Klimawandel in Europa Höherer Stromverbrauch im Süden, geringerer im Norden

Bisher erreichen die Stromnetze in Europa im Winter ihre Spitzenlast, weil im Norden viel geheizt wird - auch mit Strom. Doch langfristig könnte die Strom-Hochsaison in den Sommer fallen. Der Grund: Mehr Klimaanlagen im Süden.

Klimaanlagen
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Der Klimawandel wird einer Studie zufolge den Stromverbrauch in Europa verändern. Im Süden des Kontinents werde er steigen, im Norden sinken, schreiben Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und der University of California in den "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Ihre Berechnungen basieren auf Beobachtungsdaten zu Elektrizität und Temperatur in 35 europäischen Ländern von 2006 bis 2012 - und auf Modellen dazu, wie sich das Klima bis Ende des 21. Jahrhunderts entwickelt, was wiederum von den CO2-Emissionen abhängt.

Werde der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) nicht eingedämmt, könnte in einem Großteil der Länder die jährliche Spitzenlast im Stromnetz nicht mehr - wie bisher - im Winter auftreten, sondern im Sommer. Auch in Deutschland könnte es diesen Wechsel geben, sagt Erstautorin Leonie Wenz. Selbst wenn der Ausstoß gemäß dem Pariser Klimaabkommen reduziert werde, gebe es Veränderungen - aber die seien weniger gravierend.

Am wenigsten Strom wird bei 22 Grad verbraucht

Der Stromverbrauch und die Tagesspitzenlast sind Wenz zufolge in ganz Europa am geringsten, wenn die maximale Tagestemperatur bei etwa 22 Grad liegt. Ist es kälter oder wärmer, steigen beide Werte. Bei Kälte, weil auch mit Strom geheizt wird, bei Wärme wird gekühlt. Letzteres gewinnt durch den Klimawandel an Bedeutung.

"Noch vor wenigen Jahrzehnten hatte kein Auto in Europa eine Klimaanlage, heute hat es fast jedes", sagt Co-Autor Anders Levermann: Diese Entwicklung werde es wohl auch für Gebäude in Europa geben. "Die Menschen werden ihre Umgebung kühlen müssen, um ihre Produktivität aufrechterhalten zu können, sei es im Alltag oder bei der Arbeit."

Für ganz Europa gesehen bleibt der Stromverbrauch durch den Klimawandel laut Studie relativ konstant. Doch die Verschiebung des Bedarfs in Richtung Süden und auch der Wechsel von Spitzenlasten vom Winter zum Sommer haben Auswirkungen auf Energiespeicher und auch auf die Übertragungsinfrastruktur.

Zeit, die Infrastruktur anzupassen

Dass es künftig einen höheren Bedarf an Stromtrassen vom Norden Europas nach Süden gibt, bedeutet das jedoch nicht automatisch. Zwar seien bisher die mittel- und nordeuropäischen Staaten Vorreiter bei erneuerbaren Energien, aber gerade im Süden gebe es großes Potenzial, sagt Energieökonom Sebastian Strunz vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, der an der Studie nicht beteiligt war.

Weil die Veränderungen den Berechnungen zufolge gegen Ende des Jahrhunderts am stärksten spürbar sind, bleibe noch Zeit, um die Infrastruktur anzupassen, sagt Wenz. "Je besser das geplant wird, desto besser kann man damit umgehen." Davon hänge auch ab, ob die Verbraucher Zusatzlasten zu tragen hätten und - falls ja - wie hoch diese ausfielen.

"Die Studie bestätigt, was wir schon länger denken: Bei der Umsetzung der Energiewende sollte nicht gezögert werden", sagt Strunz. Um die Klimaziele zu erreichen, müsse man eigentlich den Stromverbrauch senken. In Deutschland steige er der Studie zufolge leicht an. "Das zeigt deutlich die Herausforderung. Der Klimawandel macht es schwieriger, die Ziele zu erreichen - vor allem, je mehr dabei getrödelt wird."

jme/dpa

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