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Ausgegraben

Steinzeit Fußspuren zeugen von 5000 Jahre altem Unwetter

5000 Jahre alte Fußspuren: Entstanden im Sturm Zur Großansicht
Museum Lolland-Falster

5000 Jahre alte Fußspuren: Entstanden im Sturm

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Auf der dänischen Insel Lolland haben Archäologen 5000 Jahre alte Fußspuren gefunden. Die Abdrücke aus der Steinzeit erzählen eine bewegende Geschichte vom Kampf gegen die Naturgewalten und das harte Leben der Menschen an der Küste.

Als der Himmel sich an jenem Tag vor etwa 5000 Jahren verdunkelte und der Wind an Geschwindigkeit aufnahm, wussten die Menschen, dass ein Sturm aufzog. Nicht einfach nur raues Wetter, wie es an der Küste von Lolland oft vorkam - sondern ein richtiges Unwetter. Obwohl die ersten Regentropfen schon fielen, machten sich zwei Bewohner auf zu den Fischzäunen. Die Fanganlagen waren ein kostbares Gut - und mussten unbedingt gerettet werden.

Schon oft hatten der Wind und die Strömung Löcher in die Netze gerissen, und jedes Mal wieder hatten die Menschen die Fangzäune geduldig geflickt. Doch diesmal drohte das schwere Unwetter, die alten Zäune gänzlich zu zerstören - und damit der Familie die Lebensgrundlage zu nehmen.

Die Helfer kämpften sich durch den aufziehenden Sturm und wateten in flache Wasser. Sie zogen so viele Stangen, wie sie konnten, aus dem weichen Meeresboden und brachten sie in Sicherheit: an eine geschütztere Stelle, an der sie hoffentlich vor den aufgepeitschten Wellen sicher sein würden. Kaum hatten die beiden die Zäune abgebaut, brach der Sturm los. Mit ihm kam die heftige Strömung und schwemmte aufgewühlte Sedimente in ihre frischen Fußabdrücke.

Sturm konservierte Fußabdrücke

An einem Novembertag rund 5000 Jahre später entdeckten Archäologen des Museum Lolland-Falster die Spuren dieses steinzeitlichen Kampfes gegen die Elemente. "Es ist wirklich außergewöhnlich, dass wir hier menschliche Fußspuren gefunden haben", sagte Ausgräber Terje Stafseth laut einer Pressemitteilung des Museums. "Normalerweise finden wir Abfall in Form alter Werkzeuge oder Keramik. Soweit ich weiß, haben wir in der dänischen Steinzeit-Archäologie noch nie zuvor menschliche Fußspuren gefunden."

Dass die Abdrücke erhalten blieben, verdanken die Ausgräber dem Sturm. Normalerweise füllt eine Fußspur sich im sumpfigen Boden vor Lolland rasch wieder mit Schlamm. Doch an jenem Tag kamen die Strömung und mit ihr aufgewühlter Schlamm so schnell, dass sich die Fußspur mit Material einer anderen Zusammensetzung auffüllte. So blieb ein farblich leicht abgehobener Abdruck erhalten. Ein Teil der Spuren stammt von großen Füßen - der andere von kleineren. Es waren also eindeutig zwei Menschen, die versuchten zu retten, was zu retten war.

Fische in die Falle geleitet

Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, als auf Lolland mit Landgewinnungsmaßnahmen begonnen wurde, war die Küste ein breiter, sumpfiger Streifen, durchzogen von vielen Fjorden und Wasserläufen. Diese Landschaft bot vielen Tieren optimale Lebensbedingungen, etwa Wasservögeln und vielen Fischarten. Die Menschen fingen die Fische in V-förmig zulaufende Bahnen mit Seiten aus Flechtwerk, die durch einen schmalen Durchlass in ein abgeschlossenes Rund mündeten. Die Fische schwammen - geleitet durch die Seitenwände - mit der Strömung in das Fangbassin, fanden aber durch die schmale Öffnung nicht wieder hinaus und saßen so in der Falle.

"Die Untersuchungen haben uns gezeigt, dass die Menschen in der Steinzeit wiederholt ihre Fangzäune reparierten, um sicherzustellen, dass sie immer einsatzbereit waren", sagt Stafseth. Da der Küstenbereich ständig in Bewegung war, mussten sie auch darauf achten, dass die Zäune richtig platziert waren. Zu starke Strömung riss Löcher in die Zäune, zu schwache Strömung brachte keine Fische. "Wir konnten den Fußspuren folgen und ahnen, welche große Bedeutung die Fangzäune für die Menschen hatten. Sie sicherten die Lebensgrundlage und mussten deshalb sorgfältig gewartet werden."

Die Ausgrabungen, bei denen die Fußspuren gefunden wurden, sind Vorarbeiten zu einem Tunnel, der künftig den Fehmarnbelt zwischen der deutschen Insel Fehmarn und dem dänischen Lolland unterqueren soll. Das dänische Staatsunternehmen Femern A/S finanziert noch bis zum Jahr 2017 über das Museum Lolland-Falster 60 Archäologen, die eine Fläche von insgesamt fast 300 Hektar untersuchen, bevor die Bagger und Bohrmaschinen anrücken dürfen: "Wir hoffen, dass künftige Untersuchungen uns noch mehr Erkenntnisse über die Menschen bringen werden, deren Fußabdrücke wir gefunden haben."

8 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
mundusvultdecipi 21.12.2014
adranicus 21.12.2014
reuanmuc 21.12.2014
mundusvultdecipi 21.12.2014
jcsahnwaldt 22.12.2014
Enkidu 22.12.2014
Ursprung 22.12.2014
moewenzahn 26.12.2014

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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