Strategieplan: EU-Kommission schraubt Energiesparziele zurück

Sparen? Nein danke. Eigentlich wollte die europäische Union bis zum Jahr 2020 ihren Energieverbrauch um 20 Prozent senken. Doch daraus wird wohl nichts, wie ein Strategie-Entwurf der EU-Kommission zur Energiepolitik belegt. Er soll am Donnerstag offiziell vorgestellt werden.

Brüssel - Die problematische Rechnung findet sich gut versteckt im Zahlenwerk. Wenn die EU-Kommission am Donnerstag ihren zweiten Strategieplan zur Energiepolitik vorlegt, dann dürfte klar sein: Die ehrgeizigen Energiesparziele werden nicht erreicht werden. Eigentlich hatten die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Staaten im März 2007 unter Vorsitz von Bundeskanzlerin Angela Merkel beschlossen, den europäischen Energieverbrauch um 20 Prozent unter den für das Jahr 2020 vorhergesagten Wert zu drücken.

Stromerzeugung (im Kraftwerk Datteln): "Die Politiker haben sich lieber vor Gletschern präsentiert und über Klimaschutz geredet, statt ihre Hausaufgaben in Brüssel und Berlin zu machen"
DDP

Stromerzeugung (im Kraftwerk Datteln): "Die Politiker haben sich lieber vor Gletschern präsentiert und über Klimaschutz geredet, statt ihre Hausaufgaben in Brüssel und Berlin zu machen"

Und im Prinzip betont auch die neue Energiestrategie dieses Ziel. Doch im Anhang, der die Daten von Voraussagen und die Ziele der neuen Energiepolitik nebeneinanderstellt, finden sich offenbar ganz andere Werte. Die Deutsche Presseagentur zitiert aus dem Entwurf für den Kommissionsbeschluss und schreibt, je nach betrachtetem Rechenmodell sei im Zahlenwerk nur von einem Rückgang des Verbrauchs zwischen 12 und 15 Prozent die Rede. Das wären deutlich niedrigere Senkungen als ursprünglich anvisiert.

Die verschiedenen Rechnungen für das Jahr 2020 sehen so aus: Ohne Energiesparplan läge der Gesamtverbrauch an Primärenergie in der EU bei 1903 Millionen Tonnen Öl-Equivalent. Man verwendet diese Rechengröße, um zum Beispiel Öl, Gas, Kohle, Atomkraft und erneuerbare Energien quantifizieren zu können. Bei einem angenommenen Ölpreis von 100 US-Dollar pro Barrel würde die neue Energiepolitik der EU diesen Wert laut dem Kommissionspapier auf 1672 Millionen Tonnen Öl-Equivalent drücken. Das wäre ein Minus von 12 Prozent. Wenn man von einem Ölpreis von 61 Dollar ausgeht, würden knapp 15 Prozent eingespart.

Allerdings dürfte solch ein niedriger Ölpreis in der Realität kaum zu erreichen sein, das Sparziel fällt also besonders mager aus. Nach Ansicht der Internationalen Energieagentur (IEA) wird der Preis für ein Barrel Öl in den kommenden Jahren mangels Investitionen in die Förderung erneut deutlich über hundert Dollar steigen. In den nächsten 20 Jahren würden Ausgaben von mehr als 26 Billionen Dollar benötigt, um den Rückgang der Förderung bei alternden Ölfeldern auszugleichen, warnte die Organisation. Details wollen die IEA-Experten in ihrem jährlichen "World Energy Outlook" bekanntgeben, der am Mittwoch veröffentlicht wird.

Der Greenpeace-Energieexperte Karsten Smid erklärte auf SPIEGEL ONLINE, die neuen Planungen der EU seien "nicht verwunderlich". Der Zielwert von 20 Prozent bei der Energieeinsparung sei "immer nur halbherzig" verfolgt worden. "Die Politiker haben sich lieber vor Gletschern präsentiert und über Klimaschutz geredet, statt ihre Hausaufgaben in Brüssel und Berlin zu machen", kritisiert Smid.

Auch aus dem Europäischen Parlament gab es heftigen Protest: Die Kommission wolle Bürger und Politiker offenbar in die Irre führen, kritisierte der Energiefachmann Claude Turmes von den Grünen. "Es sind manipulierte Daten, um Atom und Kohle besser dastehen zu lassen", sagte der Abgeordnete. In einem Brief an die kommenden EU-Vorsitzländer Schweden, Spanien und Belgien forderten Abgeordnete verschiedener Parteien, bei der Kommission auf eine konsequente Politik des Energiesparens zu dringen.

Zuvor hatten bereits die IEA-Experten die Ziele der Europäer zur Senkung des Treibhausgasausstoßes als unrealistisch bezeichnet. Die von der EU angepeilte Eindämmung der weltweiten Erderwärmung auf nicht mehr als zwei Grad Celsius sei unrealistisch. Neben der politischen Machbarkeit sei vor allem die technische Umsetzung fraglich, heißt es im "Word Energy Outlook". Das gesteckte Ziel setze die breite Entwicklung von Technologien voraus, die bisher noch nicht einmal getestet seien. Die Rede ist hier unter anderem von der Treibhausgas-Abtrennung und Speicherung (Fachterminus: Carbon Capture and Storage, kurz CCS).

chs/dpa/Reuters

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