Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Stammzellen: Alleskönner aus dem Fruchtwasser

Fruchtwasser von Schwangeren soll eine neue Quelle für Stammzellen sein. Aus der Flüssigkeit können Forscher jetzt Vorläuferzellen für Fett, Muskeln, Knochen oder Nerven herstellen. Das ist ethisch weitaus unbedenklicher als die Nutzung von embryonalen Stammzellen.

Ein Kind im Mutterleib ist nicht nur für werdende Eltern Quell vieler Überraschungen. Auch Wissenschaftler entdecken in und um das wachsende Leben herum immer neue Forschungsgebiete: Längst bekannt sind etwa die Fähigkeiten von embryonalen Stammzellen, und auch Nabelschnur und Mutterkuchen verwerten Ärzte bereits, um daraus Vorläuferzellen zu isolieren, die später Krankheiten heilen sollen.

Schwanger: Der Fötus schwimmt im Fruchtwasser
DDP

Schwanger: Der Fötus schwimmt im Fruchtwasser

Nun wollen Forscher auch das Fruchtwasser nutzen: Dass es dort Stammzellen gibt, wissen Mediziner schon länger. Ärzten vom Institut für Regenerative Medizin an der Wake Forest University in Winston (US-Bundesstaat North Carolina) ist es nun gelungen, die Alleskönner aus der Flüssigkeit zu isolieren und sie in unterschiedliche Zelltypen weiterzuentwickelen. Das schreibt das Team um Anthony Atala in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Nature Biotechnology".

Die Ärzte gewannen die Flüssigkeit bei 19 schwangeren Frauen im Rahmen einer sogenannten Fruchtwasserpunktion. Diese Untersuchung, bei der die Fruchtblase durch den Bauch der Mutter um den vierten Schwangerschaftsmonat angestochen wird, sucht nach genetischen Defekten des Fötus und ist nicht ohne Risiken. Die Reste des Untersuchungsmaterials werden normalerweise entsorgt.

Atala und seine Kollegen nutzten spezielle Antikörper, um in dem Fruchtwasser Stammzellen zu identifizieren und sie herauszufischen. Rund ein Prozent aller Zellen in der Flüssigkeit entpuppten sich als Stammzellen. Mit Hilfe von Wachstumsfaktoren gelang es den Forschern, diese in Richtung von sechs verschiedenen Gewebearten zu entwickeln: Am Ende lagen ihnen Fett-, Muskel-, Leber-, Knochen-, Endothel- und Nervenzellen vor. Die Wissenschaftler betonen die positiven Eigenschaften der neuen Zelllinien: Sie ließen sich ohne Helferzellen bis zu 250mal verdoppeln und zeigten auch nach längerer Lebensdauer keine Anzeichen von Alterung oder Mutation.

"Diese Untersuchung ist ein wichtiger Schritt in der Stammzellforschung", beurteilt Volker Jacobs, Leiter des bayrischen Forschungsprojekts "Stemmat", das die Grundlagen von Stammzellen aus der Nabelschnur erforscht, die Studie. "Die Wissenschaftler haben an der richtigen Stelle gesucht und sind fündig geworden."

Besondere Hoffnung setzen Wissenschaftler weltweit in Stammzellen vom un- oder neugeborenen Kind. Sie sind zwar nicht so vielfältig wie embryonale Vorläuferzellen, deren Gewinnung in Deutschland und vielen anderen Nationen verboten oder zumindest umstritten ist. Doch die Zellen besitzen immerhin bessere Eigenschaften als die adulten Stammzellen, die Mediziner bereits seit längerem aus Knochenmark gewinnen und für Krebstherapien einsetzen.

Die Forscher schlagen in ihrem Fachartikel vor, die gewonnenen Zellen aus Fruchtwasser in Zukunft entweder in einer privaten Bank oder als anonyme Spende zu sammeln. Beides existiert bereits für Stammzellen aus Nabelschnurblut. Besonders die weit verbreitete und teure Eigenspende ist jedoch unter Ärzten umstritten, weil es bislang kaum Krankheiten gibt, die mit den eigenen Stammzellen therapiert werden können.

hei/dpa

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: