Renommierte Geigen Das Märchen vom legendären Klang der Stradivari

Mehrere Hunderttausend Euro müssen Musiker für eine echte Stradivari ausgeben. Ob der Preis gerechtfertigt ist, ist allerdings fraglich. Das Konzertsaalpublikum findet moderne Geigen oft besser.

Stradivari von 1684
John Stillwell/ PA Wire/ DPA

Stradivari von 1684


Stradivari-Geigen halten dem Vergleich mit modernen Violinen nicht stand. In mehreren Blindtests bevorzugten sowohl Geiger als auch Zuhörer in einer Konzerthalle neue Violinen.

"Obwohl es für begabte junge Violinisten üblich ist, sich alte italienische Geigen für besondere Anlässe zu leihen, deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass ihnen mit guten neuen Violinen mehr gedient wäre", schreibt das Team um Claudia Fritz von der Université Pierre et Marie Curie in Paris in den "Proceedings of the national Academy of Sciences".

Schon in den vergangenen Jahren war der Mythos Stradivari immer mehr entzaubert worden:

Dennoch werden bis heute teils Millionen für eine echte Stradivari gezahlt, von denen es noch etwa 600 Stück geben soll.

Test im Konzertsaal

Klangforscherin Fritz wollte diesmal wissen, ob das Urteil über Stradivaris im Konzertsaal anders ausfällt. Denn viele Violinisten seien überzeugt, dass Stradivaris in der Konzerthalle einen besseren Klang erzeugen als moderne Geigen, auch wenn sie direkt am Ohr leiser klingen, schreiben die Wissenschaftler.

Sie luden ein fachkundiges Publikum - Geigenbauer und -spieler, Musiker, Musikkritiker, Komponisten und Akustiker - in eine Konzerthalle in Paris ein, die für ihren guten Klang bekannt ist. Renommierte Solo-Violinisten spielten den 55 Zuhörern mit verbundenen Augen nacheinander jeweils auf einer neuen Geige und einer Stradivari vor. Für das Publikum war der Blick auf das Instrument durch einen Schirm verdeckt.

Das Ergebnis: Violinisten wie Publikum irrten so häufig bei der Einschätzung, ob es sich um ein neues oder ein altes Instrument handelt, dass die Trefferquote letztlich der Zufallsverteilung entsprach. Außerdem bescheinigten sie den neueren Geigen überwiegend eine bessere Klangausbreitung und größere Lautstärke. Am ehesten neigten noch die Violinisten, die selbst ein altes Instrument spielen, zu den Stradivaris. Für die Beurteilung war es dabei unerheblich, ob die Geiger solo oder mit Orchester spielten.

Test mit Amateuren

Ähnlich waren die Ergebnisse eines zweiten Versuchs, diesmal in einer großen Konzerthalle in New York. Das Publikum war diesmal nicht fachkundig, sondern es konnten alle Interessierten kommen. Die Beurteilung durch das Publikum, das gut 80 Menschen umfasste, fiel noch deutlicher als beim Pariser Experiment zugunsten der neuen Geigen aus.

Zudem räumten die Forscher auch mit einer anderen unter Violinisten weit verbreiteten Annahme auf: Die Geigen, die am Ohr lauter klangen, waren auch im Konzertsaal besser zu hören. Es gibt also keinen Konzertsaal-Bonus für die am Ohr leiseren Stradivaris.

