Studie in Deutschland Schwangerschaften sind ansteckend

Eine Studie mit 42.000 Frauen aus Deutschland offenbart einen erstaunlichen Nachahmungseffekt: Ist die Kollegin schwanger, steigt die Wahrscheinlichkeit, selbst ein Baby zu bekommen.

Schwangere Frau: Wunsch nach Kind bei Kollegin geweckt
Corbis

Schwangere Frau: Wunsch nach Kind bei Kollegin geweckt


Hamburg - Was wir mögen, was wir tun, entscheiden wir nicht völlig frei. Der Einfluss von Freunden, Bekannten und Kollegen ist groß. Netzwerkforscher haben festgestellt, dass beispielsweise eine gesunde Ernährung ansteckend sein kann, genauso wie die Entscheidung, mit dem Rauchen aufzuhören. Sogar der eigene Entschluss, zu einer Wahl zu gehen, wird von der Entscheidung eigener Freunde beeinflusst.

Unter Arbeitskolleginnen sind aber sogar Schwangerschaften ansteckend, wie nun Wissenschaftler des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg (ifb) berichten. Henriette Engelhardt-Wölfler und ihre Kollegen hatten Daten von 42.394 Frauen aus 7.560 Betrieben in Deutschland aus den Jahren 1993 bis 2007 ausgewertet. Sie hatten sich dabei auf Unternehmen mit maximal 150 Personen beschränkt.

Man habe einen "deutlichen Ansteckungseffekt" beobachtet, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Die Wahrscheinlichkeit, im Jahr nachdem eine Kollegin Mutter geworden sei, schwanger zu werden, steige fast auf das Doppelte an. Auch im zweiten Jahr fänden sich noch Hinweise auf einen Ansteckungseffekt, wenn auch auf einem deutlich geringeren Niveau.

Die Wissenschaftler glauben, dass die Geburt bei einer Kollegin bei Frauen den Wunsch nach einem eigenen Kind weckt. Der Ansteckungseffekt war übrigens dann am größten, wenn der Altersunterschied der Frauen bei höchstens zwei Jahren lag.

Bei Geschwistern hatten Forscher bereits 2010 das gleiche Phänomen beobachtet. Eine Analyse norwegischer Registerdaten hatte gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für eine erstmalige Empfängnis in den zwölf Monaten nach Geburt eines Neffen oder einer Nichte deutlich ansteigt. Nun haben die Bamberger Forscher das Phänomen auch im Arbeitsumfeld nachgewiesen.

"Unsere Befunde zeigen, dass erwerbstätige Frauen, die sich für ein Kind entscheiden, eine Art Kettenreaktion unter ihren Kolleginnen hervorrufen können", schreiben Engelhardt-Wölfler und ihre Kollegen. Da die Entscheidung für ein Kind unter erheblicher Unsicherheit getroffen werde, seien die Erfahrungen von Kolleginnen offenbar besonders relevant. Die Ergebnisse der Studie böten eine neue Perspektive auf die Diskussion über die niedrige Geburtenrate in Deutschland.

hda



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