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Steuerschwindel: Perlwein, der so richtig prickelt

Von Volker Mrasek

Perlwein darf eigentlich nur ein bisschen prickeln. Doch manche Winzer pumpen dermaßen viel Kohlendioxid in die Flaschen, dass der Perlwein zum Sekt wird. Sie sparen so die Schaumweinsteuer - und betrügen den Fiskus. Staatsanwälte ermitteln, die Sekthersteller schäumen.

Hauptsache, es steht irgendwas mit "Secco" auf dem Etikett. Das gibt selbst Perlweinen aus deutscher Herstellung neuerdings einen zusätzlichen Pepp. Zwar stammen sie nicht aus Venetien, der Heimat des aus regionaltypischen Trauben gewonnenen "Prosecco frizzante". Doch der Verbraucher denkt sofort an das italienische Modegetränk. Für hiesige Perlwein-Hersteller ist der allgemeine Secco-Hype auch aus anderem Grund eine prickelnde Sache: Sie müssen für ihre Produkte keine Sektsteuer an den Staat abführen, zurzeit immerhin 1,02 Euro pro 0,75-Liter-Flasche. Denn qua Definition enthält "Perlwein" grundsätzlich weniger Kohlensäure als Sekt und ist insofern kein – steuerpflichtiger - Schaumwein.

Doch das ist zugleich sein Problem: Perlwein fehlt schlicht die Spritzigkeit von Sekt. "Er schmeckt wie eingeschlafene Füße", sagt ein rheinland-pfälzischer Lebensmittelprüfer abschätzig. Gefragt seien "ausschließlich stark perlende, schaumweinähnliche" Produkte, bestätigt das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Freiburg.

Das verleitet viele Hersteller offensichtlich zu Betrügereien. Bei ihren Analysen sind die staatlichen Untersuchungsämter einem verbreiteten Pfusch beim eigentlich gar nicht so prickelnden Perlwein auf die Spur gekommen. Seit Monaten stoßen sie auf einheimische Produkte, die zu viel Kohlensäure enthalten und einen unzulässigen Überdruck von mehr als 2,5 bar aufweisen. Solche Perlweine dürfen gemäß Weinrecht nicht mehr vermarktet werden. Oft ist sogar die Schwelle zum Sekt (3 bar) überschritten, das heißt der Perlwein mutiert klammheimlich zum Schaumwein. Dann liegt zusätzlich ein Fall von Steuerhinterziehung vor.

In Rheinland-Pfalz fielen bei Schwerpunktkontrollen im vergangenen Jahr 440 Proben inländischer Hersteller durch eine Überschreitung des Grenzwertes auf - mehr als die Hälfte aller untersuchten Flaschen. Analysiert wurden die Perlweine am Institut für Lebensmittelchemie und Arzneimittelprüfung in Mainz, einer Einrichtung des rheinland-pfälzischen Landesuntersuchungsamtes (LUA).

Mehr als hundert abgeschlossene Verfahren

Auch das CVUA Freiburg berichtet für das Jahr 2007 von einer mit 17,5 Prozent "deutlich erhöhten Beanstandungsquote" und von gemessenen Überdrücken, die "im Extremfall bis 4,0 bar" erreichen. Im aktuellen Jahresbericht der baden-württembergischen Lebensmittelüberwachung ist die Rede von einer "großen Kellerei, die als Lohnabfüller im Auftrag für andere Kellereien und Weingüter Perlweine herstellte und in eigenen Fällen (...) die 2,5 bar deutlich überschritt".

Die unlautere Secco-Sause hält auch die Ermittlungsbehörden in Atem. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach, die sich schwerpunktmäßig mit Wein-Strafsachen beschäftigt, sind seit 2004 circa 130 Verfahren gegen rheinland-pfälzische Winzerbetriebe anhängig - und noch einmal rund ein Dutzend gegen sogenannte Verperler, die wie die ertappte Großkellerei im Auftrag der Winzer Tafel- oder Qualitätswein zu Perlwein verarbeiten. Mehr als hundert Verfahren seien inzwischen abgeschlossen, sagte Oberstaatsanwalt Gerald Herrbruck im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

"Bei den größeren Verperlern geht es zum Teil um mehrere tausend Flaschen", so Herrbruck. Die fälligen Steuernachzahlungen beliefen sich teilweise auf mehr als 20.000 Euro: "In einem dieser größeren Fälle wurde eine Freiheitsstrafe von einem Jahr mit Bewährung verhängt." Ein zweiter, umfangreicherer Fall steht laut Herrbruck vor dem Abschluss. Die Verfahren gegen kleinere Verperler seien gegen Zahlung von bis zu 1300 Euro eingestellt worden.

