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04. September 2007, 17:03 Uhr

Stammzellstreit

Briten wollen Mensch-Tier-Embryos zulassen

Ein positives Votum gilt als wahrscheinlich: Morgen urteilt eine britische Behörde, ob Forscher menschliches Erbgut in Eizellen von Tieren einschleusen dürfen. Damit lebt der Ethik-Streit um hybride Stammzellen und Chimären wieder auf.

Darf der Wissenschaftler alles tun, wozu er in der Lage ist? Diese Frage ist fast so alt, wie die Forschung selbst - und sie hat in den vergangenen Monaten auch die britische Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA) beschäftigt, die über künstliche Befruchtung und Embryonenforschung auf der Insel wacht.

Menschliche embryonale Stammzellen: Neue Quelle dank tierischer Eizellen?
REUTERS

Menschliche embryonale Stammzellen: Neue Quelle dank tierischer Eizellen?

Am morgigen Mittwoch nun will die HFEA verkünden, ob Wissenschaftler in Großbritannien künftig menschliche DNA in tierische Zellen einfügen dürfen oder nicht. Das Votum der Behörde könnte Gewicht haben, wenn einige Monate später eine Kommission endgültig über die Mensch-Tier-Stammzellen entscheidet.

Zwei Forschungsinstitute wollen genau diese herstellen. Ihr Ziel sind freilich nicht sogenannte Schimären, also Mischwesen aus Mensch und Tier, sondern embryonale Stammzellen.

Diese sind nicht nur in Großbritannien knapp, weil ihre Nutzung in fast allen Ländern der Welt äußerst restriktiv geregelt ist - vor allem aus ethischen Gründen. Denn zur Gewinnung embryonaler Stammzellen müssen, sofern dies auf klassischem Weg geschieht, zwei Wochen alte menschliche Embryonen zerstört werden.

Die sogenannten zytoplasmischen hybriden Embryos, über deren Erlaubnis nun in Großbritannien entschieden wird, gelten als Alternative zu den umstrittenen "Wegwerf-Embryonen". Sie könnten den Forschern zu jenen embryonalen Stammzellen verhelfen, mit denen man eines Tages Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer oder Diabetes heilen könnte.

Eckhard Wolf, Leiter des Instituts für molekulare Tierzucht und Biotechnologie an der Ludwig-Maximilian-Universität München ist jedoch vorsichtig. "Auf diese Weise lassen sich zwar die Mechanismen der Erkrankung in der frühen Entwicklung studieren", sagt der Biotechnologe. "Ich bezweifle aber, dass man mit dieser Methode etwas grundlegend Neues wird herausfinden können."

Es deutet vieles daraufhin, dass die staatliche Human Fertilisation and Embryology Authority morgen für die Forschung mit zytoplasmischen hybriden Embryos plädieren wird. Zu Jahresbeginn schien eine solche Entscheidung, wie sie bereits nun in den britischen Medien kolportiert wird, noch undenkbar. Damals hatten Stammzellforscher berichtet, bereits inoffiziell einen ablehnenden Bescheid von der HFEA bekommen zu haben.

Doch die Stimmung hat sich offenbar geändert. Wissenschaftler protestierten lautstark, weil sie um ihre Pionierstellung in der Stammzellforschung fürchteten. Auch von der Politik gab es Rückendeckung. Und auch in der Öffentlichkeit wird die Arbeit mit hybriden Embryos unterstützt: Bei einer Umfrage stimmten 61 Prozent der Befragten dafür, teilte die HFEA gestern mit.

Auch deshalb rechnen Beobachter damit, dass zumindest die Forschung mit zytoplasmischen hybriden Embryos zugelassen wird. Wissenschaftler dürften dann tierische Eizellen entkernen und danach das Erbgut eines Menschen einspritzen, der an einer unheilbaren Krankheit wie Parkinson oder Alzheimer leidet. Die resultierenden Embryonen wären zu 99,5 Prozent menschlich.

Eine Entscheidung über hybride Embryos, die durch Verschmelzen von tierischen Eizellen und menschlichem Sperma oder menschlichen Einzellen und tierischem Sperma entstehen, wird die HFEA nach einen Bericht der Tageszeitung "The Times" wohl eher vertagen. Gleiches gelte auch für sogenannte Schimären, also Embryonen, in denen menschliche und tierische Zellen zugleich vorkommen.

In Deutschland ist die Stammzellforschung nur unter strengen Restriktionen möglich - und wie diese in Zukunft aussehen werden, ist ungewiss. Zuletzt konnte sich nicht einmal der Nationale Ethikrat der Bundesregierung auf ein eindeutiges Votum festlegen.

hda

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