Zum Tod eines Ausnahmeforschers Eine kurze Geschichte über Stephen Hawking

Stephen Hawking gilt als einer der größten Astrophysiker der vergangenen Jahrzehnte - und er war der vielleicht letzte Popstar der Wissenschaft.

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Der britische Astrophysiker Stephen Hawking ist am frühen Mittwochmorgen in Cambridge gestorben. An einem 14. März also, einem Tag, an dem Mathematiker traditionell jedes Jahr die Kreiszahl Pi ehren. Eine Koinzidenz, die Hawking vermutlich gefallen hätte.

In der Vergangenheit gab es eine ganze Reihe Wissenschaftler, die so prominent waren wie Politiker oder Hollywoodstars. Albert Einstein, Thomas Edison, Max Planck, Werner Heisenberg, Niels Bohr, Wilhelm Conrad Röntgen, Robert Koch, Robert Oppenheimer, Nikola Tesla - sie alle übten enormen Einfluss auf das Geschehen ihrer Zeit aus.

Heute gibt es kaum noch Forscher, die einer derart breiten Öffentlichkeit bekannt wären. Einer dieser wenigen war Stephen Hawking.

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Stephen Hawking: Genie und Popstar

Der Brite galt als einer der Geistesgiganten der Gegenwart - und nicht wenige hielten ihn für das Genie, das Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie eines Tages mit der Quantenmechanik versöhnen könnte. Doch das Resultat dieser Fusion der großen Ideen, die alles erklärende Weltformel, nach der sich Physiker bis heute sehnen, wird Hawking nicht mehr entwickeln können.

Hawking hat die Welt in vielerlei Hinsicht erstaunt: mit seiner brillanten Forschungsarbeit, mit seinen Büchern, die ein Millionenpublikum erreichten, und nicht zuletzt mit seinem langen Leben. Im Durchschnitt haben Menschen, nachdem bei ihnen eine Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) festgestellt wird, nur noch drei bis fünf Jahre. Hawking bekam die Diagnose 1963, saß seit 1968 im Rollstuhl und lebte danach 50 Jahre. Experten vermuten deshalb, dass es sich um eine Variante von ALS mit einem extrem langsamen Verlauf handelte.

1985 bekam Hawking wegen einer Lungenentzündung einen Luftröhrenschnitt - was zur Folge hatte, dass er nicht mehr sprechen konnte. Doch auch das konnte ihn nicht stoppen. Er ließ sich einen Sprachsynthesizer bauen. Die krächzende Stimme aus dem Gerät wurde zu seinem Markenzeichen. Zu hören war sie unter anderem in der Science-Fiction-Fernsehserie "Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert", in der Hawking bei einem Gastauftritt sich selbst spielte. Im Holodeck des Raumschiffs trat er in einer Pokerpartie gegen den Androiden Data, Isaac Newton und Albert Einstein an - und gewann natürlich.

Neuer Lebensmut nach der Hochzeit

1962 erlangte Hawking an der Oxford University einen Bachelor-Abschluss in Physik und studierte danach Astronomie am College Trinity Hall in Cambridge. Als er wenig später die ALS-Diagnose erhielt, schlug sich das auf seine Arbeit nieder: Während der ersten beiden Jahre in Cambridge vollbrachte er keine besonderen Leistungen. Später sagte er, dass er im Angesicht eines baldigen Todes keinen Sinn mehr in einer Promotion gesehen habe. Nachdem sich aber der Krankheitsverlauf vorübergehend stabilisierte und er 1965 die Sprachstudentin Jane Wilde heiratete, fasste er neuen Lebensmut.

In den folgenden Jahren begründete Hawking seinen wissenschaftlichen Ruhm: In den späten Sechzigerjahren konnte er mit seinem Kollegen und Mentor Roger Penrose neue mathematische Erkenntnisse über Albert Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie gewinnen. Zusammen bewiesen sie die sogenannten Singularitäten-Theoreme. Damit zeigten sie, dass Singularitäten - die sich auch im Zentrum Schwarzer Löcher finden - keine Ausnahme, sondern eher die Regel in Einsteins Raumzeit sind.