Strafbefehle ergingen bisher nur an die Abfüllbetriebe, aber an keinen der 130 Winzerbetriebe - obwohl sie die mutmaßlichen Initiatoren und Hauptprofiteure des Wein-Schwindels sind. So berichtet das rheinland-pfälzische Landesuntersuchungsamt von einem schon 2006 aufgefallenen Perlweinhersteller, "der gegenüber der Staatsanwaltschaft angab, einige Winzer würden von ihm Perlwein mit höherem Druck verlangen".

Unzulässig viel Kohlensäure im Perlwein könne zwar auch "von fehlerhaften Kontrollmessungen und technologischen Problemen bei der Herstellung herrühren", heißt es im jüngsten Jahresbericht des LUA. An erster Stelle in der Liste möglicher Ursachen steht aber "eine bewusste Überdosierung von Kohlendioxid, um einen Schaumweincharakter zu erzielen, ohne die entsprechende Steuer zu zahlen".

"Spaß im Glas zu Lasten des Steuersäckels"

Auch Oberstaatsanwalt Herrbruck kann sich vorstellen, "dass im Einzelfall ein Winzer ausdrücklich darum gebeten hat, den Druck zu erhöhen". Im Nachhinein sei die Beweisführung aber schwierig: "Solche gesetzeswidrigen Abreden werden in der Regel nicht schriftlich fixiert." Eine Motivation der Verperler könne sein, Druckverluste während der Lagerzeit beim Kunden auszugleichen: "Der Winzer kann dann auch nach längerer Zeit noch einen spritzigen Perlwein anbieten." Der Endverbraucher, vermutet Herrbruck, "hat das Prickeln sicher gern".

Auch andere Ermittlungsbehörden sind in der Sache aktiv. So hat die Staatsanwaltschaft Heilbronn nach eigenen Angaben mit fünf bis sieben Verfahren im Jahr zu tun. Bad Kreuznach hat zudem verschiedene Fälle an Staatsanwaltschaften in Darmstadt und Würzburg abgegeben. Wenn derart umfangreich ermittelt wird, "spricht sich das normalerweise wie ein Lauffeuer herum", sagt Lebensmittelchemiker Tomasz Brzezina vom Mainzer LUA-Institut. Umso erstaunlicher, dass Perlweine noch immer mit zu viel Kohlensäure in die Läden kommen.

Im Mainzer Institut wurden in diesem Jahr weitere 19 Proben aus deutschen Winzerbetrieben beanstandet, im Freiburger Chemischen Untersuchungsamt sieben italienische Produkte, so die aktuelle Statistik der beiden Fachbehörden. Der "Spaß im Glas zu Lasten des Steuersäckels", wie ihn das rheinland-pfälzische Landesuntersuchungsamt fantasievoll tituliert, wird die staatlichen Lebensmittelprüfer also weiter beschäftigen.

"Natürlich schöpft man die Möglichkeiten aus, einen Perlwein mit 2,3 bis 2,5 bar einzustellen", erklärte Adolf Lorscheider auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, der Vorsitzende des Verbandes der Perlweinhersteller mit Sitz in Trier. Aber es könne "nichts anderes geben", als den Grenzwert einzuhalten. Darauf habe er seine Betriebe angesichts der Betrugsfälle noch einmal hingewiesen. "Mitglieder meines Verbandes sind meines Wissens nicht betroffen", so Lorscheider. Es gebe allerdings "eine große Anzahl unorganisierter Betriebe".

Verärgert über den Etikettenschwindel ist man beim Verband Deutscher Sektkellereien in Wiesbaden. "Das ist ganz klar wettbewerbsverzerrend", sagt Geschäftsführer Ralf Peter Müller stellvertretend für seine Mitgliedsbetriebe, die im Unterschied zu den Anbietern aufgepeppter Perlweine die obligate Schaumweinsteuer abführen. Der Verbraucher bekomme etwas, was nicht auf der Flasche stehe. Perlwein-Lobbyist-Lorscheider sieht das genauso. Er vergleicht Perlwein mit Mineralwasser: "Da gibt es auch Kunden, die wollen kein stilles und kein prickelndes Wasser, sondern das mit mittlerem Kohlensäuregehalt."

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Prickeln inklusive: Perl- und Schaumwein


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