Stromstoß-Experiment So leicht werden Menschen zu Folterknechten

Die Elektroschock-Experimente Stanley Milgrams sind legendär. Sie gelten bis heute als Beleg dafür, dass auch ganz normale Menschen schnell zu erbarmungslosen Folterknechten werden können. Nun wurde die historische Studie wiederholt - mit ernüchterndem Ergebnis.

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Was Stanley Milgram seinen Versuchspersonen im Jahr 1961 antat, darf heute kein Forscher in der westlichen Welt mehr - und seien seine Absichten auch noch so lauter. Nun wurde die Studie über Gehorsam und Gnadenlosigkeit in einer Light-Version wiederholt. Und wieder zeigte sich, wie leicht Menschen dazu gebracht werden können, andere zu quälen. Wie in der Originalstudie ging es eigentlich nur darum, einen "Schüler" - der in Wahrheit ein Helfer des Forschers war - mit Bestrafung zum besseren Lernen von Wortpaaren zu bringen.

Quälereien in Abu Ghureib: Weitermachen, wenn das Opfer schreit
REUTERS/ The New Yorker

Quälereien in Abu Ghureib: Weitermachen, wenn das Opfer schreit

Milgrams legendäres Experiment veränderte das Selbstbild der Menschheit auf Dauer, weil er mit einer schlichten Methode vorführte, wie leicht normale Menschen zu Folterknechten gemacht werden können, zu gehorsamen Erfüllungsgehilfen einer zerstörerischen Autorität. Der Großteil seiner Versuchspersonen verteilte Elektroschocks, bis eine vermeintliche Versuchsperson im Nebenraum zunächst vor Schmerzen brüllte und dann plötzlich, aber dauerhaft verstummte.

"Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen", sagte der Herr im weißen Kittel, und die Versuchspersonen drückten noch einmal auf den Knopf. Wollte der Proband erneut abbrechen, sagte der Versuchsleiter: "Es ist unbedingt notwendig, dass Sie weitermachen." Und die Mehrheit tat das auch. Auch wenn der durch jeden Knopfdruck vermeintlich mit Elektroschocks traktierte "Schüler" im Nebenraum schon schrie, scheinbar vor Schmerzen.

Ist die Menschheit heute gnädiger als vor 50 Jahren?

Die Mehrheit der Versuchspersonen ging mit den Elektroschocks bis zum Ende der Skala, bis 450 Volt, in 15-Volt-Schritten. Diese Kombination aus ungewohnter Situation, nicht hinterfragter Autorität und Salamitaktik betrachtete Milgram als Kernfaktoren, die zum erbarmungslosen Verhalten seiner Testpersonen beitrugen. Gerade in den Jahren seit dem 11. September 2001, in denen Folter plötzlich wieder zum Mittel der Politik zu werden schien, wurden Milgrams Ergebnisse oft zitiert, um etwa die Greuel von Abu Ghureib zu erklären. In verschiedenen Varianten ist die Erkenntnis immer wieder erneuert worden - in (fast) jedem steckt ein Folterknecht.

Nun versuchte sich der Psychologe Jerry Burger erneut an Milgrams Versuchsaufbau. Seine implizite Kernfrage: Sind wir heute besser? Hat die Menschheit dazugelernt, lassen wir uns nicht mehr so einfach zu Folterern machen wie damals in den frühen Sechzigern? Das hat schon lange niemand mehr probiert - aus ethischen Gründen: Experimente wie das Original, in dem den Versuchspersonen suggeriert wurde, sie hätten einen Menschen gequält und womöglich dauerhaft geschädigt, gelten heute als nicht mehr vertretbar. In manchen Varianten der Originalexperimente verwies der "Schüler" im Nebenraum schreiend auf eine Herzerkrankung und verstummte dann. Probanden solchem Stress auszusetzen, widerspricht heutigen Ethik-Richtlinien für Experimente.

