Stammzellen Großbritannien erlaubt Herstellung von Mensch-Tier-Embryonen

Die Debatte war kontrovers, aber am Ende stand eine deutliche Mehrheit: Das britische Unterhaus hat der Herstellung von Embryonen aus menschlichem Erbgut und Eizellen von Tieren für die Stammzellenforschung zugestimmt. Kritiker befürchten jetzt eine "Frankenstein-Wissenschaft".


London - Das britische Unterhaus stritt heftig, Premierminister Gordon Brown warb für die Stammzellenforschung, und am Ende konnte er zufrieden sein: In Großbritannien können Embryonen aus menschlichem Erbgut und Eizellen von Tieren für die Forschung geschaffen werden.

Das Unterhaus in London stimmte am Montagabend mit 336 zu 176 Stimmen gegen einen Antrag, generell die Produktion von solchen Chimären zu verbieten. Damit unterstreicht Großbritannien seinen Ruf als eines der weltweit liberalsten Länder in der Stammzellenforschung.

Ebenfalls wurde im Unterhaus ein Antrag zum Verbot der Produktion sogenannter "Helfer- oder Rettergeschwister" mit Mehrheit abgelehnt. Dabei geht es um die künstliche Erzeugung von Embryonen, die einem lebenden Kind genetisch weitgehend entsprechen und ihm bei Krankheiten Zellen oder genetisches Material für die Behandlung liefern sollen.

Brown, dessen zweijähriger Sohn an Mukoviszidose leidet, hatte sich nachdrücklich für die Ausweitung der gesetzlichen Grundlagen zur Stammzellenforschung ausgesprochen. Es sei eine "moralische Anstrengung", mit der Tausende und langfristig Millionen Leben gerettet werden könnten. Wegen der stark abweichenden Meinungen durften die Abgeordneten unabhängig von Partei- und Fraktionszugehörigkeit nur ihrem Gewissen folgend votieren.

Bei vielen konservativen Abgeordneten war der Entwurf sehr umstritten. Kritiker fürchten, die Hybrid-Embryonen könnten letztlich zu gezielten genetischen Modifikationen und "Designer-Babys" führen. Die katholische Kirche sprach von einer gefährlichen "Frankenstein-Wissenschaft".

Wissenschaftlern zufolge sollen die Embryonen nicht älter als 14 Tage alt werden und den Mangel an menschlichen Embryonen bei der Stammzellenforschung ausgleichen. Chimären werden aus einer tierischen Eizelle mit menschlichem Erbgut hergestellt. Bislang wurden Hybrid-Embryonen nur in den USA, Südkorea, China und Großbritannien zu Forschungszwecken produziert.

Britischen Forschern war es Anfang April erstmals gelungen, Chimären-Embryonen aus menschlichem Erbgut und Eizellen von Kühen zu erzeugen. Das Team aus Newcastle hatte eine Sondergenehmigung der zuständigen britischen Behörde HFA. Das entsprechende Gesetz mit der generellen Erlaubnis der Chimären-Herstellung könnte nun bereits 2009 in Kraft treten.

Wissenschaftler erhoffen sich von der Stammzellenforschung neue Therapiemethoden für Krankheiten wie Parkinson, Diabetes und Mukoviszidose. In Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich ist Forschern die Schaffung menschlich-tierischer Embryonen verboten.

hen/AP/AFP/dpa/Reuters



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