Streit um Kunstfehler Ärzte wollen Pfuschprozesse begrenzen

Risiko Arztbesuch: Über 10.000 Patienten haben sich 2007 offiziell über Behandlungsfehler beklagt, mehr als im Jahr davor. Mit speziellen Kommissionen wollen die Mediziner eine Prozessflut vermeiden - die Schlichter geben im Schnitt jedem dritten Patienten Recht.

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Als der 28-Jährige aus der Narkose erwacht, fängt sein Leid erst richtig an. Die Ärzte haben sein Kreuzband im rechten Knie ersetzt - eigentlich ein Routine-Eingriff, doch jetzt schmerzt sein Unterschenkel. Nach 24 Stunden ist das Bein prall geschwollen und am zweiten Tag nach der Operation hat er Sensibilitätsstörungen, kann seinen Fuß nicht mehr heben und die Schmerzen nicht mehr ertragen. Mehrmals muss das Knie wieder operiert werden, noch zehn Monate später hat der junge Mann eine Fußheberschwäche und Sensibilitätsstörungen.

Vertrauensfrage: Ob ein Arzt richtig behandelt oder einen Fehler begeht, erkennen Patienten oft erst spät
DPA

Vertrauensfrage: Ob ein Arzt richtig behandelt oder einen Fehler begeht, erkennen Patienten oft erst spät

Der Fall ist einer von Hunderten, die die Schlichtungsstelle der Norddeutschen Ärztekammer auf ihrer Internet-Seite beschreibt - und einer von Tausenden, die jedes Jahr vor den Schlichtungsgremien der Landesärztekammern in Deutschland begutachtet werden. 2007 beschwerten sich laut Bundesärztekammer 10.432 Patienten, weil sie einen Fehler in ihrer ärztlichen Behandlung vermuteten, das waren 152 mehr als im Vorjahr. "Die Dunkelziffer liegt noch deutlich höher", sagt Manfred Eissler, Vorstandsmitglied der Landesärztekammer Baden-Württemberg und ehemals selbst Gutachter. "Die Hürde, einen Arzt anzuklagen, dem man bis zu dem Ereignis vertraut hat, ist noch immer sehr hoch."

Nur rund ein Viertel aller vermuteten Arzthaftungsfehler werden durch die Schlichtungsstellen bewertet", schreibt die Bundesärztekammer in ihrem aktuellen Bericht. Viele klagen auch den Krankenkassen ihr Leid und bitten um Unterstützung. "8000 bis 10.000 Beschwerden gehen jedes Jahr bei der AOK ein", sagt Jörg Lauterberg, Beratungsarzt bei der Bundes-AOK. Dort gibt es Serviceteams für Behandlungsfehler, die dem Patienten bei der Klärung helfen. "Mitunter wird die Krankenkasse auch selbst tätig, wenn sie einen Fehler vermutet, der auf Dauer teuer wird", erläutert Lauterberg. "Dazu sind wir gesetzlich verpflichtet, denn zu hohe Kosten würden die Solidargemeinschaft stark belasten."

Neben den Krankenkassen und den Schlichtungsstellen kann auch der gesundheitliche Verbraucherschutz helfen oder auf Medizinrecht spezialisierte Rechtsanwälte. Sobald ein Fall aber vor Gericht geht, wird es teuer. Lauterberg rät daher jedem Betroffenen, zunächst den Arzt selbst oder die Klinik anzusprechen. Auch Manfred Eissler meint: "Das beste ist, wenn ein Patient seinen Arzt direkt auf die Zweifel an der Therapie anspricht und ihm die Möglichkeit gibt, einen Fehler einzugestehen." Das Aktionsbündnis Patientensicherheit hatte vor einigen Monaten für Aufsehen gesorgt, weil sich 17 Ärzte und Pfleger in oft verantwortungsvollen Positionen öffentlich zu Behandlungsfehlern bekannt hatten.

