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Studie mit Vieltrinkern: Kaffee verliert seine Muntermacher-Wirkung

Kaffee macht wach? Eine neue Studie zeigt: Das Getränk verliert auf Dauer seine Wirkung. Bei Vieltrinkern lindert es nur Entzugserscheinungen - sie fühlen sich nicht wacher als Kaffeeverweigerer.

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REUTERS

Kaffeekonsum: Vieltrinker fühlen sich nicht wacher als Abstinenzler

Jeden Morgen, rund um die Welt, geht ein Satz über die Lippen von Millionen von Menschen: "Ich brauch erst mal einen Kaffee." Ohne den Muntermacher, so die gängige Meinung, geht gar nichts. Wie soll man bitteschön sein Tagwerk beginnen können, ohne vorher die notwendige Dosis Koffein intus zu haben? Robbie Williams soll in seinen schlechteren Tagen 36 doppelte Espresso gebraucht haben; über den französischen Schriftsteller Honoré de Balzac wird kolportiert, er habe gar bis zu 50 Tassen täglich getrunken.

Für all diejenigen, die daran glauben, die schwarze Bohne würde für den Kick in den Tag sorgen, haben Forscher jetzt allerdings schlechte Nachrichten: Wer täglich Kaffee trinkt, bei dem bleibt genau dieser Effekt aus. Das ist das Ergebnis einer Studie, die englische Forscher von der University of Bristol gemeinsam mit Kollegen von den Universitäten Münster und Würzburg jetzt veröffentlicht haben.

Der regelmäßige Kaffeekonsum, berichten die Forscher im Fachblatt "Neuropsychopharmacology", führe dazu, dass die Person eine Toleranz entwickelt. Koffein, der Wirkstoff aus der Kaffeebohne, ähnelt in seiner Struktur einem körpereigenen Molekül namens Adenosin, welches wiederum ermüdend wirkt. Doch weil Koffein die Andockstellen für Adenosin blockiert, hemmt es den ermüdenden Effekt von Adenosin - deshalb hält Koffein auch wach.

Die Auswirkungen von Kaffee und Koffein sind enorm vielfältig - es gibt nur wenige Themenbereiche, die ähnlich viele wissenschaftliche Studien hervorgebracht haben, allerdings, das ist das Resümee all dieser Untersuchungen: Der Konsum von Kaffee und Koffein wird weitgehend als gefahrenlos eingestuft. Bereits in vergangenen Studien hatte man aber festgestellt, dass die Auswirkungen auf den Blutkreislauf und den Stoffwechsel bei gewohnheitsmäßigen Kaffeetrinkern gering sind.

Stimulierende Wirkung aufgehoben

Eine ähnliche Toleranzentwicklung gegenüber Koffein haben jetzt Peter Rogers, Erstautor der Studie, und seine Kollegen festgestellt: Demnach wirkt Kaffee bei regelmäßigen Konsumenten nicht mehr stimulierend. Gleiches gelte allerdings auch für die sogenannte anxiogene Wirkung von Koffein - mitunter kann der Stoff auch Angstgefühle hervorrufen.

"Jemand, der während der Arbeit regelmäßig Kaffee trinkt, am Wochenende etwa aber darauf verzichtet, könnte sich sonntags etwas matschig fühlen", sagt Rogers. "Es ist besser entweder jeden Tag Kaffee zu trinken oder es ganz bleiben zu lassen."

Doch woher rührt dann das subjektive Empfinden, dank der Dosis Kaffee morgens munterer zu sein? Die Forscher erklären das so: "Obwohl regelmäßige Kaffeetrinker sich durch das Koffein fitter fühlen, zeigen unsere Ergebnisse, dass es sich dabei lediglich um eine Aufhebung des umgekehrten Effekts handelt", sagt Rogers. Gemeint ist damit die Tatsache, dass ein Koffeinentzug, etwa über die Nacht hinweg, zu Ermüdungserscheinungen führt.

Die Wissenschaftler hatten insgesamt 379 Probanden darum gebeten, 16 Stunden lang auf den Konsum von Koffein zu verzichten. Die Hälfte der Studienteilnehmer war von Haus aus Nichtkonsument von Koffein beziehungsweise trank nur geringe Mengen (sei es in Form von Kaffee oder Tee). Die andere Hälfte der Teilnehmer nahm regelmäßig mittel bis viel Koffein zu sich (entsprechend mehrerer Kaffeetassen am Tag). Nach dem Entzugszeitfenster bekamen die Probanden entweder eine Koffeinpille oder ein Placebo, also eine Tablette ohne den Wirkstoff.

