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Streit mit Bush: 48 Nobelpreisträger rufen zur Wahl Kerrys auf

Der Zwist zwischen der US-Regierung und amerikanischen Wissenschaftlern schlägt in offene Feindschaft um. 48 Nobelpreisträger haben zur Wahl des Demokraten John Kerry aufgerufen und Präsident George W. Bush in beispielloser Schärfe kritisiert.

John Kerry im Wahlkampf: Unterstützung durch Nobelpreisträger
AP

John Kerry im Wahlkampf: Unterstützung durch Nobelpreisträger

"Die Regierung Bush hat in politischen Fragen, die für unser Gemeinwohl äußerst wichtig sind, unvoreingenommene wissenschaftliche Ratschläge missachtet", schreiben die 48 Forscher in einem "offenen Brief an das amerikanische Volk", der vom Wahlkampfbüro des Bush-Herausforderers John Kerry veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler sind allesamt Nobelpreisträger in den Disziplinen Chemie, Physik und Medizin und haben die Auszeichnung zum Teil schon in den späten sechziger Jahren erhalten. Unter ihnen befinden sich auch die Chemie-Nobelpreisträger 2003, Peter Agre und Roderick MacKinnon, die unmittelbar nach der Preisverleihung mit scharfer Kritik an Bushs Politik für Aufsehen gesorgt hatten.

In dem offenen Brief werfen die Wissenschaftler der Regierung vor, durch Kürzungen der Forschungsmittel und eine restriktive Einwanderungspolitik die Zukunft Amerikas zu untergraben und den Zuzug talentierter Wissenschaftler zu behindern. "John Kerry wird all dies ändern", heißt es in dem Brief. "John Kerry wird der Wissenschaft wieder einen angemessenen Platz in der Regierung verschaffen."

"USA verlieren die Führung"

Bei seinem ersten Wahlkampf-Auftritt im US-Bundesstaat Colorado sagte Kerry, dass die USA dabei seien, ihre internationale Führungsposition in der Wissenschaft zu verlieren. Er versprach, das Land wieder "an die vorderste Front wissenschaftlicher Entdeckungen" zu bringen. Ein höheres Maß an technologischer Innovation könne die Wirtschaft stärken, Arbeitsplätze schaffen, saubere Energien und medizinischen Fortschritt ermöglichen.

Chemie-Nobelpreisträger Peter Agre: In der ersten Reihe der Bush-Kritiker
AFP

Chemie-Nobelpreisträger Peter Agre: In der ersten Reihe der Bush-Kritiker

Die Gegenwehr der Regierung Bush auf die Attacke von Kerry und den Forschern fiel vergleichsweise schwach aus. "Nur John Kerry kann das Land ausgerechnet an dem Tag im wissenschaftlichen Niedergang sehen, an dem der erste privat finanzierte Flug in den Weltraum gelingt", sagte Bushs Wahlkampfsprecher Steve Schmidt. Er erwähnte freilich nicht, dass der Flug im Rahmen des "X Prize"-Wettbewerbs stattfand, der ausschließlich privat finanziert ist und an dem die Regierung keinerlei Anteil hat.

"Wir brauchen einen Präsidenten, der wieder die Tradition aufleben lässt, nach vorn zu sehen und neue Entdeckungen zu fördern", sagte Kerry, "mit Hoffnungen, die auf wissenschaftlichen Fakten und nicht auf Angst beruhen." Der Herausforderer kündigte an, unter anderem die Beschränkungen in der Stammzellforschung aufzuheben.

Klima der Angst

Bush lehnte das bisher zum Ärger vieler Wissenschaftler strikt ab. Der Tod von Ex-Präsident Ronald Reagan, der jahrelang an der Alzheimerschen Krankheit litt, hatte den Präsidenten in dieser Frage zuletzt erneut unter Druck gebracht. Wissenschaftler und Politiker hatten Reagans Tod dazu genutzt, die Förderung der Stammzellforschung zu verlangen, um Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson künftig besser bekämpfen zu können.

Der Streit zwischen der Regierung Bush und der amerikanischen Wissenschaftsgemeinde reicht bis zu den Terrorattacken des 11. September 2001 zurück. Im Rahmen der Anti-Terror-Gesetzgebung führte das Weiße Haus eine strenge Überwachung der Forschung mit drakonischen Strafen ein und schuf damit ein Klima der Angst.

Wissenschaftler haben bereits öffentlich erklärt, sich an die Zeit des berüchtigten Senators Joseph McCarthy erinnert zu fühlen, der in den fünfziger Jahren die USA mit einer anti-kommunistischen Hetzjagd überzog und Wissenschaftler und Künstler ins Exil oder gar in den Selbstmord trieb.

Der offene Brief zu Gunsten Kerrys ist nicht der erste Vorgang dieser Art. Bereits im Februar dieses Jahres hatten 60 führende Wissenschaftler, unter ihnen zahlreiche Nobelpreisträger und ehemalige Leiter von Bundesbehörden, den Missbrauch der Forschung durch die Bush-Regierung öffentlich angeprangert.

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