Studie Babys hungernder Mütter haben erhöhtes Suchtrisiko

Warum wird man süchtig - aufgrund genetischer Veranlagung oder doch wegen sozialer Umstände? Holländische Forscher haben nun einen weiteren Zusammenhang beschrieben: Menschen sollen im Laufe ihres Lebens eher abhängig werden, wenn ihre Mutter während der Schwangerschaft gehungert hat.

Von Nicole Simon


1,3 Millionen Alkohol- und 1,4 Millionen Arzneimittelabhängige allein in Deutschland - da stellt sich die Frage nach den Gründen einer Sucht. Forscher um Ernst Franzek von der Bouman GGZ in Rotterdam untersuchten in einer großen holländischen Studie Kinder, die zwischen 1944 und 1947, in Zeiten des holländischen Hungerwinters, geboren wurden. Dabei zeigte sich, dass Kinder, deren Mütter unter Nahrungsmittelknappheit und Hunger gelitten hatten, später ein erhöhtes Risiko für Suchtstörungen zeigten. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler im Fachblatt "Addiction".

Schwangere Frau: Mangelernährung während der Schwangerschaft erhöht das Risiko für die Kinder, später einmal süchtig zu werden
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Schwangere Frau: Mangelernährung während der Schwangerschaft erhöht das Risiko für die Kinder, später einmal süchtig zu werden

Im Oktober 1944 befand sich der nördliche Teil der Niederlande unter deutscher Besatzung und war von der Lebensmittelversorgung abgeschnitten. Viele Bewohner hatten nicht einmal 1000 Kilokalorien pro Tag zur Verfügung. Dabei benötigen Frauen für eine ausreichende Ernährung im Schnitt 2300 Kilokalorien pro Tag und Männer 2900. Die Folge: Viele litten unter Hunger, 22000 Menschen starben.

Die Ergebnisse der Studie zeigten ein kritisches Zeitfenster während der Schwangerschaft: "Hunger nach den ersten drei Monaten einer Schwangerschaft resultierte nicht in einem höheren Risiko für Suchtstörungen, was die Annahme stützt, dass gerade die erste Zeit der Schwangerschaft entscheidend ist für die Entwicklung des Belohnungssystems im Gehirn", sagte Franzek.

Das Belohnungssystem steuert die Reaktion auf positiv empfundene Ereignisse. Bei Drogenkonsum werden in diesem Netzwerk Hormone und Botenstoffe ausgeschüttet, die Abhängigen das typische High-Gefühl bescheren und sie nach immer mehr verlangen lassen.

Jakob Hein von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin überrascht der Zusammenhang zwischen Ernährung der Mutter und geistiger Entwicklung des Kindes nicht: "Mittlerweile weiß man sehr genau, dass das Essverhalten der Mutter einen großen Einfluss auf das ungeborene Kind hat", sagte Hein SPIEGEL ONLINE. Schon andere Studien dieser Wissenschaftler haben laut Hein gezeigt, dass Kinder aus einer Zeit großen Hungers im Laufe ihres Lebens eher zu Herzschwäche und psychischen Störungen wie Schizophrenie und Depressionen neigten als Kinder von Müttern mit ausreichender Nährstoffversorgung.

Man geht davon aus, dass 50 Prozent der Suchterkrankungen auf einer genetischen Veranlagung oder sonstigen neuronalen Störungen beruhen. Damit spielen diese Faktoren eine genauso große Rolle wie Umwelteinflüsse. "Vielen Menschen ist nicht klar, dass Abhängigkeit eine Krankheit ist wie Diabetes oder ein chronischer Nierenschaden", sagt Hein.

Isabella Heuser von der Charité Berlin beurteilt die Studie als gut, glaubt aber an weitere ursächliche Faktoren: "Die Störungen, die in dieser Studie präsentiert werden, lassen sich wahrscheinlich nicht nur auf die Mangelernährung zurückführen, sondern auch auf all die anderen psychosozialen Faktoren, der diese Mütter ausgesetzt waren", sagte Heuser SPIEGEL ONLINE.

"Aus Untersuchungen mit Ratten weiß man, wie Stress im Mutterleib zu verhaltensauffälligen und suchtgefährdeten Nachkommen führt", sagt Heuser. Stresshormone bekämen über die Plazenta der Mutter Zugang zum Körper der Nachkommen und würden die Erbinformation der Tiere verändern.

Die Ergebnisse der Studie geben Franzek Anlass zur Sorge: "Wenn nun die geistige Entwicklung des Säuglings auch von der Ernährung der Mutter abhängig ist, dann hat das beängstigende Konsequenzen für die hungernden Regionen in dieser Welt." Gemäß der Welthungerhilfe kommen jedes Jahr rund 20 Millionen unterernährte Kinder zur Welt.



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