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Stradivari-Klang: Dem Holzwurm sei Dank

Stradivari-Geigen verdanken einer neuen Studie zufolge auch Holzwürmern ihren einzigartigen Klang: Um den Plagegeistern Einhalt zu gebieten, wurde das Holz chemisch behandelt, bevor die Instrumente gefertigt wurden. Nur: Welche Chemikalien waren im Spiel?

Eine Holzwurm-Plage und harter Lack: Neben vielen anderen soll dieses Duo ein wichtiger Grund für den einzigartigen Klang der Stradivari-Geigen sein. Die Instrumente des Geigenbaumeisters Antonio Giacomo Stradivari sind berühmt für brillante Höhen und samtige, fließende Töne in den Tiefenbereichen. Zahlreiche Versuche moderner Instrumentenbauer, diese Klangqualität zu imitieren, sind gescheitert.

Stradivari-Geige von 1707: Holzwurm-Behandlung soll für außergewöhnlichen Klang gesorgt haben
AFP

Stradivari-Geige von 1707: Holzwurm-Behandlung soll für außergewöhnlichen Klang gesorgt haben

Bisher wurde vermutet, der 1737 verstorbene Stradivari könnte einen besonderen Leim oder Ahornholz aus Kathedralen benutzt haben. Eine andere Theorie besagte, das Material für die außergewöhnlichen Geigen stamme von Bäumen, die während der sogenannten Kleinen Eiszeit in Europa im 16. bis 18. Jahrhundert ein besonders dichtes Holz entwickelt haben. Der aus Ungarn stammende Chemiker Joseph Nagyvary stellt im Fachblatt "Nature" nun eine weitere These vor: Der chemische Holzwurm-Schutz soll für den Stradivari-Sound mitverantwortlich sein.

Zusammen mit einigen Kollegen analysierte der an der Texas A&M University tätige Chemiker winzige Holzsplitter von fünf antiken Instrumenten, die nach Reparaturarbeiten übrig geblieben waren. Mit Infrarotlicht und einem Verfahren der Kernspin-Resonanz untersuchten die Forscher die Zusammensetzung der Splitter. Sie stammten von einer Geige und einem Cello, die Stradivari 1717 in der norditalienischen Kleinstadt Cremona gefertigt hatte, sowie einer Violine aus der Werkstatt des ebenfalls weltberühmten und in Cremona ansässigen Geigenbauers Giuseppe Guarneri del Gesù von 1741.

Regionaler Brauch soll den Klang beeinflusst haben

Analysiert wurde aber auch eine in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Paris gebaute Geige von Gand-Bernardel und eine Bratsche des Londoner Herstellers Henry Jay von 1769. Zum Vergleich wurde modernes Ahornholz aus Bosnien-Herzegowina und Zentraleuropa getestet, das gekocht und dann von Instrumentenbauern in Formen gepresst wurde.

Zum Erstaunen der Wissenschaftler enthielten die drei Instrumente aus Cremona Spuren einer chemischen Behandlung - alle anderen dagegen nicht. Die Unterschiede zwischen den italienischen Meisterstücken und den anderen Testinstrumenten "beruhen wahrscheinlich auf einem regionalen Brauch der Holzkonservierung, die die mechanischen und akustischen Eigenschaften des Holzes beeinflusst haben", schreiben die Chemiker in "Nature".

Im 17. und frühen 18. Jahrhunderts gab es eine schwere Holzwurmplage. In Mailand haben die Hersteller Nagyvary zufolge keinen Holzschutz benutzt - von dort stammende antike Stühle oder Musikinstrumente seien oft von Wurmschäden gezeichnet. In der Provinz Cremona hingegen sei das Holz imprägniert und so vor Holzwürmern geschützt worden.

Die Zutaten gab es laut Nagyvary nicht nur bei Geigenbauern, sondern auch bei Tischlern: "Ich vermute, dass es entweder einen Ort gab, an dem das Holz behandelt wurde, oder dass den Handwerkern eine Mineralpulver-Lösung gegeben wurde." Mit dieser Lösung hätten die Instrumentenbauer ihr Holz imprägniert und gekocht, um die Holzwürmer zu töten und das Wachstum von Fäulnispilzen zu stoppen. Welche Chemikalien dafür benutzt wurden, habe er noch nicht herausgefunden, räumte Nagyvary ein. Er vermute, dass es sich um oxidierende Mineralstoffe handle.

Auch der Drogerist des Ortes sorgte für den Stradivari-Sound

Die chemische Vorbehandlung des Holzes alleine kann jedoch nicht den einzigartigen Stradivari-Klang erklären. Nagyvary zufolge spielt auch der aus Kristallpulver hergestellte Original-Lack eine Rolle. Dieser sollte ebenfalls dem Holzwurmbefall vorbeugen - und einer Stradivari die Brillanz in den höheren Tonlagen verschafft haben.

"Im Grunde genommen denke ich, dass als unbekannter Held hinter den Stradivari-Geigen der Besitzer der örtlichen Drogerie steht", fügte der Chemiker hinzu, der die legendären Saiteninstrumente seit Jahrzehnten studiert. "Er war es, der dieses Pulver herstellte und mit den giftigen Chemikalien arbeitete - und vermutlich im zarten Alter von 30 ohne einen Penny in der Tasche starb."

fba/AFP/dpa

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