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Steinkreise: Archäologen entdecken Vorläufer von Stonehenge

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Stonehenge: Archäologen entdecken riesiges Vorläufer-Monument Fotos
LBI

Bis zu 200 Steine standen im Rund, sie waren bis zu 4,5 Meter hoch: Archäologen haben in der Nähe von Stonehenge ein riesiges Monument aus Sandsteinen entdeckt - tief in der Erde.

Das Rätsel von Stonehenge beschäftigt Archäologen seit Generationen. Jüngste Forschungsergebnisse zeigen: Stonehenge war kein einsamer Steinkreis in der Landschaft. Schon lange bevor das heutige Wahrzeichen der Region errichtet wurde, schufen die Menschen in der Ebene von Salisbury mit riesigen Steinen beeindruckende Monumente.

Ihre neueste Entdeckung stellten Wissenschaftler des "Stonehenge Hidden Landscape Project" heute auf einer Konferenz vor: Unter dem Wall der drei Kilometer von Stonehenge entfernten steinzeitlichen Anlage von Durrington Walls standen einst mindestens 200 bis zu 4,5 Meter hohe Steine - die Vorläufer von Stonehenge. Ein Teil von ihnen liegt heute noch an Ort und Stelle.

Fluss wusch Klippe aus Felsen

Durrington Walls thronte einst riesig in der Landschaft. Mit einem Durchmesser von 500 Metern zählt es zu den größten bekannten Henge-Monumenten. Das jüngere Stonehenge wirkt mit seinen 110 Metern Durchmesser dagegen geradezu zwergenhaft. Die Anlage besteht aus einem 1,5 Kilometer langen, 30 Meter breiten und bis zu drei Meter hohen Wall und einem innenliegenden, knapp 18 Meter breiten Graben. Unter einem Teilstück dieses Walls fanden britische und österreichische Forscher nun die gigantische Steinreihe.

Zumindest ein Teil dieses Walls stand auf den Überresten einer natürlichen Erhöhung: "Der eiszeitliche Flusslauf des Avon hat an dieser Stelle eine C-förmige weiße Klippe aus dem Kreidefelsen ausgewaschen", erklärt Wolfgang Neubauer, Direktor des Ludwig Boltzmann Instituts (LBI) für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie in Wien. "In diesen Kreidefelsen liegen massive Feuersteinbänke. Der Feuerstein war ein wertvolles Material in der Jungsteinzeit, und hier konnten die Menschen ihn leicht abbauen. Dieser besondere Ort wurden offenbar mit den großen Steinen in der Landschaft weiter hervorgehoben."

Umgekippt und zerbrochen

Für ihre Untersuchungen nutzten die Forscher Bodenradar und Magnetometer. So mussten sie nicht einen Spaten voll Erde bewegen, können aber mit den Daten detailreiche 3D-Bilder unterirdischer Gebäude und Anlagen anfertigen. "Viele der Steine sind noch dort, wenn auch umgefallen", berichtet Neubauer. Ursprünglich müssen es bis zu 200 gewesen sein. Die übrigen Steine wurden offenbar abgebaut, als die Klippe in den Wall von Durrington Walls integriert wurde.

"Wir gehen davon aus, dass die Leute versuchten, sie als Baumaterial wiederzuverwerten", sagt Neubauer. "Das war aber schwierig, da die Steine leicht brachen, wenn man sie aus ihren Setzgruben herausholen wollte. Was wir also heute dort sehen, sind fast nur Löcher und kaputte Steine."

Bauzeit unklar

Noch haben die Forscher nicht den gesamten Wall absuchen können. Neubauer ist zuversichtlich, dass dort noch mehr Steine verborgen sind: "Ich bin überzeugt, dass das eine Steinreihe war, wie wir sie aus Carnac in Frankreich kennen", sagt er.

Das genaue Baudatum der Steinreihe wird sich kaum feststellen lassen. "Wir können aber sagen, dass sie deutlich vor 2600 vor Christus errichtet wurde", sagt Neubauer. "Denn zu dem Zeitpunkt schütteten die Menschen von Durrington Walls den Wall auf und schafften die Steine weg."

