wäldern leben die Rede. Diese Angabe stimmt nicht, es handelt sich um knapp eine Million Indigene. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
Mitarbeit: Christoph Seidler
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