Stimmenfang im Unbewussten Wahlen gewinnen mit Hass und Angst

Barack Obama, der schwarze Islamist? Bewusst gestreute Falschinformationen und Verdrehungen stärken unbewusste Vorurteile - und beeinflussen unentschlossene Wähler mehr als bisher angenommen. Psychologen sind konsterniert. Gewinnt man mit der Wahrheit keine Stimmen?

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Wussten Sie schon, dass Barack Obama mit Zweitnamen Hussein heißt, so wie der gestürzte irakische Diktator? Und hat der Demokrat nicht, als er vereidigt wurde, auf den Koran schwören wollen statt auf die Bibel? Je länger der Wahlkampf in den USA dauert, desto länger wird der Schatten aus Halbwahrheiten, Gerüchten und Lügen, gegen die der afroamerikanische Bewerber ums Präsidentenamt kämpfen muss. Wahr ist: Obama ist Christ, hat eine säkulare Mutter und hat stets auf die Bibel geschworen. Aber mit der Wahrheit gewinnt man keine Wähler, sondern was reicht, sind negative Assoziationen, die jeder Wähler in sich trägt.

Das behauptet jedenfalls Bertram Gawronski, ein deutscher Sozialpsychologe an der psychologischen Fakultät der University of Western Ontario in Kanada. Und die Brisanz seiner Erkenntnisse scheint wohl auch das renommierte Fachmagazin "Science" erkannt zu haben. Denn das veröffentlicht diese Woche eine Untersuchung, mit der Gawronski seine Behauptung über den US-Wahlkampf belegt (Band 321, Seite 1100). Darin beleuchtet er die negativen Seiten der Intuition und des Unbewussten, er zweifelt an der Aussagekraft von Demoskopen und Politikwissenschaftlern und greift das heilige Prinzip des Menschen als Verstandeswesen an.

Gemeinsam mit der italienischen Psychologin Silvia Galdi hat er sich zu einer Feldstudie nach Vicenza begeben, einer mittelgroßen Stadt in der Nähe Venedigs, die vor allem bekannt ist durch einen riesigen US-Militärstützpunkt. Der soll erweitert werden, und so tobte Ende letzten Jahres ein erbitterter Streit unter den Bewohnern über Terror-Risiken, die Gefahr für die Umwelt, aber auch den Verlust von Arbeitsplätzen, die von dieser Entscheidung abhängen.

Gawronski konzentrierte sich auf die Unentschiedenen unter den Einwohnern und unterzog 129 Bürger einem Test, um mehr über ihre unbewussten Überzeugungen zu erfahren. Bei dem sogenannten impliziten Assoziationstest bekamen sie am Computer Bilder vom US-Stützpunkt gezeigt und sollten sie mit positiven und negativen Worten kategorisieren. Um an ihre unbewussten Überzeugungen zu gelangen, zwangen die Psychologen sie, möglichst schnell zu antworten, und maßen zusätzlich die Zeit, mit der sich die Probanden entschieden.

So stießen sie tief hinab in die Seele der Testkandidaten, wo etwa Hass auf die Amerikaner lauerte oder große Angst um die eigene Arbeit – Gefühle, die stärker sind als der Verstand. Diese unbewussten Einstellungen, Gawronski nennt sie automatische Assoziationen, entschieden später tatsächlich, wie sich die Menschen in der Frage der Erweiterung des US-Stützpunktes positionierten. Das stellten die Forscher später bei zwei Befragungen fest, in denen sich die eigentlich Unentschlossen entscheiden mussten - für oder gegen die Stützpunkterweiterung.

"Die Leute dachten, sie seien unentschieden, dabei hat ihr Unbewusstes längst entschieden", kommentiert Gawronski auf SPIEGEL ONLINE seine Erkenntnisse, die wenig schmeichelhaft für das Selbstverständnis des Homo Sapiens sind. Der Bewusstseinsforscher Timothy Wilson fragt in einem begleitenden Artikel in Science deshalb gar: "Wie unbewusst sind wir uns unseres Unbewussten?"

Ein Angriff sind die Studienergebnisse aber auch auf das Berufsverständnis der Meinungsforscher. Sie bekommen das Problem der Unentschlossenen vor den Wahlen nicht in den Griff, und den Grund sieht Gawronski darin, dass sie mit ihren Befragungsmethoden einfach nicht an das Unbewusste der Wähler kommen. "Da muss man schon mit speziellen Computertests ran, wie wir sie gemacht haben", sagt der Professor aus Ontario.

Scheitern würden die Demoskopen ebenso, wenn sie Wähler nach Abgabe ihres Stimmzettels nach den Gründen für ihr Kreuzchen befragten. "Wir wissen aus vielen Studien, dass sie sich willkürlich Argumente nachträglich zurechtlegen", erklärt Gawronski das unter Sozialpsychologen als Nachrationalisieren bekannte Phänomen.



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