Statistik Warum Männer im Schach erfolgreicher sind

Noch nie hat es eine Schach-Weltmeisterin gegeben, in den Top-Ranglisten sind Frauen höchst selten zu finden. Sind Männer im logischen Denken deshalb grundsätzlich besser? Mitnichten, haben Forscher errechnet: Die Unterschiede sind fast gänzlich statistisch erklärbar.


Schach ist männlich - zumindest wenn man einen Blick auf die Statistik wirft. Die Liste der Weltmeister beispielsweise ist exklusiv männlich, nie konnte bisher eine Frau den Titel gewinnen. Das verwundert kaum angesichts der Tatsache, dass etwa in der deutschen Schach-Rangliste derzeit nur eine Frau unter den Top 100 geführt wird. Da Schach gern als höchste Kunst des Intellekts gefeiert wird, wird die männliche Dominanz gern als vermeintlicher Beleg dafür genannt, dass Männer im logischen Denken Frauen generell überlegen seien. Alternativ werden oft auch kulturelle Gründe angeführt.

Schach-Champions Wladimir Kramnik und Viswanathan Anand: Warum werden nur Männner Schach-Weltmeister?
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Schach-Champions Wladimir Kramnik und Viswanathan Anand: Warum werden nur Männner Schach-Weltmeister?

Doch beides hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun, wie britische Forscher meinen. Sie haben nachgerechnet und glauben, dass die männliche Schach-Dominanz mathematische Gründe hat - und recht banale noch dazu. Das Team um Merim Bilalic, der an der University of Oxford und der Uni Tübingen arbeitet, hat sich die Akribie zunutze gemacht, die man im deutschen Vereinsleben öfter antrifft. Der Deutsche Schachbund (DSB) führte im April 2007 Statistiken über rund 120.000 Spieler. Auf der Basis von mehr als 3000 Turnieren pro Jahr misst der Verband das Können aller Wettbewerbs- und vieler Hobbyschachspieler.

Bei den Analysen dieser Daten fanden die Forscher heraus, dass die Unterlegenheit der Frauen nahezu exakt dem entspricht, was rechnerisch zu erwarten wäre angesichts des Frauenanteils unter den Schachspielern insgesamt, schreiben die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the Royal Society B".

Die Daten des DSB umfassten genau 113.386 Männer und 7013 Frauen, ein Verhältnis von etwa 16 zu 1. Die Wissenschaftler schätzten zunächst, welche Leistungen von den besten 100 Männern und Frauen jeweils zu erwarten wären. Dann berechneten sie, welcher Unterschied bei den Spielpunkten zu erwarten wäre - und verglichen ihn mit der tatsächlichen Punktedifferenz.

Hauchdünner Vorsprung für Männer

Vorausgesetzt, Männer und Frauen sind gleich schlau, müsste der Punkteabstand zwischen den besten 100 Männern und den besten 100 Frauen dem zahlenmäßigen Größenunterschied zwischen den beiden Gruppen entsprechen. Und tatsächlich fanden die Forscher kaum Unterschiede zwischen den statistisch erwarteten und tatsächlichen Punktezahlen. Die drei besten Frauen hatten sogar mehr Punkte als erwartet, erklären die Wissenschaftler. Bei den folgenden rund 70 Plätzen der Rangliste gab es leichte Vorteile für die Männer, bei den letzten 20 waren die Frauen wiederum knapp besser.

Insgesamt blieben die Männer vorn - aber nur mit hauchdünnem Vorsprung von 353 gegenüber 341 Punkten. Damit ist der Geschlechterunterschied zu rund 96 Prozent rein statistisch erklärbar, betonen die Forscher - und auch die männliche Dominanz in der Weltrangliste und bei den Weltmeistertiteln. Denn es sei nun einmal ein statistischer Fakt, dass eine größere Gruppe mit größerer Wahrscheinlichkeit extreme Leistungen hervorbringt als eine kleinere Gruppe.

Übrig bleibt die Frage, warum so wenige Frauen Schach spielen. Hier wollen sie biologische Gründe hingegen nicht ausschließen: Möglich sei "ein Prozess der Selbstselektion auf Basis biologischer Unterschiede" - auch wenn diese Annahme umstritten sei, wie sie einräumen. Denn es gebe kaum empirische Belege dafür, dass es zwischen Frauen und Männern einen generellen Unterschied in den intellektuellen Fähigkeiten gebe, die mit Schach zu tun hätten. So hatte erst im Sommer 2008 eine Studie mit sieben Millionen US-Schülern ergeben, dass es bei Rechnen und Geometrie keine Geschlechterunterschiede gibt.

Mindestens ebenso interessant ist allerdings der Hinweis der Forscher, dass die statistischen Effekte auch in anderen Bereichen als dem Sport die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern erklären könnten. Denn wenn generell gilt, dass eine größere Gruppe mit größerer Wahrscheinlichkeit Top-Leistungsträger hervorbringt, könnte man damit eventuell auch erklären, warum Frauen etwa in den Naturwissenschaften oder den Ingenieurdisziplinen nur selten in Führungspositionen anzutreffen sind.

Das Problem ist allerdings: Im Schach ist Leistung wesentlich einfacher zu messen als im Berufsleben.

mbe



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