Strahlenexperte Klitzing im Interview "Handys können die Gesundheit gefährden"

Lebrecht von Klitzing führte Experimente zu Gesundheitsgefahren von Mobilfunkstrahlungen an der Universität Lübeck durch. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview warnt er davor, erste Hinweise auf Gesundheitsschäden durch Funknetze klein zu reden.


Handy-Ausverkauf: "Hinweise auf Gefahren in ihrer ganzen Breite ernst nehmen"
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Handy-Ausverkauf: "Hinweise auf Gefahren in ihrer ganzen Breite ernst nehmen"

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Bisher fehlen Beweise für einen Zusammenhang zwischen Mobilfunk-Strahlen und Gesundheitsschäden. "Nichts Genaues weiß man nicht", lautet der gemeinsame Nenner der Wissenschaftler.

Klitzing: Es gibt von wissenschaftlicher Seite bereits sehr viele Hinweise auf Gefahren - auch aus Laborversuchen, bei denen Testpersonen deutlich auf die Strahlung reagierten. Die meisten Erkenntnisse haben wir von den Menschen, die in der Nähe von Mobilfunk-Basisstationen wohnen und gesundheitliche Auffälligkeiten zeigen. Diese Symptome müssen in ihrer ganzen Bandbreite ernst genommen werden, denn es besteht das Risiko, dass mit Zeitverzögerung ernsthafte Krankheiten daraus entstehen und Handys und Funkstationen die Gesundheit durchaus gefährden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Ihre Studien konkrete Anzeichen dafür erbracht?

Klitzing: Nach unseren Erkenntnissen zusammen mit denen einer Umweltklinik wurden "Elektrosensible", also Leute, die messbar empfindlich gegenüber den Strahlungen geworden sind, wieder gesund, sobald sie aus der Belastung herauskamen. Und sie reagierten sehr schnell, wenn sie wieder ins elektromagnetische Feld hineinkamen. Unsere Teststrahlung lag dabei sogar deutlich unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte.

SPIEGEL ONLINE: Können Mobilfunkstrahlen Krebs auslösen?

Klitzing: Das ist schwer zu erforschen, weil Krebs sehr langsam entsteht. Aber es gibt die ersten Hinweise auf Häufigkeit von Hirntumoren bei Menschen, die oft der Strahlung an Endgeräten, aber auch in der Nähe von Basisstationen ausgesetzt sind. Allerdings treten dann auch immer andere Faktoren auf, so dass unklar bleibt, was die Krankheit auslöst. Der Verdacht, die Mobilfunkstrahlung würde Hormone blockieren, die normalerweise Tumorbildung verhindern, konnte bisher weder bestätigt noch entkräftet werden.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre, wenn er sich bewahrheitet?

Klitzing: Dann würde der Rattenschwanz noch kommen: Selbst wenn wir das Netz sofort abschalten würden, käme dann eine erhöhte Zahl an Hirntumoren auf uns zu. Deshalb sollte der uneindeutige Erkenntnisstand nicht als Begründung dienen, das Problem zu vertagen oder als nicht relevant hinzustellen, wie es etwa die Strahlenschutzkommission des Umweltministeriums tut.

SPIEGEL ONLINE: Dort und bei anderen Wissenschaftlern heißt es, Auffälligkeiten können auch von anderen Umweltfaktoren abhängen.

Klitzing: Sicher, es gibt nicht nur einen alleinigen Grund für Gesundheitsstörungen. Hier können sogar ganz alltägliche Vorbelastungen eine Rolle spielen, durch Holzschutzmittel zum Beispiel. Dass auch Ängste die Psyche so beeinflussen, dass man krank werden kann, ist ebenfalls wichtig. Andererseits haben wir festgestellt, dass oft auch Kinder krank werden, obwohl die einen Zusammenhang von einem Sendemast vorm Haus und ihren Kopfschmerzen noch gar nicht verarbeiten können. Es gibt auch eine interessante bayerische Studie an Rindern: Die Tiere zeigen Auffälligkeiten, die durchaus von den Strahlungen herrühren können. Über diese ganze Bandbreite muss endlich einmal gründlich diskutiert werden. Die festgestellten Schäden sind keine Einzelfälle von Psychopathen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Gegner sagen, die Wirkung von Elektrofeldern sei nicht objektiv messbar.

Klitzing: Wir messen bei unseren Studien das autonome Nervensystem der Betroffenen, also Hirnstromveränderungen, EKG und Hautdurchblutung. Das sind verlässliche Parameter, weil sie nicht dem Willen des Menschen unterliegen. Unser Ergebnis: Die Menschen reagieren empfindlich auf elektromagnetische Felder.

SPIEGEL ONLINE: Wenn durch mehrere Studien tatsächlich Gesundheitsschäden durch Mobilfunkstrahlung nachgewiesen werden, was müsste die Konsequenz sein?

Klitzing: Wir müssten darüber nachdenken, ob jede Technik, die machbar ist, auch gemacht werden darf. Ob es unbedingt notwendig ist, aus der Tiefgarage zu telefonieren oder ob Abstriche am Komfort des Mobilfunks nicht sinnvoller sind. Man könnte dann ohne Weiteres die Strahlung, die von Stationen und Handys ausgeht, deutlich verringern.

SPIEGEL ONLINE: Blockieren die Mobilfunkbetreiber die Forschung?

Klitzing: Teilweise. Forschung muss ja auch immer finanziert werden. Vor allem aber ist die Informationspolitik der Betreiber mehr als schlecht. Wenn wir als Forschungsinstitut zum Beispiel Informationen haben wollen, bekommen wir sie nicht von den Unternehmen, sondern müssen vor Ort gehen und selbst messen. Die Betreiberfirmen haben heute gesagt, dass sie zu einer offenen Diskussion und Aufklärung bereit seien. Das sagen sie schon seit Jahren. Aber sie brechen immer wieder ihr Versprechen.

Das Interview führte Steven Geyer.



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