Anschließend mussten die Testpersonen ihren Zustand hinsichtlich Angstempfindungen, Wachsamkeit und Kopfschmerzen beurteilen. Nach Einnahme des Placebos sagten die mittleren bis Starken Koffeinkonsumenten aus, sie seien weniger fit, hätten aber vermehrt Kopfschmerzen - im Gegensatz zu den Probanden, die Koffeintabletten erhalten hatten.

Kopfschmerzen durch Koffeinentzug

Allerdings deckten sich ihre Aussagen mit denjenigen, die normalerweise kaum Koffein genießen und ebenfalls ein Placebo erhalten hatten: Deren Wachsamkeitsniveau war nach der Pille genauso hoch, wie das der Personen, die für gewöhnlich viel Koffein zu sich nehmen und ebenfalls ein Placebo erhalten hatten. "Der Koffeinschub bringt regelmäßige Konsumenten also nur wieder auf das Normalniveau zurück", sagt Rogers. Keine der Gruppen hatte ein höheres Wachsamkeitsniveau als die Placebo-Gruppe der Wenig-Koffein-Trinker.

Vier Probanden, deren Kaffeekonsum besonders hoch war, mussten sogar aus der Studie aussteigen, weil ihre Kopfschmerzen nach der Koffeinabstinenz zu stark waren. Wiederum klagten unregelmäßige Kaffeetrinker über mehr Kopfschmerzen, nachdem sie Koffeinpillen eingenommen hatten - fitter fühlten sie sich durch den Koffeinschub dennoch nicht.

Einen weiteren Zusammenhang konnten die Wissenschaftler zudem feststellen: Menschen mit einer genetischen Variante, die mit Angst und Panikattacken in Verbindung gebracht wird, tendieren nicht dazu, Kaffee zu meiden - im Gegenteil: sie trinken sogar etwas mehr Kaffee als diejenigen Personen, die diese genetische Eigenschaft nicht haben. Und das obwohl Koffein angstauslösend wirkt. Die Schlussfolgerung der Forscher: "Offenbar erhöht die leichte Anspannung den Kaffeegenuss noch mehr."

cib

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
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1. ...
tommm 04.06.2010
Sooo überraschend ist das Ergebnis der Studie nun auch wieder nicht. Wie bei anderen Stimulanzien/ Drogen auch gewöhnt sich das Nervensystem an den Dauerkonsum und entwickelt "Resistenzen". Nur über eine erhöhte Dosis kann ein weiterer Effekt erzielt werden.
2. Studieninflation
Bulgakow, 04.06.2010
Zitat von sysopKaffee macht wach? Eine neue Studie zeigt: Das Getränk verliert auf Dauer seine Wirkung. Bei Vieltrinkern lindert es nur Entzugserscheinungen - sie fühlen sich nicht wacher als Kaffee-Verweigerer. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,698509,00.html
Seltsam, für was heutzutage alles Geld ausgegeben wird. (was die meisten eh schon wissen)
3. sach ich doch...
tomtomtomtomtom 04.06.2010
Als Quasi-Nie-Koffein-Konsument reicht mir schon mittags eine Cola, um abends Einschlafprobleme zu bekommen. Wenn ich Kaffee trinke, geh ich voll auf den Trip. :-)
4. ...
Joachim Baum 04.06.2010
Zitat von BulgakowSeltsam, für was heutzutage alles Geld ausgegeben wird. (was die meisten eh schon wissen)
Wie es z.B. auch der Alte Fritz (http://www.kriminologie.uni-hamburg.de/wiki/index.php/Kaffeeverbot) schon geahnt haben muss :-)) (ich werde vorsorglich mal Kaffeepulver horten)
5. Richtig!
tz88ww 04.06.2010
Die Drogis bekämpfen letztendlich auch nur die Entzugserscheinungen. Ein anderer Aspekt (wahrscheinlich aber vernachlässigbar): Es gibt ja noch so eine vitaminähnliche Substanz im Kaffee - Nicotinamid (würde zu weit führen, dass jetzt zu erklären), die eine nicht unwesentliche Rolle im Stoffwechsel spielt. FRagt sich, ob die Menge im Kaffee ausreicht, um einen Teil der "Entzugserscheinungen" zu erklären. Einen schönen Tag noch.
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