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Steinzeit: Menschen mahlten Getreide schon vor 30.000 Jahren

Das Bild vom fleischversessenen Steinzeit-Jäger muss möglicherweise korrigiert werden: Menschen beherrschten schon früh die Zubereitung von Getreide. Sie mahlten und kochten Pflanzen bereits vor 30.000 Jahren, wie Spuren an Werkzeugen beweisen.

Steinzeit: Mahlen vor 30.000 Jahren Fotos
Istituto Italiano di Preistoria e Protostoria - Firenze

Florenz - In Europa haben die Menschen schon vor mindestens 30.000 Jahren Mehl hergestellt. Darauf deuten die Entdeckung von Stärkekörnern an Mahlsteinen und spezifische Abnutzungsspuren an den Werkzeugen hin. Womöglich haben Pflanzen in der Ernährung der Menschen in der Altsteinzeit eine größere Rolle gespielt als bisher angenommen, folgert ein internationales Forscherteam im Wissenschaftsmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Bisher glaubten Fachleute, dass Menschen vor 30.000 Jahren vor allem als Jäger lebten und hauptsächlich Fleisch aßen. Nach Untersuchungen an verschiedenen Mahlwerkzeugen berichten die Forscher um Anna Revedin vom Italienischen Institut für Vor- und Frühgeschichte (IIPP) in Florenz nun, dass damals auch die Verarbeitung von Pflanzen und speziell die Herstellung von Mehl bereits weit verbreitet waren. Die Steinwerkzeuge, die die Forscher mikroskopisch untersucht hatten, stammten aus drei archäologischen Fundstätten in Italien, Russland und der Tschechischen Republik. Die Werkzeuge wurden demnach ähnlich wie Mörser und Stößel genutzt.

Mit Licht- und Elektronenmikroskopen gelang es Revedin und ihren Kollegen, die Spuren der Nahrungszubereitung auf den Mahlsteinen sichtbar zu machen. Nicht nur charakteristische Gebrauchs- und Abnutzungsspuren haben die Jahrtausende überdauert, sondern auch winzige Stärkekörner, die von verarbeitetem Pflanzenmaterial stammen. Das Aussehen dieser Körnchen ermöglichte den Forschern Rückschlüsse darauf, welche Pflanzen auf dem Speiseplan der Menschen gestanden haben: Neben einer ganzen Reihe anderer Gewächse nutzten die Steinzeitmenschen offenbar die Wurzeln von Farnen und Schilfrohr - jene Teile der Pflanzen also, die diesen als Speicherorgane für Stärke dienen.

Für die Herstellung des Mehls müssen die Menschen die Wurzeln der Pflanzen zunächst gepellt und getrocknet und sie dann zermahlen haben, schreiben die Forscher. Schließlich müsse das Mehl gekocht oder gebacken worden sein, da es nur so gut verdaulich sei. Die Nutzung von Mehl habe die Menschen unabhängiger von ihrer Umwelt und saisonalen Wetterschwankungen werden lassen.

Bisher gab es nur wenige Hinweise darauf, inwiefern die Ernährung der Menschen vor 30.000 Jahren auch pflanzliche Kost umfasste. Die Tatsache, dass die Mahlsteine mit den Spuren der Pflanzenverarbeitung aus ganz unterschiedlichen Regionen Europas stammen, werten die Wissenschaftler nun aber als Hinweis darauf, dass auch die pflanzliche Ernährung und vielleicht auch der Einsatz mehlartiger Produkte in Europa schon früh verbreitet waren.

boj/dapd/dpa

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