Streit um Aids-Auslöser "Geistiger Terrorismus"

Der bizarre Streit in Südafrika um den Auslöser von Aids spitzt sich zu. Präsident Thabo Mbeki äußerte Zweifel daran, dass das HI-Virus alleinige Ursache der Immunschwächekrankheit ist. Als Protest gegen die darauf folgende internationale Kritik schrieb er an Clinton, Blair und Co.


Südafrikas Präsident Thabo Mbeki
REUTERS

Südafrikas Präsident Thabo Mbeki

Südafrika ist eines der Länder mit den meisten HIV-Infizierten. Täglich stecken sich rund 1500 Frauen und Männer mit dem Virus an. Inzwischen sind 4.2 Millionen Menschen infiziert - jeder Zehnte des Landes. Doch nicht die steigenden Aids-Zahlen machen zurzeit am Kap Schlagzeilen, sondern die Diskussion um den Auslöser der Krankheit.

Kürzlich stellte Präsident Thabo Mbeki öffentlich allgemein anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse in Frage: Er bezweifle, dass das HI-Virus alleinige Ursache der Immunschwächekrankheit sei. Diese Aussage stieß sowohl international als auch in seiner Heimat auf heftige Kritik.

Mbeki lässt sich jedoch nicht beirren. Jetzt schrieb er US-Präsident Bill Clinton und anderen Regierungschefs je einen persönlichen Brief. Darin attackiert er deren Kritik an seiner Äußerung.

In dem Brief, den auch Großbritanniens Premierminister Tony Blair erhielt, klagt Mbeki seine Kritiker an, sie seien Teil einer "Kampagne geistiger Einschüchterung und Terrorismus..., die aus Fanatismus entstanden ist, dessen Ausprägung wirklich erschreckend ist."

Mbeki, der letztes Jahr die Nachfolge Nelson Mandelas antrat, sagte, der Westen könne Afrika nicht diktieren, wie es mit Aids umzugehen habe. Im Internet war Mbeki Ende letzten Jahres auf die Website des Biochemikers Peter Duesberg gestoßen.

Der Anführer der so genannten "Aids-Dissidenten" behauptet schon seit Jahren, das HI-Virus sei harmlos und keineswegs Auslöser der Immunschwäche. Die Krankheit werde durch Rauschgifte und Medikamente wie AZT (Azidothymidin) verursacht, das zur Aids-Bekämpfung eingesetzt wird. Die hohen Aids-Zahlen in Afrika gehen nach Ansicht der Biologen nicht auf ungeschützten Geschlechtsverkehr zurück, sondern vor allem auf Unterernährung.

Der Präsident schrieb in einem der Briefe: "Vielleicht ist der Tag nicht fern, wo wir, wieder einmal, Zeugen von Bücherverbrennungen werden können, wo Autoren von denen bedroht werden, die glauben, es sei ihre Pflicht, einen Kreuzzug gegen die Ungläubigen zu führen."

"Wir werden unsere eigenen Leute nicht zu Tode verurteilen. Das würden wir aber tun, wenn wir die Suche nach Antworten auf das spezifisch afrikanische Aids-Problem aufgeben. Welche Lehren wir auch immer aus dem Umgang des Westens mit Aids ziehen können, es wäre absurd und unlogisch, westliche Erfahrungen blind auf afrikanische Verhältnisse zu übertragen", schrieb Mbeki.

Die internationale Presse schrie auf, als Mbekis Äußerung bekannt wurde. Die Clinton-Administration dagegen wollte den Brief zuerst geheim halten. Sprecher des Weißen Hauses betonen, dass es sowohl dem Westen als auch Thabo Mbeki im Grunde darauf ankomme, in der Aids-Forschung voranzukommen.

Im Juli soll in Durban/Südafrika die dreizehnte Aids-Weltkonferenz stattfinden. Einige Aktivisten fordern jetzt den Boykott.

Ein Stein des Anstoßes ist auch, dass sich Mbeki bisher geweigert hat, schwangere Frauen und Vergewaltigungsopfer kostenlos mit AZT behandeln zu lassen. Damit soll eine Übertragung auf noch ungeborene Kinder verhindert werden. Er zitiert Studien, in denen das Medikament als giftig bezeichnet wird. Außerdem sei AZT viel zu teuer - nur die britische Herstellerfirma profitiere davon.

Die Kosten für vom Westen entwickelte Arzneimittel scheint auch einer der Gründe dafür gewesen zu sein, dass Südafrikas Präsident nach Alternativen suchte. So stieß er dann auf die Thesen der "Aids-Dissidenten".

Gleichzeitig will er sich jedoch ein neues Flugzeug anschaffen. Rund 100 Millionen Mark soll es kosten. Dafür wird er von den Oppositionsparteien kritisiert. Diese vertreten die Meinung, angesichts der Armut und der vielen sozialen Probleme des Landes sollte nicht so viel Geld für ein neues Präsidentenflugzeug ausgegeben werden.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.