Stickoxid-Smog Bundesregierung gibt Autoherstellern die Schuld

In vielen deutschen Städten werden die gesetzlichen Grenzwerte für Stickoxide überschritten. Die Bundesregierung macht dafür die Autohersteller verantwortlich: Würden ihre Dieselautos die Grenzwerte tatsächlich einhalten, wäre die Luft viel besser.

Autoauspuff: "Emissionen der Dieselautos deutlich höher als erwartet"
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Autoauspuff: "Emissionen der Dieselautos deutlich höher als erwartet"

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Seit dem 1. Januar 2010 gilt für Städte in Deutschland ein strenger Jahresgrenzwert für Stickstoffdioxid (NO2). In einem Kubikmeter Luft dürfen im Mittel nicht mehr als 40 Mikrogramm NO2 sein. Ansonsten drohen unter anderem Reizungen der Atemwege und ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Doch die Realität sieht anders aus. Im Jahr 2013 beispielsweise wurde das NO2-Limit an 29 Messstationen bundesweit nicht eingehalten - unter anderem in Stuttgart, München und Köln. Die Bundesregierung führt die Grenzwertüberschreitungen in Ballungsgebieten "wesentlich" auf Diesel-Pkw zurück, die im realen Betrieb auf der Straße deutlich mehr Stickoxide ausstoßen als auf dem Prüfstand. Dies teilte sie auf eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Bärbel Höhn (Die Grünen) mit.

Die Emissionen der Dieselautos lägen "deutlich höher, als mit der kontinuierlichen Fortschreibung der Abgasgrenzwerte auf Ebene der EU erwartet worden war". Zudem habe die Zahl der Diesel-Pkw in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. "Daher konnten die ergriffenen Maßnahmen bisher nicht sicherstellen, dass NO2-Grenzwerte flächendeckend eingehalten werden", heißt es in der vom Bundesumweltministerium verfassten Antwort.

Schmutzigste Orte Deutschlands im Jahr 2013

Grenzwerte: 35 Tage (Feinstaub), 40 µg/m3 (NO2), 125 µg/m3 (SO2)

Feinstaub: Angaben in Tagen pro Jahr, an denen PM10 größer ist als 50 µg/m3

"Von den erhöhten Stickoxid-Werten dürften mehrere Millionen Menschen hier im Land betroffen sein", sagte Bärbel Höhn, Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag. Besonders die Anwohner an großen innerstädtischen Straßen und Asthmatiker zahlten die Zeche dafür, dass die Bundesregierung jahrelang bei den Betrügereien der Autohersteller weggeschaut habe.

Womöglich müssen wegen des VW-Abgasskandals auch Modellrechnungen für die künftige Schadstoffentwicklung in Deutschland überarbeitet werden. Das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu) hatte beispielsweise prognostiziert, dass durch die Einführung schadstoffarmer Fahrzeuge wie etwa laut Euro-6-Norm der Stickoxidausstoß des Straßenverkehrs im Jahr 2030 um 68 Prozent niedriger sein könnte als 2011.

Stickstoffdioxid, das zu den Stickoxiden zählt, entsteht bei Verbrennungsprozessen. Wichtigste Emittenten in deutschen Gemeinden sind Autos mit Dieselmotor. Die höchsten Konzentrationen wurden im Jahr 2013 in Stuttgart (Am Neckartor) und München (Landshuter Allee) gemessen - unter den Top 15 sind auch Messstationen in Berlin (Hardenbergplatz), Hamburg (Max-Brauer-Allee) und Köln (Clevischer Ring). Überall dort waren die NO2-Werte deutlich oberhalb des gesetzlichen Limits von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter.



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Michael200669 03.10.2015
1.
Sorry, das ist doch nur billig. Die Bundesregierung hat es elber in der Hand, Richtlinien raus zu bringen. Aber lieber blockiert sie neue Grenzwerte und Richtlinien.
bullet69 03.10.2015
2. was regt Ihr Euch auf?
Ihr Politiker habt die Grenzwerte gemäß der europäischen Gesetzgebung verabschiedet, oder soll ich lieber sagen, so verabschiedet, wie Euch die Lobbyisten in die Feder diktiert haben? Solange es keine Trennung von Wirtschaft und Politik gibt, solltet Ihr den Mund halten und auf niemanden mit den Fingern zeigen.
chjuma 03.10.2015
3. Diese Betrügereien waren nicht
unbemerkt. Sondern politisch gewollt. Es ging einzig ums Geld. Und auch dieser Skandal wird einzig dazu genutzt uns weiter zu enteignen. Wofür, das sehen wir gerade überall. Deutschland, wie wir es kennen hört in Kürze auf zu existieren. Und zwar zu recht. Weil das Volk sich alles ohne Widerspruch gefallen lässt.
problemlos 03.10.2015
4. jawohl, weiter am Untergang
der deutschen Industrie arbeiten.
German Expat 03.10.2015
5. Und das ist neu?
Was ist daran neu, die Zahlen sind doch schon seit Jahren bekannt. Wieso wunderte sich bisher niemand dass die Grenzwerte in den Städten überschritten werden aber die Autos auf den Prüfständen immer sauberer aussehen. Das kann eigentlich nur entweder unter Unfähigkeit oder Absicht laufen, beides gibt nicht gerade ein gutes Bild. Wie schwer ist es ein Auto im echten Strassenbetrieb zu messen, die US Uni schaffte es mit relativ kleinem Budget.
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