"Stammzell-Sensation" Fachblatt "Nature" korrigiert Mitteilung

Die angebliche Sensation machte deutsche Forscher gleich skeptisch. Stammzellen gewinnen, ohne dabei den Embryo zu zerstören - das wurde vorschnell als Ausweg aus dem ethischen Dilemma gefeiert. Jetzt räumt "Nature" ein: Die Zellhaufen wurden doch zerstört.


Es sollte der Ausweg aus einer ethischen Zwickmühle sein - doch so wird es nicht kommen. Mit einem neuen Verfahren ließen sich embryonale Stammzellen gewinnen, ohne den menschlichen Embryo zu zerstören: Das hatte letzten Donnerstag ein Team um den bekannten US-Genforscher Robert Lanza in "Nature" berichtet. Experten kritisierten die Studie, darunter auch der deutsche Wissenschaftler Hans Schöler. Gegenüber SPIEGEL ONLINE hatte er die Publikation als "sehr geschickt verpackte heiße Luft" bezeichnet. Nun rudert die Wissenschaftszeitschrift "Nature" zurück.

Verzerrte Darstellung: Eihülle von Embryonen und auch die Zellhaufen selbst wurden zerstört
AFP

Verzerrte Darstellung: Eihülle von Embryonen und auch die Zellhaufen selbst wurden zerstört

Bei Lanzas Untersuchungen sind die verwendeten Embryonen doch zerstört worden, stellte "Nature" in London klar. Die Studie zeige, dass sich menschliche embryonale Stammzellen aus einzelnen Zellen früher Embryonen gewinnen ließen, allerdings seien die Embryonen, die in den konkreten Experimenten benutzt worden seien, nicht intakt geblieben, hieß es in der Mitteilung.

Damit korrigierte "Nature" eine Pressemitteilung aus der letzten Woche. Darin hatte es zunächst geheißen, die Forscher um Robert Lanza vom Unternehmen Advanced Cell Technology (ACT) hätten neue menschliche embryonale Stammzelllinien gewonnen, ohne den Embryo zu zerstören. Nun teilt "Nature" mit: Die Wissenschaftler hätten lediglich davon gesprochen, dass die prinzipielle Fähigkeit, embryonale Stammzellen ohne Zerstörung des Embryos zu erzeugen, die ethischen Bedenken mildern würde. Die Forscher selbst hätten also keine falschen Angaben gemacht.

"Embryonen völlig zerlegt"

Allerdings hatten die Wissenschaftler in ihrer Publikation sich um genaue Angaben gedrückt. So schrieben sie, dass sie 16 Embryonen für ihre Untersuchungen verwendetet hätten. An anderer Stelle wird über 58 Prozent der aus den Embryonen isolierten Zellen berichtet, in einer Klammer steht eine absolute Zahl von 53 Zellen. 100 Prozent der entnommen Blastomere sind demnach 91 Zellen. Diese offensichtlich verzerrende Darstellung hatte Hans Schöler, Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster, bereits letzte Woche kritisiert.

Die Forscher um Lanza hätten den Eindruck erweckt, sie hätten 16 menschlichen Embryonen je nur eine Zelle, eine so genannte Blastomere, entnommen und aus diesem Vorrat am Ende zwei Stammzelllinien gewonnen. Tatsächlich seien den Embryonen jedoch mehrere Blastomeren entnommen worden. "Letztendlich wurden aus 91 Blastomeren zwei Stammzelllinien abgeleitet, und offensichtlich sind dabei die Embryonen völlig in Blastomeren zerlegt worden", sagte Schöler.

Geschummelt wurde womöglich auch bei den Bildern, die Lanzas Team Unternehmen Advanced Cell Technology über die Presseseite von "Nature" zur Verfügung stellte. "Die Bilderfolge ist so, wie es uns Lanza gerne weismachen möchte", so Schöler. Darauf ist ein kleiner Zellhaufen zu sehen, der von einer Hülle umgeben ist. "Tatsächlich hat er diese Eihülle, die Zona pellucida, völlig entfernt und die Embryonen in ihre Einzelteile zerlegt", meint Schöler.

Ist es aber nun wirklich prinzipiell möglich, aus einzelnen Blastomeren Stammzelllinien zu gewinnen ohne dabei den Embryo zu zerstören? "Ich will nicht sagen, dass das nicht möglich ist, aber das wurde in dieser Arbeit nicht gezeigt", sagt Schöler. Lanzas Team hätte den Nachweis für ihre Behauptung nicht erbracht.

Damit führt Lanza auch seine Aussagen über die ethischen Bedenken ad adsurdum. Die Forscher glaubten, dass sich der Embryo, der um eine Zelle beraubt wurde, dennoch zu einem normalen Baby heranwachsen könnte, wenn er einer Frau in die Gebärmutter eingesetzt würde. So geschieht es bereits in der Präimplantationsdiagnotik, in der eine Blastomere zur Feststellung von Erbkrankheiten entnommen und bei der Untersuchung zerstört wird.

Sollte Lanzas Spekulation stimmen, könnte dies den lang gesuchte Ausweg aus dem zentralen moralischen Dilemma der Stammzellforschung weisen. Das besteht darin, dass embryonale Stammzellen zwar enorme medizinische Forschritte versprechen, bisher aber nur mit Methoden hergestellt werden können, bei denen menschliche Embryos zerstört werden. Lanzas Team wollte deswegen ethische Bedenken ausräumen.

Dass dies - angesichts der emotional und heiß geführten Debatten in Deutschland und den USA - überhaupt möglich sein würde, bezweifelte der Bonner Stammzellexperte Oliver Brüstle von Anfang an. Wenigstens einzelne Forschungsergebnisse dürften dafür nicht ausreichen. "Manche Sichtweisen lassen sich nicht so leicht ändern", sagte Brüstle zu SPIEGEL ONLINE.

fba/dpa



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