Wenn Arzt oder Klinik die Anschuldigungen des Patienten jedoch zurückweist, sollen die Schlichtungsstellen Abhilfe schaffen. Um Gerichtskosten zu sparen, Verfahren und Verurteilungen zu vermeiden, gibt es bei den Landesärztekammern diese Gremien, die eine gütliche Einigung bewirken sollen. Wer einen Behandlungsfehler vermutet, kann sich entweder allein oder mit Hilfe eines Anwalts an die Schlichtungsstelle der Ärztekammer seines Bundeslandes wenden und eine Begutachtung beantragen. Die Kosten dafür tragen die Ärztekammern gemeinsam mit den Haftpflichtversicherungen der Ärzte - für Patienten ist ein Gutachten also kostenlos.

Auch der 28-Jährige mit der Kreuzband-OP wendet sich an eine Schlichtungsstelle. Hier trägt er vor, er habe die Ärzte schon kurz nach der Operation auf die Schmerzen, die Gefühlsstörungen und die Schwellung in seinem Bein hingewiesen. Unternommen habe man allerdings nichts, außer das Bein hochzulagern und den Verband zu lockern. Die Klinik wendet ein, dass erst 48 Stunden nach Einsetzen der Symptome deutlich gewesen sei, dass es sich um ein Kompartment-Syndrom handele, bei dem ein Bluterguss - in diesem Fall im Knie - den Druck im Gelenk so stark erhöht, dass das umliegende Gewebe, Nerven und Blutgefäße zerstört werden. Dann habe das Krankenhaus den Patienten aber umgehend in eine Spezialklinik verlegt.

"Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus"

Sind sich wie in diesem Fall die Parteien uneinig, entscheidet das Gremium, bestehend aus ein oder zwei Experten mit einem Vorsitzenden, ob es einen Behandlungsfehler gegeben hat oder nicht. "Viele Patienten haben Angst, dass Ärzte sich parteiisch verhalten und zugunsten ihrer Kollegen entscheiden, nach dem Motto: 'Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus'", sagt Manfred Eissler. "Die Schlichtungsstellen bemühen sich aber gerade, objektiv und unabhängig zu sein."

Nicht immer geben sie allerdings den Patienten recht. Das zeigt die am Dienstag von der Bundesärztekammer vorgestellte "Erhebung der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen für das Statistikjahr 2007": In 4954 Fällen stellte das Gremium keinen Fehler beim Mediziner fest. Dann können die Betroffenen aber noch immer einen Anwalt beauftragen und vor Gericht gegen ihren Arzt klagen. Bei 1717 Beschwerden jedoch bejahten die Gutachter einen Behandlungsfehler. Der Patient muss dann mit der Haftpflichtversicherung des Mediziners abklären, welche Leistungen er erhält.

So geht auch der Fall des Mannes mit der Knie-OP weiter. Das Verfahren zieht sich über mehrere Monate hin, weil die Klinik mehrere Einwände hatte. Erst dann entscheidet die Gutachterkommission abschließend: Es erscheint "gerechtfertigt, für verzögerte Behandlung, vermehrte Beschwerden und Beeinträchtigungen sowie einen Teil verbliebener Ausfälle einen hälftigen Anteil des Gesamtschadens durch fehlerhaft verzögerte Diagnosestellung anzunehmen und in diesem Umfang Ansprüche als gerechtfertigt anzusehen."

Was für den Patienten Entschädigung und Wiedergutmachung bedeuten soll, ist für den Arzt oft ein schweres Urteil. "Ich musste selbst einmal wegen eines Vorwurfs vor ein Gutachtergremium und habe mich ganz schlecht gefühlt", erzählt Manfred Eissler, der als Allgemeinmediziner niedergelassen ist. Er empfindet es als großes Glück, dass er freigesprochen wurde. Dennoch meint er: "Wer sich schlecht behandelt fühlt, sollte sich beschweren, nur so wird die Medizin besser."



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