Studie Raucher neigen häufiger zum Selbstmord

"Rauchen lässt ihre Haut altern", "Rauchen verursacht Impotenz": Diese Warnungen kennt man von Zigarettenschachteln. Aber wie wäre es mit: "Raucher haben ein höheres Selbstmordrisiko"? Zu diesem Schluss kommen deutsche Wissenschaftler - und rätseln über die Gründe.

Von Nicole Simon


Arme Raucher - sie bekommen nicht nur gelbe Finger und sterben vielleicht einmal an Lungenkrebs, sie sollen sich auch besonders häufig mit Selbstmordgedanken herumplagen. Was sich nach einem pseudowissenschaftlichen Zusammenhang anhört, ist das Ergebnis einer psychologischen Untersuchung durch ein Team um Thomas Bronisch vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München. Die Studie wurde jetzt im Fachblatt "Journal of Affective Disorders" veröffentlicht.

Raucher: Erhöhtes Risiko für einen Selbstmordversuch?
REUTERS

Raucher: Erhöhtes Risiko für einen Selbstmordversuch?

Fast jeder dritte Raucher hat schon einmal über Selbstmord nachgedacht, aber nur 15 Prozent der Nichtraucher. Das ist das Ergebnis einer Befragung von 3021 Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren. Noch deutlicher wurde der Unterschied zwischen Rauchern und Nichtrauchern, wenn es um den tatsächlichen Versuch ging, sich das Leben zu nehmen: Das Risiko für einen Selbstmordversuch war in dem Untersuchungszeitraum von vier Jahren für regelmäßige Raucher vier Mal so hoch.

Es gibt seit einiger Zeit Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen dem Griff zur Zigarette und Selbstmord. Ob Rauchen allerdings die Folge von selbstzerstörerischen Gedanken ist oder tatsächlich deren Ursache sein könnte, ist völlig offen. Möglich wäre auch, dass beides von einem gemeinsamen Faktor beeinflusst wird.

Thomas Bronisch, einer der Autoren der Studie, glaubt aber, dass Rauchen tatsächlich die Selbstmordneigung fördert. Zu SPIEGEL ONLINE sagte er: "Diese Studie konnte erstmals zeigen, dass die dumme Angewohnheit, zur Zigarette zu greifen, das Risiko für Selbstmordgedanken und deren Umsetzung erhöht."

Alkohol, Drogen und Depressionen ausgeschlossen

1995 wurden mit Hilfe des Einwohnermeldeamts Münchner Probanden ausfindig gemacht und nach ihren Rauchgewohnheiten sowie ihrem seelischen Befinden befragt. Die Wissenschaftler um Thomas Bronisch wollten von den Freiwilligen etwa wissen, ob sie sich jemals, über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen, so schlecht gefühlt hätten, dass sie an Selbstmord gedacht hätten. Um den Langzeiteffekt des Qualmens zu bestimmen, wurden 2548 der Freiwilligen vier Jahre später noch einmal zu ihrer seelischen Verfassung und ihrem Rauchverhalten befragt. Das Ergebnis: Je mehr die Probanden geraucht hatten, desto eher hatten sie Selbstmordgedanken. Um sicherzustellen, dass diese Beobachtungen nicht durch andere Faktoren beeinflusst wurden, schlossen die Wissenschaftler alkohol- und drogenabhängige Menschen aus der Statistik aus, ebenso wie solche, die schon zeitlebens depressiv waren.

Georg Juckel, ärztlicher Direktor der Psychiatrie der Universitätsklinik in Bochum, hält den Zusammenhang zwischen Rauchen und dem Auftreten von Selbstmordgedanken für eine interessante Aussage. "Es scheint tatsächlich eine Korrelation zu geben, die ich allerdings nicht für sehr groß halte. Zum einen hat sich niemand tatsächlich umgebracht, zum anderen sind Jugendliche befragt worden. In diesem Alter neigt man viel eher zu Selbstmordgedanken und probiert oft erstmals das Rauchen aus. Vielleicht sollte man das bei älteren Personen einmal überprüfen".

