Studie Lügner haben andere Hirne

Wer häufig lügt, hat eine andere Hirnstruktur als normale Menschen. Wissenschaftler haben für diese Entdeckung eine plausible Erklärung: Lügen ist ein komplexer Vorgang, der ein dichteres Netz von Nervenzellen erfordert.


Ein Überschuss bestimmter Nervenfasern ermöglicht es krankhaften Lügnern, die Kunst des Betrügens perfekt zu beherrschen. Dies fanden US-Forscher heraus, als sie die Gehirnstruktur von Dauerlügnern untersuchten.

Gehirn-Modell: 25 Prozent mehr weiße Substanz als bei Nicht-Lügnern
DPA

Gehirn-Modell: 25 Prozent mehr weiße Substanz als bei Nicht-Lügnern

Diese Erkenntnis könnte vielleicht künftig in der Strafjustiz oder der Geschäftswelt angewendet werden, um Betrüger zu überführen, schreiben Yaling Yang und Adrian Raine von der University of Southern California in Los Angeles in der Fachzeitschrift "British Journal of Psychiatry".

Bereits in früheren Studien wurde bei Menschen eine erhöhte Aktivität des sogenannten präfrontalen Kortex nachgewiesen, wenn sie logen. Der präfrontale Kortex ist für das Empfinden eines schlechten Gewissens zuständig und verantwortlich für die Ausbildung von Moralvorstellungen.

Die Forscher um Yang und Raine untersuchten nun mithilfe der Magnetresonanztomographie die Hirnstrukturen von 49 Freiwilligen, von denen 12 krankhafte Lügner waren. Bei den krankhaften Lügnern waren rund 25 Prozent mehr von weißen Substanz vorhanden als bei Nicht-Lügnern. Von der grauen Substanz hingegen hatten die notorischen Lügner dafür etwa 14 Prozent weniger, stellten die Forscher fest. Während die graue Substanz vorwiegend aus Nervenzellkörpern besteht, wird die weiße Substanz aus Nervenfasern gebildet.

Dank des großen Anteils an weißer Substanz seien die Lügner in der Lage, die komplizierte Kunst des Betrügens perfekt zu beherrschen, erklärt Raine. Denn ein Lügner zu sein ist nicht einfach: Man muss die Denkweise der anderen Person kennen und die eigenen Gefühle unterdrücken können, damit der Betrug nicht auffliegt. Je mehr nun aber die Nerven miteinander vernetzt sind, desto leichter fällt einem Menschen das Lügen. Da Gewohnheitslügner weniger graue Substanz besitzen, scheren sie sich auch weniger um Fragen der Moral, erklären die Forscher.

Bei Menschen jedoch, die nicht krankhaft lügen, helfen die graue Substanz oder die Hirnzellen, die durch die weiße Substanz miteinander verbunden sind, das Lügen unter Kontrolle zu halten. Autistische Kinder zum Beispiel haben mehr graue Substanz und weniger weiße Substanz im präfrontalen Kortex. Deshalb fällt es diesen Patienten besonders schwer, zu lügen.

Die strukturellen Unterschiede im Gehirn können jedoch nicht für jedes Lügen verantwortlich gemacht werden, erklären die Forscher. Weitere Studien sollen Aufschluss darüber geben, ob andere Gehirnregionen ebenfalls einen Einfluss haben könnten.



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