Das Datum kennen die Archäologen von Häusergrundrissen, die sie unter dem Wall fanden. Die britischen Forscher vermuten, dass in diesen Gebäuden die Erbauer von Stonehenge lebten. Die Steinreihe von Durrington Walls verschwand also aus der Landschaft, als ein Stück weiter südwestlich die ersten Steine von Stonehenge aufgestellt wurden.

Das prähistorische Steinmonument Stonehenge gehört zu den mysteriösesten und berühmtesten Stätten Europas. Nach derzeitigem Forschungsstand war es vor rund 4000 Jahren eine wichtige religiöse Stätte. Wissenschaftler glauben, dass die Steine eine Art Kalender gewesen sein könnten, durch den die Sommer- und die Wintersonnenwende vorausgesagt wurde. Die bis zu 25 Tonnen schweren Steinkolosse sollen aus einem mehr als 380 Kilometer entfernten Steinbruch in Pembrokeshire stammen - sie zu transportieren und aufzustellen, muss eine Herkulesaufgabe gewesen sein.

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1.
dalejd 07.09.2015
Ich bin mal zu Fuß von Salisbury (wo Kathedrale und dann über Old Sarum) zu Stonehenge und zurück gewandert, zum großen Teil am Fluss dort entlang. Ziemlich schöne Gegend zum Wandern (bei schönem Wetter). Was mich sicherlich nicht zum Experten macht, aber wenn man sich Karte anschaut und davon ausgeht dass es an Küste geografisch vor Tausenden von Jahren ziemlich ähnlich war, dann scheint dass Buchten bei Poole, Southampton und Portsmouth ziemlich beliebt für Fischfang waren. Ob es zu der Zeit ziemlich große Küstenboot gab scheint nicht ganz klar, aber wenn man davon ausgeht dass England, Wales, Schottland (und Ireland) in Neuzeit besiedelt wurden dann kann man sicherlich davon ausgehen dass diese Personen dort ja irgendwie hingekommen sind, und Boote scheint da als was dazu als Transportmittel diente.
2. frühes Recycling
umjotteswillen 07.09.2015
Wenn Stonehenge die jüngere der beiden relativ nahe beeinanderliegenden Anlagen ist, liegt es eigentlich nahe, daß sie mit den abgebauten und weggeschafften Teilen der älteren Anlage gebaut wurde und deshalb viel kleiner ist. Neue Steine aus dem 380 km entfernten Steinbruch zu schlagen und nach Stonehenge zu bringen wäre jedenfalls sehr viel beschwerlicher gewesen.
3. Die Phyrrus-Frage ist doch...
frank_w._abagnale 07.09.2015
Interessant ist doch die Frage, warum die Neandertaler diese Steine so tief vergraben haben. Vielleicht sollten sie nicht gefunden werden.
4. Es heißt Pyrrhus, Frank!
white_rd 07.09.2015
Zitat von frank_w._abagnaleInteressant ist doch die Frage, warum die Neandertaler diese Steine so tief vergraben haben. Vielleicht sollten sie nicht gefunden werden.
Aber nicht nur deswegen erstaunt Ihre Ignoranz. Aus dem Geschichtsunterricht sollten Sie eigentlich wissen, daß zur Zeit von Stonehenge und anderer Megalithbauten die Neandertaler bereits seit über 30000 Jahren verschwunden waren. Und "vergraben" wurden diese Steine sowieso nicht.
5.
JDR 07.09.2015
Nun ja, wenn man der Theorie glaubt, dass die Anlagen mit Himmelskonstellationen korrelieren, um Jahreszeiten vorherzusagen, dann würde es nur Sinn machen, dass die ältere Anlage irgendwann ihre Funktion nicht mehr erfüllen konnte und die Menschen mit jenen Steinen, die noch "funktionierten" eine neue Anlage gebaut haben. Dann wäre unter Umständen der Wall gar kein Wall, sondern die frühere Anlage wäre rituell zerstört und begraben worden. Statt einer Steinreihe, die mittels Schattenwurf den Stichtag ermittelte hätten die Verantwortlichen dann vielleicht eine "modernere" Variante mit einem Kreis entwickelt. Falls das zutrifft, könnten Astronomen sicherlich feststellen, wann der Umbruch ungefähr geschehen sein muss und daraus wiederum Archäologen Rückschlüsse auf die Verwendung ziehen. Viel Raum für Theorien und Phantasien ... ^^
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz


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