"Technisch gut gemachte Studie"

"Das ist eine technisch gut gemachte Studie", sagt auch Matthias Rothermund von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Münster. "Sie kann aber nicht mehr bringen als auf ein Problem hinzuweisen und lässt sich nicht auf den Einzelfall übertragen. Wenn zwei Leute in den gleichen Film gehen, heißt das nicht, dass sie sich übermäßig ähneln", sagt Rothermund. "Bei der Frage, ob Rauchen in direkter Konsequenz die Selbstmordneigung erhöht, wurden von einem 1000-Teile-Puzzle gerade einmal die Randstücke zusammengeführt."

So sind die Gründe für das erhöhte Risiko von Rauchern, einen Selbstmordversuch zu begehen, noch weitgehend unklar. Sie könnten sowohl in einer besonderen genetischen Veranlagung liegen, die Raucher zum Selbstmord verleitet, wie auch in einer veränderten Menge an Botenstoffen im Gehirn. Man weiß zum Beispiel, dass Nikotin einen Einfluss auf den Neurotransmitter Serotonin hat. Serotonin wiederum steuert die Aktivität bestimmter Bereiche im Gehirn und kann depressives und impulsives Verhalten auslösen. "Bisher sind das noch Spekulationen. Der nächste Schritt sollten Untersuchungen sein, die den Einfluss von Zigarettenrauch auf das Gehirn klären", sagt Thomas Bronisch.

Sollten sich Hinweise für einen derartigen Zusammenhang finden, gewänne der Satz "Rauchen ist Selbstmord auf Raten" eine ganz neue Bedeutung.



insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 15.01.2008
1. Ursache und Wirkung?
Oder sind potentielle Selbsmörder einfach nur öfter Raucher?
Rainer Helmbrecht 15.01.2008
2. Studien ?
Zitat von sysop"Rauchen lässt ihre Haut altern", "Rauchen verursacht Impotenz": Diese Warnungen kennt man von Zigarettenschachteln. Aber wie wäre es mit: "Raucher haben ein höheres Selbstmordrisiko"? Zu diesem Schluss kommen deutsche Wissenschaftler - und rätseln über die Gründe. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,528149,00.html
Hoffentlich machen die nicht den Jopy Heesters verrückt;o). Jetzt verstehe ich das Rauchverbot gar nicht mehr, das hätte sich doch von allein gelöst;o). MfG. Rainer
j.hinz 15.01.2008
3. Psychische Labilität
Also ich finde diese Korrelation nicht so überraschend. Wer sich in die Abhängigkeit der Nikotinsucht begibt (und JEDEM Raucher ist klar, daß der Zigarettenkonsum über kurz oder lang (eher kurz) zur psychischen und körperlichen Abhängingkeit führt), der muß ja schon über eine psychische Disposition zur Labilität verfügen. Und das zeichnet auch suizidale Gedanken aus.
Stefan Postatny 15.01.2008
4. Selbstmordgefährdet durch die Politik?
Kein Wunder, dass Raucher selbstmordgefährdet sind! Die Motivation Raucher zu traktieren ist ja nach wie vor ungebrochen und seit Jahren müssen Raucher ihren Kopf für scheinbar überschüssige Kräfte der Politik herhalten. Ist ernster gemeint, als es scheint: Selbst mir als Nichtraucher geht es mittlerweile auf den Senkel, den Raucher seit Jahren als permanenten und omnipräsenten Buhmann der Nation zu erleben. Irgendwann muss auch mal gut sein und es muss doch wichtigere Themen geben?
nilux 15.01.2008
5. Wer hätte das gedacht?
Kann jeder Raucher nun auf der Zigarettenpackung nachlesen, dass er -statistisch- Selbstmordgedanken hat oder raucht der Raucher, weil ihm sein Leben nichts bedeutet? Ursache oder Wirkung? Um das raus zu finden muss man wohl kein staatlich geförderter Wissenschaftler sein ...
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