Steinzeit-Kette Ältester Schmuck der Welt entdeckt

Die bislang ältesten bekannten Schmuckstücke werfen ein neues Bild auf die menschliche Entwicklung: Seinen Sinn für Kunst entwickelte der moderne Mensch nicht erst während seines Siegeszugs durch Europa, sondern schon in der afrikanischen Kinderstube vor 75.000 Jahren.


75.000 Jahre alte Schneckenhäuser: Ältester Schmuck der Welt
Christopher Henshilwood

75.000 Jahre alte Schneckenhäuser: Ältester Schmuck der Welt

Gold, Edelsteine, Diamanten - was heutzutage den Hals einer schönen Frau schmückt, kann gar nicht teuer genug sein. Vor über 70.000 Jahren waren die Ansprüche noch nicht so hoch: Forscher haben jetzt Jahrzehntausende alte Muscheln entdeckt, die offensichtlich einmal zu einer Perlenkette aufgereiht waren - das bislang älteste bekannte Schmuckstück. Anscheinend haben die Menschen, wie ein Forscherteam um Christopher Henshilwood von der norwegischen Universität Bergen im Fachblatt "Science" berichtet, bereits vor rund 75.000 Jahren ihre Vorliebe für Schmuck entdeckt.

Kulturtechnik 20.000 Jahre früher als vermutet

Bis vor wenigen Jahren hatten Wissenschaftler noch ein ganz anderes Bild vom modernen Menschen: Demnach war dessen Körperbau zwar schon vor 160.000 Jahren auf dem heutigen Stand, moderne Verhaltensweisen dürften sich aber erst vor 40.000 bis 50.000 Jahren entwickelt haben. Mit dem Schritt von Afrika (wo vermutlich die Wiege der Menschheit stand) nach Eurasien entwickelten unsere Vorfahren - so die alte Theorie - schlagartig auch Kulturtechniken wie Malerei und Schmuckherstellung.

Löchrige Bruchstücke: Kunstvolle Bearbeitung oder Naturphänomen
Christopher Henshilwood

Löchrige Bruchstücke: Kunstvolle Bearbeitung oder Naturphänomen

Der neue Fund dürfte das, zusammen mit einer ähnlichen Entdeckung vor zwei Jahren, endgültig widerlegen: Henshilwood und Kollegen haben in der Blombos-Höhle nahe der südafrikanischen Ostküste 41 Häuser einer Wasserschnecke entdeckt, in deren Mitte ein großes Loch gebohrt wurde.

Die Schneckenhäuser wurden offensichtlich von einem 20 Kilometer entfernten Fluss in die Höhle gebracht, anhand ihrer Größe ausgesucht und absichtlich durchlöchert. Spuren einer roten Ockerfarbe deuten darauf hin, dass entweder die Perlen bemalt oder auf einem Stoff getragen wurden, dessen Oberfläche rot gefärbt war.

Präzise Datierung der Schmuckstücke

Die Muscheln lagen allesamt in einer Erdschicht, die aufgrund ihrer Struktur mindestens 70.000 Jahre alt sein muss. Sandkörner in der direkten Umgebung sahen, wie optische Untersuchungen zeigten, zuletzt vor 75.000 Jahren das Sonnenlicht. Und auch Brandspuren in derselben Erdschicht zeigten mit 77.000 Jahren ein ähnliches Alter. Die südafrikanischen Perlen gelten damit als einer der am genauesten datierten Schmuckfunde aus der Steinzeit.

Deshalb ist sich Henshilwood auch so sicher, dass die Perlen einen "eindeutigen Beweis für die vielleicht früheste" aktive Nutzung von Symbolen durch den Menschen darstellen - und komplexes, symbolisches Denken ist für Anthropologen gleichbedeutend mit modernem menschlichen Handeln.

Forscherkollegen äußern Zweifel

Doch nicht alle Forscher sind von den neuen Funden aus Südafrika überzeugt. Die Löcher in den Schneckenhäusern, allesamt an den dünnsten Stellen der Kalkschale zu finden, könnten in den Augen von Kritikern auch natürliche Ursachen haben. Gleichzeitig lasse sich die Abnutzung an den Rändern der Löcher nicht nur durch Perlenschnüre, sondern auch durch Reibung am Meeresboden erklären.

Henshilwood lässt solche Einwände nicht gelten, ebenso wenig wie Hinweise darauf, dass deutlich mehr Funde auf die kulturelle Explosion vor 40.000 Jahren hindeuten als auf eine frühere Liebe zu Schmuckstücken. Neue Hinweise auf 70.000 Jahre alte Kulturspuren seien nur eine Frage der Zeit.



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