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Ein weiteres Ergebnis von Hawkings Arbeit ist die nach ihm benannte Strahlung von Schwarzen Löchern. Die Theorie besagt, dass Schwarze Löcher subatomare Partikel ausstoßen, bis sie ihre Energie verbraucht haben, und sich so selbst auslöschen. Allerdings wurde die Hawking-Strahlung bisher noch nie direkt nachgewiesen - was unter anderem Kritiker des Large Hadron Collider (LHC) am Forschungszentrum Cern bei Genf auf den Plan rief. Die Gegner des Riesen-Teilchenbeschleunigers warnten vor dem Weltuntergang, da sie befürchteten, im LHC produzierte winzige Schwarze Löcher könnten eben nicht - wie von Hawking vorhergesagt - blitzschnell wieder verschwinden.

Stattdessen könnten sie immer größer werden und nach einiger Zeit die Erde verschlucken. Inzwischen läuft der LHC seit Ende 2009 - und wir sind noch da. Nebenbei bewies der Teilchenbeschleuniger auch, dass selbst ein Hawking irren kann. Der Physiker hatte darauf gewettet, dass das sogenannte Higgs-Boson, das anderen Partikeln ihre Masse verleiht, nie gefunden werden würde. 2012 wurde er eines Besseren belehrt - und musste einem Kollegen 100 Dollar zahlen.

Sehnsucht nach der Weltformel

Hawking hat wissenschaftliche Beiträge über zahlreiche weitere Themen verfasst, insbesondere auf dem Gebiet der Kosmologie. Seine Arbeiten über die Natur von Raum und Zeit, Stringtheorie und Supergravitation ließen manche Kollegen annehmen, er könne womöglich auch die sogenannte Weltformel entwickeln. Die, so hoffen Physiker, würde die Allgemeine Relativitätstheorie und die Welt der subatomaren Partikel, die die Quantenmechanik beschreibt, vereinen. Denn jenseits gewisser Grenzen brechen beide Theorien in sich zusammen. Doch 2009 setzte sich Hawking zur Ruhe: Er gab den Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik an der University of Cambridge auf, den zuvor unter anderem Sir Isaac Newton innegehabt hatte.

Bereits 1990 hatte sich Hawking von seiner Frau Jane Wilde getrennt, mit der er drei Kinder hatte. Er heiratete 1995 seine Pflegerin Elaine Mason. 2007 nahm der von Kopf bis Fuß gelähmte Physiker zur allgemeinen Überraschung an einem Parabelflug teil, bei dem er insgesamt acht Mal während der Sturzflugphase die Schwerelosigkeit erleben konnte. Zu seinen Beweggründen sagte er vor dem Start, er wolle das öffentliche Interesse an der Raumfahrt fördern.

"Das Leben auf der Erde ist in immer größerer Gefahr, durch eine Katastrophe wie einen Atomkrieg oder ein genetisch erzeugtes Virus ausgelöscht zu werden", so Hawking. "Ich glaube, dass die menschliche Rasse keine Zukunft hat, wenn sie nicht in den Weltraum fliegt." Bis zuletzt verwies er darauf, dass die Menschheit nicht ewig auf der Erde bleiben könne. 2017 sagte er ihr noch 100 Jahre auf dem blauen Planeten voraus. Vor dem Kontakt mit Außerirdischen warnte Hawking allerdings: Mache man die Aliens erst auf uns aufmerksam, könnten sie die Erde plündern und die Menschheit unterwerfen.

