Steinzeit-Segler Deutscher beginnt Atlantik-Überquerung per Schilfboot

Siebzehn Tonnen Schilf, kein einziger Nagel: Mit einem Schilfboot nach prähistorischem Vorbild ist ein Chemnitzer Experimental-Archäologe in New York zur Atlantiküberquerung aufgebrochen. Ein Erfolg würde selbst die "Ra"-Expeditionen von Thor Heyerdahl in den Schatten stellen.


New York - Der Himmel ist bedeckt, auf dem Hudson-River kräuseln sich ein paar Wellen, ein Schlepper zieht ein prähistorisch anmutendes Schilfboot aus dem Hafen bis zur Höhe der Freiheitsstatue: Vor New Yorks Wolkenkratzer-Kulisse hisst der Chemnitzer Experimental-Archäologe Dominique Görlitz schließlich das Segel der "Abora III" und sticht in See - Start einer der bislang gewagtesten Reisen über den Atlantik.

"Dieses Boot ist eine Zeitmaschine", sagte Görlitz kurz vor der Abfahrt. Sein Anspruch ist hoch: "Wir wollen die Geschichte umschreiben." Mit der Überfahrt will der 41-Jährige beweisen, was Fachleute bislang für unmöglich halten: dass die Menschen der Steinzeit vor mehr als 10.000 Jahren bereits Seehandel über den Atlantik hinweg betrieben haben. Und dass man mit einem primitiven Schilfboot nicht nur nach Amerika gelangt, sondern auch zurück nach Europa kommt - gegen Meeresströmungen und Winde.

"Thor Heyerdahl ist immer nur von Ost nach West vor dem Wind gesegelt - man könnte in Marokko auch einen Kühlschrank ins Wasser werfen, und der würde irgendwann in Amerika ankommen", hatte Görlitz während der Vorbereitungen zu SPIEGEL ONLINE gesagt. Dabei ist der norwegische Ethnologe und Schiffsarchäologe Heyerdahl das große Vorbild für den Chemnitzer Abenteurer. Heyerdahl wollte mit den berühmten Fahrten auf der "Kon-Tiki" und der "Ra II" beweisen, dass es vorzeitliche Hochseefahrten gegeben hat. Bei der Wissenschaft stieß er jedoch trotz erfolgreicher Überfahrten auf Zweifel, die Genforschung widerlegte seine Theorien von der Vermischung südamerikanischer und polynesischer Kulturen.

Leinensegel und GPS: "So was hat noch niemand gemacht"

Die "Abora III" soll Görlitz und seine Crew aus neun weiteren Männern und zwei Frauen über 4000 Seemeilen weit zum spanischen Festland tragen. Das zwölf mal vier Meter große Segelboot wurde nach dem Vorbild prähistorischer Felsbildern aus Oberägypten gebaut - aus zehn Tonnen bolivianischem Schilf, ohne einen einzigen Nagel. Stattdessen halten mehrere Kilometer Seil das Boot zusammen. Selbst die Kajüte und andere Aufbauten bestehen aus Holz und Schilf. Als Antrieb für das zwölf Tonnen schwere Steinzeit-Boot dient ein 60 Quadratmeter großes Leinensegel.

Für den Notfall haben die Abenteurer - ganz un-prähistorisch - moderne Navigationssysteme an Bord: Aktuelle Wetternachrichten sowie Radar-Kontakt mit großen Container- und Kreuzfahrtschiffen seien für eine sichere Überfahrt notwendig, so der Expeditionsleiter. "Wir wollen nicht Adam und Eva spielen." Allerdings: Kein Beiboot wird die Crew begleiten. Kommt plötzlich ein schwerer Sturm auf, schwappt eine Riesenwelle über das Boot oder übersieht trotz Radarreflektor ein anderes Schiff die verhältnismäßig kleine "Abora III" - wer soll dann die Crew aus dem Ozean fischen?

Kurz vor dem Start zeigten sich die Seeleute nervös: "Natürlich haben wir gewisse Sorgen. So etwas hat noch nie jemand gemacht", sagte Görlitz. Angst habe er aber keine. "Wenn es nicht klappt, können wir den Trip auf einer 'Abora IV' erneut versuchen", fügte er hinzu. Sein Kollege Mark Hobert bekannte sich ebenfalls zu seiner Aufregung: "Heute morgen fühlt es sich ein wenig unwirklich an", sagte der 35-jährige Biologe. "Es ist ein ziemlicher Nervenkitzel." Er gehe davon aus, dass die Gruppe die Azoren erreiche, zeigte sich Hobert überzeugt. Die Weiterfahrt von dort aufs spanische Festland hält der Abenteurer dagegen wegen des Windes und der Strömung für schwieriger.

Die Reise nach Spanien soll etwa sechs Wochen dauern. Proviant und Wasser an Bord müssten zumindest bis zum 10. August reichen. Dann soll ein erster Zwischenstopp auf den Azoren eingelegt werden, rund 1500 Kilometer vor dem europäischen Festland. Danach würde die "Abora III" dem Plan entsprechend den Golfstrom verlassen und müsste dann gegen den Wind kreuzen - Kritiker halten das mit einem Steinzeit-Boot für unmöglich. Ein weiterer Aufenthalt ist im südspanischen Cádiz geplant, bevor die Crew die Kanareninsel Teneriffa ansteuern will. Die Route der "Abora III" lässt sich nach dem Start auf der Website des Projekts per Satelliten-Navigation live verfolgen.

fba/AFP/ dpa



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