Stillen als Zwangsverhütung Mama gehört mir ganz allein

Sie quengeln und schreien zu jeder Tag- und Nachtzeit. Babys haben oft Hunger, aber offenbar treibt sie noch etwas anderes an die Brust der Mutter: Häufiges Trinken schützt sie vor Konkurrenz durch erneuten Nachwuchs.

Mahlzeit: Häufiges Trinken schützt vor Geschwistern
Corbis

Mahlzeit: Häufiges Trinken schützt vor Geschwistern


Kaum etwas beschäftigt frisch gebackene Eltern so sehr wie die Nachtruhe ihres Sprösslings. Nur die wenigsten Neugeborenen schlafen nachts sechs Stunden oder länger durch - aus gutem Grund, wie ein US-Forscher berichtet. Denn regelmäßiges Stillen - auch in der Nacht - wirkt empfängnisverhütend. Das Neugeborene schütze sich so vor Konkurrenz durch Geschwister, schreibt David Haig von der Harvard University in Cambridge im US-Staat Massachusetts. Zudem bekomme es in vielen Fällen insgesamt mehr Nahrung als ein nur tagsüber gestilltes Baby.

In früheren Zeiten - und in einigen Kulturen auch heute noch - sei die Überlebenschance von Kindern gesunken, je eher ein jüngeres Geschwisterchen auf die Welt kam, argumentiert der Evolutionsbiologe im Fachjournal "Evolution Medicine, and Public Health". Vor allem in den ersten Lebensjahren sei es für Kinder von großem Vorteil gewesen, die Geburt eines weiteren Kindes zu verzögern. Eine Untersuchung im ländlichen Senegal habe gezeigt, dass die Kindersterblichkeit im zweiten Lebensjahr mit einem jüngeren Geschwisterchen bei 16 Prozent lag - ohne weiteres Baby in der Familie dagegen bei nur 4 Prozent.

Die natürliche Selektion könne daher in den vergangenen Jahrtausenden Neugeborene bevorzugt haben, die ihre Mütter nächtens regelmäßig weckten und Nahrung forderten, so Haig. Mit den Erwartungen moderner Gesellschaften passt diese Entwicklung allerdings nicht zusammen. Konflikte würden dort als Zeichen dafür gewertet, dass etwas falsch laufe. Das sei auch bei all den Babys so, die noch Monate nach der Geburt nachts regelmäßig Milch einfordern.

Eltern, entspannt euch

"Stillen hat viele Vorteile, ein guter Nachtschlaf gehört für viele Mütter allerdings nicht dazu", erklärt Haig. Aus evolutionärer Sicht steht das Ziel des Babys, weiteren Nachwuchs hinauszuzögern, im Konflikt mit den Zielen der Eltern: Deren biologischer Erfolg sei in der Geschichte mit einem möglichst geringen Abstand zwischen den Nachkommen höher gewesen. Zwar starben mehr Babys als bei größerem Altersunterschied, weil weniger Nahrung und Aufmerksamkeit für jedes einzelne blieb. Die höhere Kinderzahl habe dies aber mehr als wettgemacht.

Heutzutage bestimmen zumindest in den Industrieländern moderne Verhütungsmittel über die Familienplanung. Das nächtliche Aufwachen der Babys sei aber ein über lange Zeiträume entstandener evolutionsbiologischer Mechanismus, der sich nicht so rasch an die neuen Gegebenheiten anpasse, so Haig. Er rät zu einem entspannteren Umgang mit evolutionär begründeten Eltern-Kind-Konflikten. "Es gibt keinen verlorenen Garten Eden perfekter Harmonie zwischen Mutter und Kind", schreibt er. "Genetische Konflikte innerhalb der Familie sind Teil unseres biologischen Erbes, ebenso wie Liebe und Fürsorge für unsere Kinder."

Aufwachen scheint aus mehren Gründen sinnvoll

In einem Kommentar des Fachjournals "Evolution Medicine and Public Health" befürwortet Bernard Crespi von der Simon Fraser University in Burnaby (Kanada) Haigs Hypothese. Mediziner und Öffentlichkeit berücksichtigten solche evolutionären Prinzipien "bemerkenswert wenig". Einer stillenden Mutter, die über das ständige nächtliche Gewecktwerden vielleicht auch mal wütend oder verärgert sei und sich dann dafür schäme, könne es helfen, sich der biologischen Grundlagen bewusst zu sein.

Allerdings teilen nicht alle Forscher diese Ansicht. Haigs Hypothese könne nicht als gesichertes Grundwissen betrachtet werden, kommentiert Herbert Renz-Polster vom Mannheimer Institut für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin (MIPH).

