Studie unter Mönchen Lebe langsam, stirb alt

Männer, die viel trinken, rauchen und schnelle Autos fahren, haben vielleicht mehr Spaß - sterben dafür aber früher, wie deutsche Forscher jetzt herausfanden. Mönche nämlich haben eine deutlich höhere Lebenserwartung als der Rest der Männerwelt.


Mönch in der Oberpfalz: Langer Lebensweg
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Die Debatte darüber, ob für die Lebenserwartung eher biologische Gründe oder Verhaltensweisen ausschlaggebend sind, treibt die Wissenschaftler bereits seit vielen Jahren um. Allerdings fehlte bislang ein empirischer Beweis. Der deutsche Wissenschaftler Marc Luy vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden hat dazu jetzt eine Studie vorgestellt, die das Pferd gleichsam von hinten aufzäumt.

Luy untersuchte die Sterblichkeitsdaten von mehr als 11.000 Nonnen und Mönchen in bayerischen Klostern im Zeitraum von 1890 bis 1995. "Ziel der Untersuchung war es, herauszufinden, ob sich die Lebenserwartung von Nonnen und Mönchen deutlich anders entwickelt hat als die der Männer und Frauen in der Gesamtbevölkerung."

Warum ausgerechnet eine Studie in Klöstern? "Dort leben die Mönche und Nonnen weitestgehend unter identischen Verhältnissen. Sie halten sich in der gleichen Umgebung auf, haben ähnliche Tagesabläufe, ernähren sich gleich", erläutert der Wissenschaftler. Die so genannten Verhaltens-und Umgebungsfaktoren könnten also bezüglich der Lebenserwartung im Kloster keine nennenswerte Rolle spielen, vor allem "männliche Domänen", die sich nachteilig auf die Lebenserwartung auswirken: Unfälle im Straßenverkehr, gesundheitsgefährdende Berufe, hoher Alkohol- und Nikotinkonsum.

Unterschiede werden kleiner

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Aus den seit 1871 in Deutschland geführten Sterbetafeln für die Gesamtbevölkerung gehe hervor, dass "die Frauen bis vor dem Zweiten Weltkrieg eine um zwei bis drei Jahre höhere Lebenserwartung hatten". Nach 1945 sei diese Schere immer weiter auseinander gegangen und habe sich erst jüngst wieder etwas geschlossen. Heutzutage leben die Frauen durchschnittlich etwa sechs Jahre länger als die Männer. In anderen Ländern trete dieses Phänomen ähnlich oder noch deutlicher auf: In Japan, dem Land mit der höchsten Lebenserwartung sind es sieben, in Frankreich acht und in Russland sogar zehn Jahre.

In seiner Klosterstudie kam der Wiesbadener Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass die durchschnittliche Lebenserwartung der Nonnen in Klöstern "nur um ein bis maximal zwei Jahre über der der Mönche liegt". Die Lebenserwartung der Mönche liege deutlich höher als die der männlichen Gesamtbevölkerung, während Nonnen im Wesentlichen genauso alt werden wie Frauen außerhalb von Klöstern. "Von den etwa sechs Jahren Unterschied sind nach dem Ergebnis der Untersuchung bis zu fünf Jahre auf unterschiedliche Lebensweisen und nicht auf biologische Faktoren zurückzuführen", bilanziert Luy.

Benediktinermönch im bayrischen Ottobeuren: Fast so alt wie die Nonnen
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Diesen biologischen Faktoren sind die Wissenschaftler ebenfalls auf der Spur. Der Nürnberger Biomediziner Thorolf Brosche verweist auf Studien, nach denen ein spezieller Faktor für die geringere Lebenserwartung der Männer buchstäblich hausgemacht ist: "Das Geschlechtshormon Testosteron hat im fortgeschrittenen Alter einen so genannten immunsupressiven Effekt. Es wirkt sich also mit Erreichen eines bestimmten Alters nachteilig auf die Infektionsanfälligkeit des Mannes aus." Dieser Effekt sei sowohl beim Menschen als auch bei jenen Affenarten beobachtet worden, die dem Menschen entwicklungsgeschichtlich am nächsten stehen - den Primaten.

"Kohorteneffekt" bei Männern

Dazu passt eine weitere, speziell deutsche Besonderheit, auf die Marc Luy hinweist: "Es gibt einen so genannten Kohorteneffekt bei Männern, die gegen Ende oder unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden." Diese auffällig höhere Sterberate bei Männern führen die Wissenschaftler auf die Tatsache zurück, dass viele Kinder in der Notzeit nach 1945 mit Mangelerscheinungen aufwuchsen. "Offenbar haben die Männer dies wegen ihrer geringeren Fähigkeit, Fettreserven bilden zu können, schlechter weggesteckt."

Allerdings gebe es in der Gesamtbevölkerung einen leichten Umkehrtrend. "Die Schere der Lebenserwartung schließt sich wieder ein wenig, vermutlich weil Frauen inzwischen sehr viel öfter rauchen als früher und sich auch deutlich mehr Stress zumuten", sagt Luy.

Peter Leveringhaus, ddp



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