Weiterdrücken, auch wenn das Opfer nicht mehr reagiert

Also setzte Burger einen niedrigeren Abbruchpunkt an: Bei 150 Volt, im Original wie in der neuen Studie, schrie der "Schüler" zum ersten Mal vor Schmerzen auf. Bei Milgram zögerten die Versuchspersonen hier und wurden zum ersten Mal wirklich unsicher. Wer jenseits von 150 Volt weitermachte, tat das meist bis ganz ans Ende. Mehr als 80 Prozent der Probanden, die 150 Volt verabreicht hatten, drückten bis 450 Volt weiter auf die Knöpfe - auch wenn der Proband irgendwann weder auf die Fragen noch auf die Elektroschocks reagierte.

Burger ließ deshalb nur virtuelle Stromstöße bis 150 Volt austeilen. Wenn Probanden danach weitermachen wollten, hielt der Versuchsleiter sie davon ab. Es handele sich um "Gehorsam light", schreibt Alan Elms, der in den Sechzigern mit Milgram zusammenarbeitete, in einem Kommentar zu Burgers Studie. "Wenn man den Mann schreien hört 'lasst mich raus, ich halte es nicht mehr aus', ist das der Punkt, an dem der Stress, für den man Milgram kritisiert hat, einsetzt", sagt Burger über seine Studie, die nun im "American Psychologist" erscheint.

In der "Light"-Version waren nicht ganz so viele Versuchspersonen bereit, nach dem Schmerzensschrei noch weiterzumachen - 70 Prozent hätten auch den Knopf für 165 Volt noch gedrückt. Die Abweichung zum Original ist jedoch nicht einmal statistisch bedeutsam.

Um zu überprüfen, ob der mäßigende Einfluss einer zweiten Person daran etwas ändern würde, schleuste Burger in einem zweiten Experiment eine vermeintliche Co-Versuchsperson ein. Sie weigerte sich ab einer Spannung von 90 Volt, weitere Schocks zu verteilen. Doch trotz des guten Beispiels übernahmen die meisten der Versuchspersonen an dieser Stelle freiwillig die Aufgabe des Knöpfedrückens - und 65 Prozent der Teilnehmer hätten auch unter diesen Bedingungen nach dem Hilferuf noch weitergemacht. Ein "überraschendes und enttäuschendes" Ergebnis sei das, sagt Burger.

"Ernstzunehmende Lücke"

Eins mache seine Studie jedoch deutlich: Die "Vorstellung, dass die Menschen in den frühen sechziger Jahren irgendwie einfacher zu Gehorsam zu bewegen waren", sei nicht haltbar.

Milgrams früherer Mitarbeiter Elms zeigte sich einerseits schockiert von Burgers Ergebnissen. Er habe in Interviews immer wieder der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass die Ergebnisse aus den Sechzigern heute nicht mehr replizierbar wären, schreibt Elms in einem Kommentar. "Da gehen meine hoffnungsvollen Erwartungen über deutlich geringeren Gehorsam dahin!"

Er verweist jedoch auf Vorsichtsmaßnahmen, die Burger getroffen hat und die in seinen Augen das Ergebnis schwächen: Burger akzeptierte nur Versuchspersonen, die das Milgram-Experiment eigenen Angaben zufolge nicht kannten. Und er ließ von Psychiatern Interviews durchführen, um Menschen auszuschließen, denen die Stresssituation des Experimentes hätte Schaden zufügen können. Die nach dieser Doppelauswahl übriggebliebenen Probanden könnten möglicherweise "beträchtlich gehorsamer sein" als Durchschnittsmenschen, spekuliert Elms.

Ein zweiter Kommentator, der Psychologe Arthur Miller, spricht in der gleichen Ausgabe des "American Psychologist" sogar von "ethischem Overkill" in Burgers Studie. Man könne die Arbeit mit den Originalexperimenten nicht sinnvoll vergleichen. Dennoch seien Studien wie die Burgers gerade heute wieder dringend nötig, sie "füllen eine ernstzunehmende Lücke". Miller: "Die Bedingungen und Gründe zu verstehen, die Menschen dazu bringen, physischen Schmerz zu verursachen und Strafen bis hin zu Mord zu verteilen, insbesondere auf Befehl innerhalb einer Organisationshierarchie, ist heute vielleicht wichtiger als je zuvor."

Mit Material von Reuters



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