Streit um Superbeschleuniger LHC: Todesdrohungen gegen Nobelpreisträger

Der bevorstehende Start des Teilchenbeschleunigers LHC alarmiert Kritiker - und provoziert radikale Weltuntergangspropheten. Per Telefon und E-Mail hat der US-Nobelpreisträger Frank Wilczek jetzt sogar Todesdrohungen erhalten.

Setzen ein paar Hundert Teilchenphysiker mit gewagten Experimenten die Existenz der Erde aufs Spiel? Diesen Eindruck vermitteln zumindest die lautstarken Kritiker des Teilchenbeschleunigers LHC, der am Mittwoch angeworfen wird. Nun berichtet ein US-Physiker sogar über Todesdrohungen, die wegen des Starts des Large Hadron Colliders bei ihm eingegangen sind. "Ich habe Drohungen per E-Mail und per Telefon erhalten", sagte Frank Wilczek SPIEGEL ONLINE. Er glaube, dass eine einzige Person hinter den Drohungen stecke, die verschiedene Identitäten nutze. Womöglich sei der Drohende geistig verwirrt.

Frank Wilczek arbeitet als Physikprofessor am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. 2004 bekam er gemeinsam mit zwei Kollegen den Nobelpreis für Physik für die Entdeckung der asymptotischen Freiheit in der Theorie der Starken Wechselwirkung. Wilczek hatte sich immer wieder prominent zum besonderen Wert der Experimente am LHC geäußert. Er prognostizierte der Grundlagenforschung eine "Goldene Ära", ausgelöst und befeuert von dem neuen Superbeschleuniger am Cern in Genf.

Die Drohungen würden ihn beunruhigen, sagt Wilczek: "Ich versuche, die Sache nicht an mich heranzulassen - mit ganz gutem Erfolg." Details über den Inhalt der Drohungen wollte er nicht nennen, "um die Sache nicht noch weiter anzuheizen".

"Der LHC ist sicher"

In einer neuen Sicherheitsstudie, veröffentlicht im Fachblatt "Journal of Physics G: Nuclear and Particle Physics", kommen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass von den Experimenten am LHC keine Gefahr ausgeht. Die Vorläuferuntersuchung im Jahr 2003 war zu dem gleichen Ergebnis gekommen. An der neuen Studie waren Wissenschaftler vom Cern, der University of California in Santa Barbara und von der Russischen Akademie der Wissenschaften beteiligt.

"Der LHC ist sicher", sagte Robert Aymar, Direktor des europäischen Kernforschungszentrum Cern. "Jede Andeutung, er könne ein Risiko darstellen, ist pure Fiktion."

In zwei Tagen werden zum ersten Mal Teilchen auf Rundreise im LHC-Beschleuniger geschickt. Zunächst wollen die Wissenschaftler einen stabilen Protonenstrahl erzeugen, dann soll die Geschwindigkeit (und damit die Energie) Schritt für Schritt erhöht werden. Erste Kollisionen gegenläufig rotierender Protonen sind für Ende des Jahres geplant.

Tausende Techniker und Forscher arbeiten seit Jahren am Projekt LHC. Rund drei Milliarden Euro hat der Bau des 27 Kilometer langen Ringtunnels gekostet, durch den Protonen mit 99,9999991 Prozent der Lichtgeschwindigkeit rasen sollen. Erwartet werden fundamentale Erkenntnisse über den Urknall, die Dunkle Energie und das sogenannte Higgs-Boson, das Materie gemäß dem Standardmodell der Teilchenphysik Masse verleiht.

Gegner des Projekts um den Tübinger Biochemiker Otto Rössler befürchten jedoch unkontrollierte Reaktionen, die bis zu einem Weltuntergang führen könnten. Sie hatten versucht, den LHC-Start in letzter Minute durch eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu stoppen. Die Straßburger Richter verwarfen die Beschwerde jedoch am 29. August.

"Jede Kollision eines Protonenpaars im LHC wird so viel Energie freisetzen, wie beim Zusammenstoß von zwei Mücken entsteht", schreiben die Cern-Experten. Sollten im LHC sogenannte mikroskopische Schwarze Löcher entstehen, was von vielen Physikern bezweifelt wird, dann würden diese augenblicklich wieder verschwinden. Sie wären zudem deutlich kleiner als diejenigen, die aus dem Weltall bekannt seien.

Und was die "seltsame Materie" ( Strangelets) angehe, belegten Daten aus dem Relativistic Heavy-Ion Collider (RHIC) am Brookhaven National Laboratory in New York, dass diese bei Teilchenkollisionen nicht entstehen werde. Seltsame Materie besteht aus Elementarteilchen, die das sogenannte Strange-Quark enthalten. Bei Experimenten am RHIC wurden Strangelets bislang nicht nachgewiesen.

Letztlich fänden Ereignisse wie in dem Teilchenbeschleuniger ständig auf der Erde statt, wenn diese auf ihrem Weg durch den Weltraum auf hochenergetische kosmische Strahlung stoße, heißt es in der Studie. "Die Natur hat bereits die Entsprechung von 100.000 LHC-Testprogrammen auf der Erde durchgeführt, und der Planet ist noch immer da."

hda/AFP

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