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Stammzellen: Eigenes Nabelschnurblut hilft erstmals gegen Blutkrebs

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Chemotherapie und Bestrahlung allein konnten einer Sechsjährigen nicht helfen. Erst Stammzellen aus ihrer Nabelschnur, die ihre Eltern bei der Geburt einfrieren ließen, machen nun Hoffnung auf Heilung - ein noch seltener Fall erfolgreicher Eigenspende.

Zuweilen ist das Geschäftsmodell fertig, bevor die wissenschaftliche Erkenntnis sicher ist. Taugt eine Therapie? Hilft eine Arznei? Solche Fragen werden oft erst nach dem Hype um eine neue Substanz, Methode oder Technik abschließend geklärt. Hoch gehandelt wird derzeit ausgerechnet ein Stückchen Organisches, das nach der Entbindung eigentlich keinem Zweck mehr dient - die Nabelschnur und vor allem das Blut, das sie enthält.

Neugeborenes mit Nabelschnur: Bluteinlagerung half bei Krebstherapie
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Neugeborenes mit Nabelschnur: Bluteinlagerung half bei Krebstherapie

Denn Nabelschnurblut ist ein kostbares Gut. Die zähe rote Flüssigkeit gilt nicht allein als einzigartig, weil sie nur kurz nach der Geburt vorhanden ist. Sie enthält zudem auch wertvolle Stammzellen, die sich Forscher gern als Ersatzteillager der Zukunft vorstellen. Immer mehr Eltern lassen deshalb das Blut ihrer neugeborenen Kinder in den Stickstofftanks privater Stammzellbanken einfrieren. Die im Blut enthaltenen Zellen sollen künftig Krankheiten heilen helfen, an denen der Nachwuchs später einmal leiden könnte - falls dann eine entsprechende Behandlung existiert. Bisher gibt es erst wenige Einsatzmöglichkeiten dafür.

In Oak Lawn im US-Bundesstaat Illinois haben Ärzte nun erstmals ein leukämiekrankes Mädchen mit ihrem eigenen Nabelschnurblut behandelt, wie sie im Fachjournal "Pediatrics" berichten. Das Kind war im Alter von drei Jahren an einer Leukämieform erkrankt, bei der sich bösartige Vorläuferzellen bestimmter weißer Blutkörperchen, der Lymphozyten, stark vermehren. Trotz Chemotherapie kam der Krebs nach zehn Monaten zurück und breitete sich in Gehirn und Rückenmark aus. Nach einer erneuten Chemotherapie mit Bestrahlung erhielt das Kind seine eigenen Stammzellen gespritzt. Heute – mehr als 20 Monate später – ist das sechs Jahre alte Mädchen gesund.

Bislang gingen Experten davon aus, dass eine Eigenspende für die Therapie von akuten Leukämien nicht geeignet ist. "Das entnommene Nabelschnurblut könnte schon bei der Geburt mit Krebsinformationen belastet sein", erklärt Gynäkologe Volker Jacobs, Leiter des Forschungsprojekts "Stemmat", das die Grundlagen von Stammzellen aus der Nabelschnur erforscht. Deswegen erhielten leukämiekranke Kinder bislang anonym gespendetes Nabelschnurblut – sofern das vorhanden war und zu den Blut- und Gewebemerkmalen der Betroffenen passte.

Im Fall der Sechsjährigen müsse die Erkrankung aber schon so weit fortgeschritten gewesen sein, dass sich die Ärzte für eine so genannte autologe Transplantation entschieden, mutmaßt Jacobs, Oberarzt an der Frauenklinik der TU München, gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Vielleicht ging es dem Mädchen derart schlecht, dass keine Zeit blieb, nach einer passenden Spende zu suchen." Im "Pediatrics"-Aufsatz steht bloß knapp: Ein passender familiärer Spender sei nicht verfügbar gewesen.

Trotz dieser Erfolgsmeldung herrscht ein krasses Missverhältnis zwischen eingelagerten und später genutzten Nabelschnurblutproben: Mittlerweile haben weltweit rund 1,3 Millionen Eltern die Zellen ihrer Kinder für die Eigennutzung einfrieren lassen, transplantiert wurde das Blut aber nur in etwa 15 Fällen. Das Geschäft mit der Nabelschnur und der Vorsorgebereitschaft - wenn nicht gar der Angst - der Eltern floriert. Die Leipziger Vita 34 AG beispielsweise berechnet für die Einlagerung zwischen knapp 2000 und 2400 Euro. Jedes weitere Jahr der Lagerung im Stickstofftank kostet weitere 30 Euro. Einer der Autoren des Beitrags in "Pediatrics", Eberhart Lampeter, ist der Chef von Vita 34. Bei einer US-Tochterfirma der Leipziger ist das Nabelschnurblut für die kleine Patientin gelagert und aufbereitet worden.

Spekulative Vorsorge

Zusätzliche Werbung für die Spekulation auf neue Behandlungsmöglichkeiten sind Prominente, die das Nabelschnurblut ihrer Kinder einlagern lassen. Im August berichtete die Zeitung "Sunday Times" gar von britischen Erstliga-Fußballern, die mit der teuren Vorsorge weniger altruistische Motive verbinden: Die Stammzellen der Sprösslinge sollen ihnen bei künftigen Sportverletzungen helfen. Allerdings gibt es bisher keine Stammzelltherapien für die Fußballer-typischen Berufskrankheiten wie Knie- und Knorpelverletzungen.

Eine Alternative zur privaten Nutzung stellen öffentliche Blutbanken dar, die anonym gespendetes Nabelschnurblut aufbewahren. Das ist für die Eltern kostenfrei. Aus diesem Pool werden Stammzellen gewonnen, die schon jetzt das Leben fremder Menschen retten können. Ob eine Eigenspende wie im Fall der kleinen Patientin in Illinois auch anderen leukämiekranken Kindern helfen könnte, oder ob die Sechsjährige ein Einzelfall ist, bleibt abzuwarten.

Erst wenn weitere Behandlungen folgen, können Ärzte beurteilen, ob eine solche Behandlung erfolgreich ist oder nicht. "Außerdem sind 20 Monate zwar eine lange Zeit, aber von dauerhafter Heilung kann man wohl erst etwas später sprechen", meint Volker Jacobs.

Mit Material von ddp

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