"Es mag sein, dass die jüngsten Generationen von Geigenbauern die Lücke zwischen alt und neu geschlossen haben, oder es kann sein, dass die Lücke nie so breit war, wie allgemein geglaubt wurde", lautet das Fazit der Forscher. Bleibt zu hoffen, dass die Forscher sauber gearbeitet haben. Denn einer der Co-Autoren, Joseph Curtin, ist selbst Geigenbauer. Er könnte ein geschäftliches Interesse an diesem Forschungsergebnis haben.

jme/dpa



insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
rst2010 09.05.2017
1. das komt doch
wohl stark auf den violinisten an, was er aus seinem instrument holen kann. danach erst auf die qualität des instruments. schön klingen muss gar nicht sein, das ist meist eh auf die dauer langweilig.
sanchopansa 09.05.2017
2. Jein,
alte Italiener wurden mit Darmsaiten gespielt und mit anderer Spieltechnik. Die heutigen Instrumente dagegen mit ummantelten Stahlsaiten, die einen wesentlich anderen Klang produzieren und viel lauter gespielt werden können, was auch der Anforderung entspricht, wenn man an zeitgenössische Stücke und moderne Säle denkt. Die nivellierende Diskussion ist uralt und bringt auch im vorliegenden Fall keine neuen Erkenntnisse. Der Ansatz, millionenschwere Instrumente mit wesentlich günstigeren zu vergleichen, verleitet stets dazu, dass der monetäre Aspekt in den Vordergrund tritt. Btw: Auch hervorragende neue Geigen haben ihren Preis!! Alle Instrumente klingen unterschiedlich und auch alle Instrumentalisten unterscheiden sich klangtechnisch voneinander. Es gibt dafür ein gutes Kontrollinstrument: Die eigenen Ohren!
inline 09.05.2017
3. Imstrumente machen auch dem Musiker Spass
Als Besitzer eines Pieret Saxophons von 1956 (die Firma Pieret ist in den 60ern erloschen) möchte ich anmerken dass man auf einem traditionsreichen Instrument auch schon mal begeisterter spielt als auf einem neuen. Ich habe es schon öfter erlebt dass Musiker besser spielen, wenn sie ihr Instrument "lieben".
master-of-davinci 09.05.2017
4. Nicht überraschend
Betrachtet man die Sache mal völlig frei vom Mythos ist das Ergebnis wenig überraschend. Was hätte Stradivari vor fast 400 Jahren machen können, das den Klang bis heute einzigartig werden lässt? Holz, Leim und Lack sind das, was nicht reproduzierbar ist, da auch ein künstlicher Alterungsprozess keine echtes altern ist, wobei auch hier umstritten ist ob dies einen Unterschied machen würde. Analysen haben schon früher gezeigt, dass da nix besonderes an einer Stradivari ist. Was also macht den "heutigen" Klang einer Stradivari aus? Verzogenes 400 Jahre lang vollgesaugtes Holz. Das ändert sicherlich den Klang, aber gewiss nicht in einer gewollten Art und Weise die ein Stradivari hätte vorausahnen können. Wir feiern heute also einen Stradivari für einen Klang, den ER sicher nicht gewollt hatte... Das ist wie bei so einem alten verranzten, möglicherweise schon beschossenem Klavier einer Westernbar. Klingt miserabel aber typisch - was dazu führt, dass dieser Klang sogar Digital nachgebaut wird. Dennoch hat weder der Erbauer an den Klang gedacht, noch die Musiker die die "typischen" Honky Tonk Songs schrieben. Meine persönliche Meinung ist, dass es bei Stradivari nicht um Klang sondern um Kohle geht. Besitzer einer Stradivari und Händler werden alles tun um den Mythos und somit den Wert der Geigen aufrecht zu erhalten.
elisa1 09.05.2017
5.
Ein seriöser Geigenbauer würde niemals behaupten, eine Stradivari wäre die beste Geige, sondern er würde einem fünf Modelle zum Probespielen geben und weder verraten, woher sie kommen, noch wie alt sie sind. So geschehen bei meiner Tochter. Und ich fand die Erklärung dafür toll, nämlich, dass jeder seine ganz persönliche Geige finden sollte, ohne sich von vermeintlich wichtigen Dingen ablenken zu lassen. Das, was man dabei herausfindet, ist viel wertvoller als man denkt. Man findet schließlich das Instrument, was zu einem passt, was man am besten spielen kann und zu dem man sofort eine besondere Beziehung aufbaut.
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