James McKenna von der University of Notre Dame (US-Staat Indiana) hält die Theorie für zu einfach. Beim unterbrochenen Babyschlaf gebe es viele verschiedene Formen, zudem spielten etliche Faktoren wie etwa die Wärmeregulation oder auch Bewegungen und Laute der Mutter eine große Rolle. In wärmerer Umgebung wachten Babys zum Beispiel öfter auf, schreibt der Anthropologe. Zudem senke häufiges Aufwachen das Risiko für den plötzlichen Kindstod.

jme/dpa

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
cobaea 16.04.2014
1. Vorsicht!
Zitat von sysopCorbisSie quengeln und schreien zu jeder Tag- und Nachtzeit. Babys haben besonders oft Hunger, aber offenbar treibt sie noch etwas anderes an die Brust der Mutter: Häufiges Trinken schützt sie vor Konkurrenz durch erneuten Nachwuchs. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/stillen-und-schlaf-kinder-trinken-um-geschwister-zu-verhindern-a-964725.html
Wenn hier der Eindruck entsteht, Stillen sei Empfängnis verhütend, so muss sofort präzisiert werden, dass diese Wirkung nur einsetzt, wenn Papa und Mama in dieser Zeit auf den Beischlaf und weitere Verhütungsmittel verzichten. Das Stillen selbst wirkt nicht verhütend. Babies nächtliches Gebrüll allerdings wirkt öfter so lust-tötend, dass es dadurch indirekt verhütend wirkt. Wer sich sonst darauf verlässt "ich stille, also kann ich nicht erneut schwanger werden", kann sein blaues bzw. schreiendes Wunder erleben. In manchen Gesellschaften herrscht allerdings ein Beischlaftabu für die Zeit des Stillens - dann ist die Empfängnisverhütung natürlich a) mit dem Stillen verbunden und b) wirksam.
spmc-129372683232763 16.04.2014
2. Bevor das z.Zt. sehr beliebte Babybashing
(vgl auch Stern v. 10.4.) die Geburtenrate entgültig auf "0" bringt ,ein Bekenntnis gegen die in D.herrschende Meinung: Babies (und Kinder überhaupt) verschaffen die beeindruckendsten emotionalen Erlebnisse,die das menschliche Leben bereithält!!(einschließlich der Sorgen!!) Kinder sind Leben!!Ein 3-facher Vater und5-facher Großvater!!
cindy2009 16.04.2014
3. @cobea
So ganz stimmt Ihre Aussage nicht.. Bei uns blieb die Regel über zwei Jahre aus. Erst nachdem nicht mehr alle paar Stunden gestillt wurde, setzte der Eisprung wieder ein. Dass dann trotz doppelter Verhütung wieder eine SwS einsetzte war dann Schicksal, nun sind wir eben zu fünft.-)
barbarine 16.04.2014
4. Stillen ist nur dann stressig ...
... wenn man den Regeln vermeintlicher Experten folgt. Unseren Sohn habe ich in den erste Monaten neben mir im Bett schlafen lassen und so konnte ich ihn jedesmal, wenn er Hunger hatte, einfach im Halbschlaf "andocken" - mein Mann hat sich in diesen Monaten vorübergehend auf eine Matratze neben dem Bett verzogen, was dann allerdings auch ein ungeplantes Verhütungsmittel war ;) . So war das nächtliche Stillen (zu Beginn alle 90 Minuten) für alle ohne großes Geschrei und für meinen Mann und mich ohne größere Störung zu "erledigen". Inzwischen steht unser Sohn mitten im Abi und ist zu einem kerngesunden, selbstbewussten und fröhlichen jungen Mann herangewachsen. Diese Art des Stillens entgegen jedweden Expertenrat hat ihm offensichtlich in keiner Weise geschadet und ich hätte es bei einem weiteren Kind vermutlich wieder genauso gehandhabt. Meines Erachtens hat das regelmäßige Stillen aber weniger damit zu tun, dass der Säugling Empfängnisverhütung bei der Mutter betreiben will, sondern vielmehr damit, dass ein so kleines Kind noch keinen Aufschub seiner Bedürfnisse erträgt. Genauso wie ein Kind das Einhalten bis zur nächsten Toilette erst mit rund 2 1/2 Jahren erlernen kann, so übt es sich auch erst nach und nach darin, in der Nacht keine Mahlzeit zu benötigen. Es gibt übrigens auch genug Erwachsene, die nächtens regelmäßig den Kühlschrank heimsuchen.
tabernakelmenetekel 17.04.2014
5. dummes evolutions gequatsche
Hauptsache was gesagt. Als ob die babys die feinde des Lebens wären und dann soll einen dieser unsinn auch noch beruhigen wenn es wieder schlaflos zu geht. Und wieso gibt es dann babys die gut schlafen? Manche Leute haben sich zweimal angestellt als die evolution sich aufmachte die dummheit zu entwickeln und zu verteilen
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