Strahlender Vorrat Briten besitzen Plutonium für Zehntausende Bomben

Großbritannien häuft immer mehr Plutonium an. Durch die intensive Nutzung der Atomenergie besitzen die Briten einem aktuellen Bericht zufolge inzwischen mehr als 100 Tonnen des strahlenden Materials - genug für 17.000 Bomben des Nagasaki-Typs.


London - In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Plutonium-Vorrat Großbritanniens verdoppelt, heißt es in einem Bericht der britischen Royal Society. Inzwischen liege er bei rund 100 Tonnen - genug Material für 17.000 Bomben mit der Sprengkraft der Nagasaki-Bombe. 1945 kamen bei dem Bombenabwurf auf die japanische Stadt rund 70.000 Menschen ums Leben, an den Strahlen-Folgen starben rund 140.000 Menschen.

Explosion am 9. August 1945 in Nagasaki: Die Atombombe tötete mehr als 140.000 Menschen
DPA

Explosion am 9. August 1945 in Nagasaki: Die Atombombe tötete mehr als 140.000 Menschen

Das Plutonium stamme vor allem aus der Wiederaufbereitung des verbrauchten Urans aus den Atomkraftwerken des Landes. Die Royal Society fordert ein Ende dieser Praxis, um ein weiteres Anwachsen des Plutonium-Vorrats zu verhindern.

Plutonium entsteht, wenn Uran wiederaufbereitet wird, um dieses wieder nutzbar zu machen (siehe Infokasten). Da Plutonium in Atomwaffen verwendet werden kann, sehen Experten in der Nutzung von Kernenergie insbesondere in Schwellenländern ein großes Sicherheitsproblem.

"Nur etwas mehr als sechs Kilogramm Plutonium wurden für die Bombe, die Nagasaki zerstörte, verwendet", sagte Geoffrey Boulton, Hauptautor des Royal-Society-Berichts. "Wir müssen Maßnahmen ergreifen, um sicher zu gehen, dass das gefährliche Material nicht in die falschen Hände fällt."

Die Experten schlagen vor, das verbrauchte Uran so zu belassen, wie es aus dem Reaktor kommt. Dann sei es so radioaktiv, dass man damit nur schwer umgehen könne. Es sei dann "schwieriger für Atomwaffen zu nutzen, weil es zuerst wiederaufbereitet werden muss".

Uran und Atomwaffen
Uran
Uran eignet sich sowohl für die Energiegewinnung als auch für den Einsatz in Atomwaffen. Entscheidend ist der Grad der Anreicherung. Der Ausgangsstoff Uranerz besteht zu rund 99,3 Prozent aus Uran 238; das spaltbare Uran 235 macht nur etwa 0,7 Prozent aus. Für die Nutzung in Kernreaktoren muss der Anteil von Uran 235 auf drei bis fünf Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent notwendig.
Anreicherung
Uranerz wird nach dem Abbau zunächst zu einem gelblichen Pulver verarbeitet, dem sogenannten Yellowcake. Es dient zur Herstellung von Brennelementen für Reaktoren, kann aber zwecks Anreicherung auch in Uran-Hexafluorid (UF6) umgewandelt werden, das bis 56 Grad Celsius in kristalliner Form vorliegt und darüber gasförmig ist.

Die meisten Anreicherungsanlagen weltweit basieren auf der Gasdiffusion: Gasförmiges Uran-Hexafluorid wird durch halbdurchlässige Membrane gepresst, wobei sich das Uran 235 vom Rest trennt. Das Verfahren gilt inzwischen jedoch aufgrund seines hohen Energiebedarfs als veraltet.

Eine modernere Methode ist die Gaszentrifuge, an der auch in Iran experimentiert wird. Bei ihr macht man sich den Massenunterschied zwischen beiden Uran-Isotopen zunutze: Wird Uran-Hexafluorid in die Zentrifugen gegeben, sammeln sich die schwereren Uran-238-Moleküle bei bis zu 70.000 Umdrehungen pro Minute außen in den Zylindern, die Uran-235-Moleküle bleiben innen.
Einsatz in Atomwaffen
Für den Einsatz in Kernreaktoren genügt es bereits, wenn Uran 235 zu drei bis fünf Prozent in den Brennelementen angereichert ist. Ab 20 Prozent ist von hochangereichertem Uran die Rede. Für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 80 Prozent erforderlich, da sonst eine zu große Uranmenge notwendig wäre.

Uran 235 kam in der ersten jemals eingesetzten Atombombe, die am 6. August 1945 Hiroshima zerstörte, als Sprengstoff zum Einsatz. Die Sprengkraft lag bei rund 13 Kilotonnen TNT. Die Bombe, die drei Tage später auf Nagasaki abgeworfen wurde, erreichte 20 Kilotonnen TNT. In ihr kam allerdings nicht Uran zum Einsatz, sondern Plutonium 239, das per Neutronenbeschuss in Brutreaktoren aus Uran 238 gewonnen wird.

Derzeit wird in Großbritannien heftig darüber diskutiert, ob die alten Atomkraftwerke durch neue ersetzt werden sollen. Ein Fünftel des Stroms in Großbritannien stammt aus Kernkraftwerken. In den kommenden 15 Jahren müssen alle Meiler bis auf einen wegen Überalterung abgeschaltet werden. Seit das Thema Klimawandel in die Öffentlichkeit gerückt ist, befürworten wieder mehr Briten die Atomkraft.

son/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.