Stammzellenforschung Wissenschaftler klonen menschlichen Embryo aus Hautzelle

Spektakulärer Durchbruch in der medizinischen Forschung: US-Wissenschaftlern ist es erstmals gelungen, einen menschlichen Embryo aus einer Hautzelle zu klonen. Es ist ein Etappensieg auf dem Weg zur Herstellung maßgeschneiderter embryonaler Stammzellen.

Von


Es ist vollbracht. Andrew French von der Stemagen Corporation in La Jolla, im US-Bundesstaat Kalifornien und seinen Kollegen ist nun das gelungen, was der südkoreanische Klonforscher Woo Suk Hwang bereits im Jahr 2004 behauptet hatte, erreicht zu haben: einen menschlichen Embryo aus einer Körperzelle zu klonen. Der Unterschied: Hwang entpuppte sich als Fälscher, French und seine Kollegen hingegen haben es tatsächlich geschafft. Ihren Durchbruch haben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Stem Cells" veröffentlicht.

Der deutsche Stammzellforscher Miodrag Stojkovic, der im Jahr 2005 bereits einen menschlichen Embryo geklont hatte - allerdings nicht aus einer Hautzelle, sondern aus dem einer embryonalen Stammzelle, bewertet die Arbeit von French und seinen Kollegen als wichtigen Meilenstein: "Es ist ein Durchbruch, weil hier erstmals gezeigt wurde, dass es möglich ist, aus adulten menschlichen Zellen Embryonen herzustellen", sagte Stojkovic, der in Valencia forscht, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Für ihn ist die Arbeit seriös, weil French und seine Kollegen alle strengen DNA-Nachweise für die Echtheit des Klons erbracht hätten, die seit dem Fälschungsskandal um Woo Suk Hwang von den wissenschaftlichen Magazinen vor einer Veröffentlichung verlangt werden.

Die Forscher verwendeten für ihre Experimente 29 Eizellen von drei 20- bis 24-jährigen Spenderinnen. Die Frauen hätten, wie French und seine Kollegen betonen, diese überschüssigen Eizellen freiwillig gespendet und dafür kein Geld erhalten. Die Wissenschaftler entfernten die Kerne der Eizellen und schleusten darin die Hautzellen eines Mannes ein. Aus fünf dieser mit fremdem Erbgut bestückten Eizellen entstanden dann Blastozysten, ein Entwicklungsstadium des Embryos aus weniger als 70 Zellen. Bei einer der Blastozysten konnten sie die erfolgreiche Klonierung sicher nachweisen - die DNA-Analyse ergab, dass sie genetisch identisch mit der Hautzelle war.

Erstaunlich ist: French und seine Kollegen hatten bei ihren Klonexperimenten klassische Techniken verwendet und methodisch nichts anders gemacht als andere Labors. Warum gelang ihnen nun die Klonierung an menschlichen Zellen? Jürgen Hescheler, Stammzellforscher an der Universität Köln, vermutet im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, dass es einfach an der Frische der verwendeten Eizellen gelegen haben könnte. Diese wurden, wie French und seine Kollegen schreiben, weniger als zwei Stunden nach der Entnahme aus dem Eierstock für die Klonversuche verwendet. Auch Stojkovic bestätigt, dass seiner Erfahrung nach für das therapeutische Klonen an menschlichen Zellen die Güte der Eizellen ein sehr kritischer Faktor ist: "Man kann die Eizellen nur bis maximal zwei Stunden nach der Entnahme verwenden", sagt Stojkovic. Auch das Alter der Spenderin spiele eine Rolle - je jünger diese sei, desto besser, so Stojkovic.

Der nächste Schritt ist entscheidend

So spektakulär die erfolgreiche Klonierung ist - der letzte Schritt hin zum therapeutischen Klonen fehlt noch: die Gewinnung embryonaler Stammzellen aus dem geklonten Embryo. Der Grund, warum die Wissenschaftler das nicht taten: Die geklonten Blastozysten mussten zur DNA-Analyse an ein externes Labor geschickt werden. "Nach der Verifikation der gelungenen Klonierung waren die Blastozysten nicht mehr dazu geeignet, aus ihnen embryonale Stammzellen zu isolieren", sagte Andrew French SPIEGEL ONLINE. Sein Team arbeite bereits an diesem nächsten Schritt.