"Das Leben nach dem Tod ist ein Märchen"

Zu Hawkings Bekanntheitsgrad außerhalb wissenschaftlicher Zirkel trugen auch seine Bücher bei. "Eine kurze Geschichte der Zeit" und "Das Universum in der Nussschale" erzielten Millionenauflagen. Doch obwohl es nicht allzu viele Bildungsbürger ohne einen Hawking in der Privatbibliothek geben dürfte, hat vermutlich nur eine Minderheit der Nichtphysiker die Werke des Forschers wirklich durchschaut. Zyniker behaupten, Hawkings populärwissenschaftliche Bücher seien die meistverkauften und zugleich die am wenigsten gelesenen der vergangenen Jahrzehnte.

Auch Hawkings Bemerkungen über Gott könnten im Zusammenhang mit der Veröffentlichung seiner Bücher gestanden haben, denn das Schlagzeilen-Potenzial von Gottesbezügen kannte der Physiker offenbar genau. Doch gemeint hat er sie wohl vor allem metaphorisch, wie etwa die letzten Worte in "Eine kurze Geschichte der Zeit": Sollte eines Tages die Zusammenführung aller Gleichungen über das Universum gelingen, "dann würden wir Gottes Plan kennen".

In seinem 2010 erschienenen Buch "Der große Entwurf" ("The Grand Design") schrieb Hawking dann, dass für die Entstehung des Universums kein Schöpfergott notwendig sei. Gegenüber der Zeitung "The Guardian" wurde Hawking im Mai 2011 noch deutlicher: Das Paradies und ein Leben nach dem Tod seien nichts weiter als Mythen. "Ich sehe das Gehirn als einen Computer, der die Arbeit einstellt, wenn seine Komponenten versagen", sagte Hawking. "Es gibt keinen Himmel für kaputte Computer. Das ist ein Märchen für Menschen, die sich vor der Dunkelheit fürchten."

insgesamt 118 Beiträge
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Sorgenfalter 14.03.2018
1. R.i.p.
ein wahrhaftig Großer ist von uns gegangen. Die Welt wird Ihn vermissen! by the way- der 14. März ist der Geburtstag von Albert Einstein.
felisconcolor 14.03.2018
2. Wundervoller
Nachruf. Stephen Hawkins war sicher nicht unumstritten. Aber das muss ein Wissenschaftler ja auch nicht sein. Sonst wird er ja auch nicht diskutiert. Aber er war mit Sicherheit einer der größten Denker der Neuzeit. Ich selbst habe in der Chemie angefangen und als Abschlusprämie hatte ich mir das Buch "Physik der Elementarteilchen" gewünscht. Ich habe aus dem Buch vielleicht ein Drittel verstanden aber trotzdem war das eine der faszinierensten Welten für mich. Ich arbeite heute in einem ganz kleinen Teilgebiet der Physik und bin immer noch absolut gefesselt von dem Thema. Und Hawkings Bücher haben mir die Physik noch näher gebracht. Auch dadurch das er komplizierte Sachverhalte, vereinfacht aber sauber rüber bringen konnte. Gerade in dieser Hinsicht ist er ein großes Vorbild für mich gewesen. Vielen Dank dafür.
Pfaffenwinkel 14.03.2018
3. Seinen Traum,
die Weltformel zu finden, konnte er nicht verwirklichen. Die Bücher von Hawking habe ich aber verschlungen. Ein außergewöhnlicher Mensch ist tot. Schade.
panzerknacker 51 14.03.2018
4. Ein ...
(vielleicht das letzte) Genie ist von uns gegangen. Möge er in dem Kosmos, den er immer so trefflich beschrieben hat, zur verdienten Ruhe finden.
varlex 14.03.2018
5. Danke
Er war sicherlich ein Genie, aber davon gibt es auch andere! Neben seiner wissenschaftlichen Leistung ist seine literarische Leistung sehr entscheidend. Er hat es geschafft (woran viele andere Genies scheitern) die (zum teilen sehr schwer verständliche) Astrophysik dem Laien zugänglich zu machen. Gerade wegen einer seine Bücher, war ich immer schon fasziniert von unserem Kosmos.
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