Hescheler bewertet die Arbeit Frenchs und seiner Kollegen daher als Etappenerfolg auf dem Weg zur Herstellung maßgeschneiderter embryonaler Stammzellen. Stojkovic sieht in dem Fehlen der Stammzellableitung auch den Grund, warum die Arbeit der Forscher nicht in einem der großen wissenschaftlichen Fachmagazine, wie beispielsweise "Science" oder "Nature" veröffentlicht wurde.

Prinzip der Herstellung embryonaler Stammzellen
DER SPIEGEL

Prinzip der Herstellung embryonaler Stammzellen

Hescheler bemängelt an der Arbeit allerdings die Qualität des Embryos: "Die Blastozyste, die die Forscher hergestellt haben, sieht meiner Meinung nach nicht so gut aus. Ich habe Zweifel, ob man daraus wirklich Stammzellen gewinnen könnte."

Miodrag Stojkovic ist da anderer Meinung: "Für mich ist die Blastozyste von normaler Qualität. Ich habe schon schlechtere gesehen, aus denen letztlich noch erfolgreich Stammzellen abgeleitet wurden." Andrew French versichert: "Wir hatten einen Embryologen, der die geklonte Blastozyste untersuchte. Er bestätigte, dass sie von geeigneter Qualität sei."

Embryonale Stammzellen sind wie ein Ersatzteillager für den Körper, denn sie besitzen die Fähigkeit, sich in jedes Körpergewebe zu verwandeln. Für Mediziner sind diese Zellen große Hoffnungsträger: Ob Herzinfarkt, Diabetes oder Parkinson - mit embryonalen Stammzellen wollen sie kaputt gegangenes Gewebe ganz einfach neu züchten. Es wäre der Beginn einer neuen Ära in der Medizin: Statt körperliche Defekte nur symptomatisch mit Medikamenten zu behandeln, könnte man sie mit embryonalen Stammzellen gänzlich beheben und Krankheiten tatsächlich heilen.



Forum - Geklonter Embryo - Aufbruch in eine neue Medizin?
insgesamt 62 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
FinCoach, 17.01.2008
1.
So wenig wie die "Grüne Revolution" mit genveränderten Pflanzen die Ernährungsprobleme der Welt gelöst hat, so wenig wird der genveränderte Mensch gesünder sein als der heutige. Wer glaubt denn heute noch ernsthaft den Versprechungen der Wissenschaft und anderer "Experten"? Sie alle reden im Sinne ihrer Geldgeber.
fakesteve 17.01.2008
2.
Das sind doch hervorragende Nachrichten. Die Medizin wird in den nächsten Jahren einen dringend benötigten Quantenspung machen!
mitbürger 17.01.2008
3.
Alles schön und gut, aber warum bedient sich der Körper nicht einfach der vorhandenen eigenen Stammzellen um alles zu reparieren? Muß man ihn zum Jagen tragen? So lange mir das niemand erklären kann, glaube ich nicht an die Erfolgsversprechen dieses heiklen Forschungszweigs. Allerdings müsste das intensive Forschen einigen deutschen Wissenschaftlern auch erlaubt werde. Man stelle sich vor, ausländischen Pharmafirmen gelängen sensationelle Durchbrüche, dann wollen wir das in Deutschland doch auch haben, oder nicht? Wir können nicht einen auf Ethik und Moral machen, dann aber diese Produkte in Anspruch nehmen wollen. Das wäre eine klassische Doppelmoral.
Born to Boogie, 17.01.2008
4. Nur weiter so . . .
Da in Deutschland das " verbieten " ja eine Tugend zu sein scheint - werden wir das Nachsehen haben.
ismirwurscht, 17.01.2008
5. Werde immer skeptischer
Jede Meldung über einen Durchbruch, gerade in der Genetik, verstärkt meine Furcht. Ich meine, die Menschheit insgesamt ist ja nicht gerade toll/liebensert/nachahmenswert. Alles, was da scheinbar Positives erreicht wird, wird irgendwann lediglich einfach nur missbraucht. Das wird kein Segen für die Menschheit - es wird ein Segen für die Kapitalisten werden. Wie immer halt. In irgendeiner Form wird das ausgenutzt werden. Es wird wahrscheinlich dann noch die Billig-Genetikmedizin aus Polen kommenm, es wird gepfuscht, es werden Risiken klein geredet. Ich sehe schwarz.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.